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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-29 · Heft 35 (29.8.1919) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 35 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Wohlfahrtselnrrchtnngen gegenüber und»' ein enges Zusammenarbeiten mit ihnen erstrebt. So wurde b&c. Anschluß an das in Elberfeld neugeschaffene städtische Wohlfahrtsamt erreicht. Für das Auskunftsbuch der gesamten deutschen Wohlfahrt, das der Freiwillige Erziehungsbeirat, Ableitung fiir deutsches Jugendrecht irr Berlin, hernuszugeben beabsichtigt, ist unser Ncaterial angegeben worden, ebenso für das geplante Handbuch über sämtliche Wohlfahrtseinrick)- tungen Elberfelds. Unsere Benrühungen, Schulentlassene in Anstalten zwecks weiterer Ausbildung unter zu bringen, waren verschiedentlich von Erfolg gekrönt. Die dem Verband angeschlossenen Körperschafteni haben sich verpflichtet, alle ihnen zugehe r:.den Aufforderungen zu Sammlungen zur Vermeidung von unzweckmäßiger. und doppelter Hilfe durch ihn begutachten und abstempeln zu lassen. Ter Verband ist bei Sitzungen der Wohltätigkeitsvereine vertreten, und feine Geschäftsstelle steht denselben zur Erledigung von Aufträgen zur Versügurig. Nach Erstattung des Geschäftsberichts erhielt Herr Tr. Grüneberg (Elberfeld) das Wort zu seinem Vortrage über das Thema: „Der soziale Gedanke und seine Wandlungen im Judentum". Er führte etwa folgendes aus: Schon in ihren flaffifcfyen Zeiten war das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit bei den Juden so stark, daß ein wesentlicher Teil ihrer Gesetze, wie die die Nationalisierung des Bodens, die Erbpacht und das Erbbaurecht betreffenden, davon beeinslnßt und alle Gebiete des gemeinschaftlichen Lebens von den Aeußerungen der sozialen Fürsorge durchsetzt wurden. Ein Umschwung trat mit Aenderung der äußeren Lage der Judenheit ein, die zu einein > Rückschritt insofern führte, als an Stelle der weitblickenden sozialen | Fürsorge die jüdische Armenfürsorge trat, die allerdings mit offener Hand und warmem Herzen gab, aber nichts anderes.sein konnte als symptomatische Hilfe für den, über den das Unglück bereits hereingebrochen war. Erst in neuerer Zeit sehen wir überall, auch in Deutschland, Bestrebungen, die dem alten jüdischen Geist der sozialen Fürsorge zur Auferstehung verhelfen wollen. Es schließen sich Gemeinden, Vereine und Einrichtungen mit sozialer Tendenz zusammen, deren Leitmotiv es ist, wo irgendwie sich die Möglichkeit bietet, vorbeugende Hilsstütigkeit zu Leisten. Diese Arbeit ist groß und schwer, aber auch außerordentlich dankbar. Eines der wichtigsten Arbeitsfelder ist die Berufsberatung im Sinne auch einer Bernfsumschichtnng zugunsten der produktiven Berufe: Landwirtschaft, Gartenbau, Industrie, Handwerk und Beamtentätigkeit. Weitere Gebiete siird Stellenvermittelung, Mütterberatung, Jugendfürsorge für die Schuljugend und Schulentlassene durch Veranstaltung. von Ausstellungen, für jüdische Jugendliteratur, Gründung von Bibliotheken, Lesehallen ufw. Diesen Aufgaben, führte der Redner aus, kann sich tein Jude und keine Jüdin, sofern es ihnen Ernst ist um die Zutunst unserer Gemeinschaft, auf die Dauer indifferent und untätig gegenüber stellen-. Nach dem mit großem Beifall aufgenommenen Bortrag referierte Herr San:- iätsrat Dr. Ollen darf (Barmen) über den Plan einer jüdischen Jugendschristenausstellung.. Jede Gelegenheit, für die Jugend, dem Gegenstand vieler Sorgen und Hoffniingen, etwas zu tun, sei zil ergreifen. Ein Mittel der Jugendpflege sei die Beschaffung von guten Schriften mrd Büchern, llnsere Borfahren tafelt Erbaunngsschriften, Märchen und Sagen, wie Midrasch ufw. In der ersten Zeit der Emanzipation wurde durch die Wirkung der Klassiker vorwiegend Gutes gelesen, während zu Ende des 1V. Jahrhunderts viel Schäd- Uches, z. B. die seichten Romane der Rkarlitt, Heimbnrg, Werner, geschrieben wurden, ganz zu fchlveigen von,-den Räubergeschichten und uynlichen Erzeugnifsen. Die Zeit des jüdischen Erwachens muß auch oas Interesse für diesen wichtigen Hebel der Erziehung bringen. In erster Linie haben hier Gelneindebibliokheten und Lesehallen die Vermittelung von guten Büchern zu übernehmen. Die Jugendschrifteuansstellung soll die jüdische Literatur bekannt machen und m die jüdischen Häuser hinei nt ragen, zugleich den Eltern ein Wegweiser dafür fern, welche Schriften zu kaufen uud rvelche als Schuudlrteralur zu verwerfen sind. Teil interessierenden Darlegungen des Herrn Referenten ftinimte die Versammlung bei lind beschloß die Veranstaltung einer jüdischen Jugendschristenaüsstellllng vor dem Chanukafeste, und zwar, da an denr Zustandekommen einer derarltgen Ausstellung eine ganze Reihe von Vereinen interessiert sind, \m Rahmen des Woh>l'fah.rtsve rbandes. Die zllr Einzeichnung von Jahres- und einmaligen Beiträgen aufliegenden Listen brachtell dein Wohlfahrtsverband eine Anzahl von Stiftern, und Förderern, und es ist 311 hoffen, daß der Verband, durch die lebendige Mitarbeit allerin ihm vereinigten Kräfte immer mehr allsgestaltet lind finanziell gestärkt. noch viel gute jüdische Arbeit leisten wird, ivelcher Wunsch and) lit den Schlußworten zum Ausdruck kam. Hannover, 22. August. Jäh herausgerissen ans umfangreicher und menschenfreundlicher Arbeit, verschied am 8. d. Nt. Herr Konfnl M a r k n s L. I a f f e dahier. Ein Herzschlag setzte feinem segensreichen Wirken inmitten einer Vorstandssitzung der Alexander und Fanny Simonschen Stiftung, deren Geschäftführung er als Stellvertreter übernommen, ein plötzliches Ende. Nahezu 70 Jahre alt, war er nach Aussehen und Arbeitslust wie ein Fünfzigjähriger. Noch verhältnismäßig jung, hatte er sich vom Geschäftsleben zllrückgezogen, um sich fortan ganz philanthropischer Tätigkeit zu widmen. Er führte den Vorsitz im Israelitischen Krankenpflegeverein, in der Israelitischen Darlehnskasse und saß im Vorstande der oben genannten Stiftllng, der Gartenballschule Ahlem, des Israelitischen Simonschen Waisenhauses und des Israelitischen Kinderhortes. Auch hatte er feit vorigem Jahre interimistisch die Stelle des Geschäftsführers der von der Simon-Stiftung begründeten Landllnd Lehrgutsgesellschast Steinhorst, G. m. b. H., übernommen. In allen vorstehenden Stellungen war er auch da, wo ihm die Geschäftsführung nicht ausschließlich oblag, lebhaft an den Arbeiten beteiligt. Eine rege Arbeitssreudigkeit, ein liebenswürdiges Wesen und seltene Akkuratesse und Pünktlichkeit standen ihm dabei zur Seite. Wenn wir das Dichterwort heranziehen: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut", so ist damit fein Charakterbild treffend gezeichnet; alles war er in hohem Maße. Er ist dahingegangen aus glücklichster Ehe, aus weitem Freundeskreise, begnadet mit einem leichten, unbewußten Ende. In der Gemeinde wird sein Andenken in hohen Ehren fortleben. Seutlch-Nrlttrreich. Z. Wien, 22. August. Ein Mitglied des Budapester jüdischen Hilfskomitees übermittelt der „Wiener Morgenpost" fotgellde entsetzliche Einzelheiten über die letzten mit raffiniertester Grausamkeit inszenierten Judenversolgungen im kommunistischen Ungarn, die hier stark gekürzt wiedergegeben seien. Nach der bis zum 15. Juli durchgesührten Alllneldung aller galizischen Flüchtlinge belagerten in der Nacht des 15. Juli Abteilungen der Noten Garde die von Juden de-, wohnten Viertel Budapests, schleppten alle Männer, Frauen, Greise, Kinder und Kranke, auch ungarische Juden, aus. den Betten, ohne ihnen Zeit zu lassen, auch mir ein Stückchen Brot zu sich zu nehmen, und trieben sie herdenweise ins Schubhaus. Drei Tage laug, bis Freitag, den 18. Juli, mußten gegen 3000 Juden in brennender Sounenglut auf dem Steinpflaster ausharren. Genosse Hvrty führte höchstpersönlich die Untersuchung. Entgegen dem abgegebenen Versprechen wurde ihnen alles Geld, vor allem das „blaue", fortgenommen und einem jeden im Maximum 5000 Kronen in wertlosem „weißen" Golde ausgesvlgt. Es halsen keine Bitten und Rekurse. „Alte werden abgeschoben", lautete der" Befehl Hortys. Selbst Leute, die schon mehr als zwanzig Jahre in Budapest wählten und schon vor Jahren d:e ungarische Staatsbürgerschaft erworben haben, mußten biniten acht Tagen die Stadt verlassen, darunter Leute, die fünf Jahre als „Honved" -cm der Front dienten. Da Horty allein, ohne irgendwelche Assistenz, die Untersuchung führte, mußten, die Unglücklichen einige Tage „vergattert" unter freiem HimuuWstehen, wobei auch inehrere UnglücksfüUe vorkamen. Eine schwangere Jüdin bekam einen Blutsturz und starb an Ort und Stelle. Ein kleines Kind tvurde zu Tode getreten. Bei der Einwaggonierung der Abgeschobenen wurden drei jüdische Kinder zertreten. Beim Abtransport schrie der verwilderte Pöbel: „Wozu führt man diese Leute weg, nehmet lieber Alaschin-enge\vehre und erschießt die ganze Bande." Nach schwerer Mühe gelang es dem Hilsskomit.ee der Budapester Juden, zu, erwirken, den Flüchtlingen am Bahnhose Brot und Kaffee reichen zu dürfen. A-ls die Komiteemitglieder auf den Bahnhof kamen, wurde ihnen erklärt, der Zug sei bereits in Komorn. Sie fuhren bis Raab nach, aber auch dort trafen sie den Zug nicht mehr an. Was Mit den unglücklichen Juden weiter geschehen ist, ist bisher unbekannt. Oolm. Z. Lvvz, im August. Hier haben sich aufs neue Mißhandlungen von Juden ereignet. An der Ecke der Ziegel- -und Kontnastraße, am großen Exerzierplatz, trafen zwei Soldaten der Haller-Truppen am 29. Juli einen ärmlich -gekleideten Juden. Sie ergriffen ihn und versuchten, ihm den Bart abzuschneiden. Auf die Hilferufe des Juden eilten andere Juden, darunter ein kräftiger jüdischer Fleischergeselle.

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