Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 395 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229425--75134-3287624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
395 Freundlichkette'Nl sagt, und siehe da, das Ergebnis war, daß Benjamin verstimmt wurde. Das war gegen feine Absicht. Er versuchte daher, jenen Ton anzunehmen der ernstklingt und deshalb aufrichtig erscheint. „Warum beleidigst du. mich?" sprach er 'gedehnt und feierlich. „Hab', ich dich etwa beleidigt? Zwischen zwei Brüdern wie wir braucht man wirklich nicht jedes Wort auf die Goldwage zu legem. Es liegt wir vollkommen fern, mich in Privatangelegenheiten; zu mischen. Wenn« ich dennoch in gutgemeintem Scherz eine Andeutung auf deine bevorstehende Verlobung mir erlaubte, so geschah es nur, weil ich es nicht für indiskret hielt, von einer Sache zu sprechen, die heute oder morgen allgemein bekannt sein wird. Und dann«, wem Hab' ich denn die Andeutung gemacht? Doch nur dir selbst!" „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen," emtgegnete Benjamin. „Du hast dich nicht in. meine Privatangelegenhell gemischt, ich Hab' dich nicht beleidigt, die Sache ist in Ordnung. Aber neugierig bin ich doch, wer es dir gesagt haben kann, daß ich mich demnächst verloben werde." „Du scheinst es zu vergessen!, daß ich der Sohn Rabbi Dowbers bin," sagte Awrum, indem er wieder in den früheren, gewollt freundlichen Ton verfiel. „Du glaubst doch nicht etwa, Jankel Krummholz würde einen Mann für seine Tochter lvählew, ohne meinen Vater vorerst zu fragen." „Solange nicht etwas ist, kann man nie wissen, wie es werden wird." „Sehr richtig! Jedenfalls, ich -wünsche dir alles Beste." Awrum reichte ihm die Hand und ging ins Haus. .Mißmutig'schleuderte Benjamin durch die stillen Gassen. Wie ein, Nachtwandler ging er seinen Weg, den Weg zurück m die Stadt, ohne sich der Richtung und des Zieles bewußt ][\ sein. In wildem Durcheinander stürmten die Gedanken auf ihn ein; er war nickt imstande, einen einzigen! zu fassen. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, als wollte er seiner Unruhe valt gebieten, als versuchte er seiner inneren Aufregung Herr gl werden. Aber immer wieder brach der innere Sturm los; er fühlte sich beunruhigt, geängstet, beklommen, als verfolgte ihn jemand, dem er nicht gewachsen war, als stünde ihm jemand im Wege, vor dem er sich fürchten müßte. Furcht — wovor? Ja, das wußte er eben nicht. Das eine nur empfand er klar: voller Jubel war er aus dem Hause Schlütes gegangen, und jetzt trug er ein Herz voller Kummer ... Mit kummervollem Herzen ging er durch stille schmale Gäßchen, durch vornehme breite Straßen dann den Fluß entlang, am der eisernen Hängebrücke vorbei, bis er den Kai erreichte. Es war in der Feierabendstunde. Der Kai wimmelte vor: Spaziergängern, junge Mädchen mit lachenden Gesichtern promenierten, junge Herrchen mit zierlichen Stückchen gingen auf und nieder, ältere Damen; saßen auf- Bänken und tauschten Tagesneuigkeiten aus, ältere Herren schritten gemessenen Schrittes einher und sprachen über Politik und kommunale Angelegenheiten, und die „Stadtintelligenz", männlichen wie weiblichen Geschlechts, löste im Gehen Probleme, nannte hundertllndeinrnal den Namen Nietzsche und zeigte das Bestreben, sich allmählich zum Uebermemschen hinaufzuspazieren. Benjamin sah und hörte nichts und ging einsam mitten unter den vielen Passanten. Da hörte er dicht neben sich eine Stimme seinen Namen rufen. Er wandte den Kopf um, und gewahrte in seiner Nähe Feiwisch Narr. „Gehst du ganz allein spazieren?" leitete. Feiwisch das Gespräch ein '„Das siehst du doch," antwortete Benjamin ärgerlich. „Es gibt merkwürdige Menschen auf der Welt, Menschen, die es lieben, ganz allein spazierenzugehen. Ich weiß nicht. welches Vergnügen sie 'daran haben, so ganz allein herumzuspazieren." .. ,.. Benjamin erwiderte nichts. Der Faden der Unterhaltung war somit gerissen, und Feiwisch gerjet iw Verlegenheit, wie er das Gespräch fortsetzen könnte. Er ließ eine kurze Pause verstreichen — Feiwisch Narr machte immer nur kurze Pause — und stieß dann unvermittelt die Frage hervor: „Wie geht's dir, Benjamin?" Benjamin mußte hell auflachen. „Hast du nichts Vernünftigeres zu fragen?" . „Eben jetzt, vor einer halben Stunde, Hab' ich von dir gesprochen," sagte Feiwisch rasch, wie um über einen schwierigen Punkt hinwegzukommen, „wirklich, eben jetzt, vor «nicht ganz j einer halben Stunde, Hab' ich mit Jossel Schlüte von Dir gi> sprochen." „Was hast btt über mich gesagt?" „Ich habe gesagt, dein Ruf geht von einem Ende der Welt zum anderen. „Bist du auch, sicher, daß nicht noch darüber hinaus?" „Ohne Scherz, das Hab' ich gesagt. Denke dir. neulich hat man beim Rabbi von guten Lernerm gesprochen und du wurdest ganz und gar nicht genannt. Und was. glaubst du, war das Ende? Awrum steht aus und erklärt auf das bestimmteste, daß du der beste Lerner inunserer Gemeinde bist. Denk dir. der rothaarige Awrum, der sonst kein gutes Haar an' einem Menschen läßt." „Woher weißt 'du. daß es Awrum gesagt hat?" „Ich war ja dabei ttnd Hab' es mit eigenen Ohren gehört. Der Rabbi sagte darauf dasselbe, was Awrum gesagt hatte, ttnd hernach sagten die Chassidim dasselbe, was . der Rabbi gesagt Hatte, und es. wurde einstimmig beschlossen, daß du der beste Lerner in unserer Gemeinde seist." „Derne Stimme war wohl auch darunter." „Die Worte Awrums haben auf meinen Vater einen solchen Eindruck gemacht, daß er noch am selbigen Abend mich sehr eingehend über dich ausgefragt hat." „Hoffentlich hast du eine gttte Auskunft gegeben!" „Was denn — eine schlechte?" Sie waren am äußersten Ende des Kais angelangt, an dem Gartenrestaurant, das gewöhnlich den letzten Zielpunkt der Spaziergänger bildete. Der Weg wurde immer einsamer. Beniamin wollte noch ein« Stück weiter wandern, wozu Feiwisch wenig Lust zeigte. Er zog es vor, umzukehren und Benjamin, diesem merkwürdigen Menschen, das zweifelhafte Vergnügen des Alleinherttmspazieren's ztt lassen. Ein steiler Gebirgspfad. führte vom Kai auf den Schloßberg hinaus. Diesen Pfad wunderte Benjamin allein mit seinen trüben Gedanken. Er stieg tinaufhaltsam den Berg binan, obwohl er müde war; er achtete der Spalten und Risse nicht, die sich wie drohende Abgründe vor ihm auftaten, der Du'N'kelheit nicht, die sich allmählich herabsenkte und des Pfades Windungen unkenntlich machte— unbeirrt setzte er seinen Weg fort, immer weiter ging er, immer höher stieg er, bis er die Drei-Kreuze-Höhe erreichte. Hier setzte er sich ins taufeuchte Gras. Die Stille ringsum beruhigte ihn und brachte einige Ordnung in das Chaos seiner Gedanken und Gefühle. Seine Gedanken wirbelten wicht mehr wild durcheinander, sondern sie kreisten jetzt, langsam und bedächtig, um einen Punkt, und dieser Punkt hieß — Awrum. Es gab kein Entrinnen vor 'diesem rothaarigen Awrum. Ueberall tauchte er wie ein schreckhaftes rotes Gespenst empor, in allem hatte er seine Hand im Spiele, und jederzeit war er der böse Schatten, der sich an die Ferse des Verfolgten klammerte. Also nicht Jankel Krummholz, wie Menachem erzählte, sondern Awrum ist es gewesen, der ihn gelobt hat. Das Lob aus diesem Münde empfand Benjamin wie eine Kränkung. Auch die Szene auf dem Geländergang dünkte ihn eine persönliche Kränkung. Was hatte der Rothaarige