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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-29 · Heft 35 (29.8.1919) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 35 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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396 dazustehen urvd Sara-Lea anzuglotzen? Bald aber suchte sich Benjamin zu Überreben, daß der Vorgang ganz harmloser Natur gewesen sei. Sara-Lea hat am Fenster gestanden und der rote Awrum hat hinübergeschaut — was war denn Schlimmes dabei? Schließlich hat doch jedermann das Recht, dort zu stehen, wo es ihm zu stehen beliebt, und das zu betrachten, was sich als angenehmer Anblick seinem Auge darbietet ... Er erhob sich. Es war eine sternenhelle Nacht. Wie in einen Silbernebel war der ganze Umkreis gehüllt. Kein Lüftchen regte sich. Die Bäume standen da,' grad und unl>eweglich, wie Tempeljuden beim Achtzehngebet. Drunten lag die Stadt in einer fast andächtigen Ruhe. Vom jenseitigen« Ufer blinkten« einige Gasflammen herüber, die wie Glühwürmer aussahen. Auf -dem spiegelglatten Fluß schwamm ein Ruderboot, mit roten und grünen« Lampions geschmückt. . Drin sahen einige junge Leute, einer spielte auf einer Ziehharmonika 'die Melodie des hebräischen Liedes „Noch ist unsere Hoffnung nicht geschwunden", und -einige .Herrenstimmen sangen den Text dazu. Hell klang das LiÄ> durch die Stille der Nacht. Es tat Benjamin wohl, das Lied zu hören. Das Bild stillen Friedens, das er jetzt schaute, war ja selbst ein labender Quell, woraus der gesunkene Mut neue Hoffwung schöpfte. Freilich, die drei Kreuze auf der Bergesihöhe blickten etwas düster rn? die sternenhelle Nacht und schienen ganz andere Botschaft zu künden .... Aber Benjamin beachtete die drei Kreuze nicht, sondern -nahm das Bild des Friedens und den Gesang der Hoffnung in sich auf, und war wieder frohen Mutes. Gut gelaunt, selbstzufriedein, die Hände in den Rocktaschen, begann er langsam den Berg hinunterzusteigen. Da knisterte etwas in der Rocktasche; es fühlte sich wie ein schmales Briefchen an. Er zog es rasch heraus — es war die Photographie Sara-Leas. Im ersten Augenblick erschrak er. Wie war nur die Photographie in seine Rocktasche gekommen? Hatte Sara-Lea sie ihn: selbst gegeben, oder hatte er sie. aus Versehen in seine Tasche gesteckt? Er beruhigte sich indes bald. Noch immer klang das Hofsnungslied aus dem rotgrün flimmernden Ruderboot herüber, und er mußte an das Konzert der Konzerte denken, wie es ihm Sara-Lea vorgelesen hatte. Und seltsam, während er an Sara-Lea dachte, sah er nur die rundgeformte Maid Iankel Krummholzens vor sich .... Er geriet darüber in Zorn ... Plötzlich 'durchzuckte ihn ein Gedanke . . . Er rannte den Berg hinunter, rannte durch den Kai, über den« Ringplatz, durcheilte die Kasimirgasse — und befand sich endlich zu Hause. In aller Hast verzehrte er das Abendbrot, das ihm Tante Mir! vorsetzte. Dann begab er. sich auf sein Zimmerchen, schloß sich ein, setzte sich, an den Tisch, breitete vor sich einen' Bogen weißes Papier aus, griff nach der Feder, und schrieb . . . und schrieb ... Der wichtige Dienstag war gekommen, der Tag, an dem der Besuch von Iankel Krummholz und Esriel Lamdan erwartet wurde. Tante Mirl hatte zur Bewirtung der „ ehreninerten Gäste" Wein und Torte und Eingemachtes und Obst vorbereitet. Auch Onkel Ehajim hatte in seiner Weise für einen würdigen Empfang gesorgt; er hatte sich nämlich einen neuen Kaftan machen lasten; denn es schickte sich nicht, meinte er, tit seinem alten, schäbigen, grünlich schimmernden Kaftan solche Gäste zu empfangen. (Fortsetzung folgt.) Lilrrarikchr Mitteilungen. — T i e Giebel u n g. Roman von A u g u st e H a u s ch n e r. Verlag Egon Fleischet u. Eo.. Berlin 1918. Die neueste literarische Arbeit der bekannten und gern gelesenen Verfasserin unterscheidet sich von manchem ihrer früheren Werke durch drei Momente: 1. Sie führt uns nicht nach Ländern außerhalb des Deutschen Reiches, z. B. nicht nach Prag, wohin uns die Autorin so gern geleitete, sondern nach Ostpreußen. 2. Sie erzählt nicht von fremden Zeiten, nicht vom siebzehnten und von der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die uns Frau. Hauschner rehemals vergegenwärtigte, sondern von der unmittelbaren Gegenwart. 3. Sie spricht nicht von interessanten Erlebnissen. Liebes- und Lebenskämpfen, sondern behandelt im wesentlichen ein soziales Problem. Wie der Titel andeutet, wird von einer Sie-delüng gesprochen, nämlich dem Bersucke eines wackeren ostpreußischen Mannes, -der in Amerika praktisch und durch Lektüre die Idee einer gemeinsamen Bearbeitung des Bodens durch eine Bereinigung gleich-denkender, ideal gesinnter Menschen kennengelernt hat und diese nun auf einem von einem Jugendfreunde gepachteten Stück Land durchzuführen gedenkt. Die Charaktere des Haupthelden und seiner Genossen sind scharf Umrissen; die feindliche Berührung des idealen Strebens mit der rauhen Wirklichkeit ist stimmungsvoll durckaekübrt. Der Roman fesselt durch interessante Charakteristiken eines Amerikaners und seiner Tochter und mancher Nebenpersonen. Trotzdem hat das Werk eine gewisse Zwiespältigkeit, die dem Leser den Genuß einigermaßen verkümmert. Es hätte zu einem wichtigen Werke ausreisen können, wenn die Dichterin das Gelingen oder das Scheitern des Plaues uns gezeigt hätte. Statt dessen läßt sie das GanAe dilrch den Krieg unterbrechen.- entläßt I uns mit einer aewisten Ungewißheit, und mischt in die Darstellung dieser utopistischen Ideale reale Liebesabenteuer, die im -Grunde mit der Hoiivtabsickt des Werkes nichts m tun haben und etwas künstlich damit vereinigt find. So anmutig eine der Hauptpersonen, der nvanAwiährige Sobn des Stifters der Kolonie, auch gEicknet ist so hab?n seine erotischen Abenteuer und sein schließlicher Tod bei der Verteidigung des von ihm angebeteten Mädchens gegen räuberische Ueberfälle mit der eigentlichen Idee des Werkes nichts zu tun. Es wird dadurch dem Ganzen ein abrupter Schluß bereitet, -der mit dem innerlichen Wesen des Buches,in keiner organischen Verbindung steht. Dieses Werk einer bedeutenden Schriftstellerin, die unseren Reihen entstammt, wäre an sich wert, einem literaturfreundlichen Publikum auch in dielen Blättern voraeführt An werden: eine besondere Bereebtignng unserer Vorführung entnehme ich aber dem Umstande, daß eine nidiscke Persönlichkeit häufig in dem Romane vorkommt. Das ist einer der Kolonisten, Evhraim Lewicki. der mit schwärmerischer Zuneigung an dem jugendlichen Helden hängt, der lein Judentum offen bekannt und darunter leidet. Die wesentlichen Stelen, in denen er vorkommt, sind S. 66. S. 123. S. 169, S. 207 ff.. 266 ff. und 317 sf. Au der einen wird die Empörung des Juden aeschildort. da feine Genossen sich weigern, noch mehr Judm in die Sn^olnng außrunchmen. In der zweiten kommt das schwärmerische Verhältnis des nmaen Inden au seinem Jugendfreunde Aimt Aus- Nnrf. Dlr wichtigste ist die letzterwähnte. Bei dem Ansbruch des Krieges hat Ephraim das Bekenntnis eines deutschen Inden ans- Ansvrechen. Er lagt: ..Soll ich mir vielleicht wieder sagen lassen, der . Jud' natürlich, überall drängt er sich vor. aber wenn es an sein bissel Leben geht, dann versteckt er sich. Ter Jud' ist feig, er ist kein Deutscher. wir wollen ihn nicht dulden unter uns?" Dann fährt er fort: „Verzeiht mir. liebe Freundin, geliebte Mutter Dorothea. - hochverehrter Meister. ' Ich bin kein Ueberläufer. Gott ist mein Jeuge. daß ich mit mir kämpfe. seit Nächten habe ich kein Auge zugemacht. Aber mit muß ich. ich bin der Judenfchast das schuldig. Ich will dorthin geschickt sein, wo die Gefahr am größten ist; der Christ soll sehen, daß der Jud' nicht nur seinesgleichen. daß er ist tapferer, deutscher und doch menschlicher als wie der Goi," und er schließt: „Den Krieg verfluche ich wie du, geliebter Meister, und wenn Gott will, daß ich aus seinen Greueln wiederkomme, bin ich wieder mit Leib und Seele dein." Schon wegen dieser Stellen verdient der Roman auch in unseren Kreisen große Beachtung. Aber das ganze Werk ist trotz mancher Ausstellungen, die ich nicht unterdrücken konnte, so interessant, eine so geistreiche Ausführung eines wichtigen Problems, daß es schon seims allgemeinen Inhalts wegen verdient, an dieser Stelle kurz gewürdigt zu werden. (Aus Ludwig Geigers Nachlaß. T. Heb-)

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