Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-29 · Heft 35 (29.8.1919) · p. Seite 394

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 35 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229425--75133-3287623
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

394 europäischer Bildung sich beschäftigen sah. So ein „Verj brechen" konnte man niemandem verzeihen, denn das betrach-! teten die Finsterlinge, die vernagelten Tummköpfe als ein 1 Bergehen gegen alles Heilige. Und doch hat dieser in mancher Hinsicht sogar geniale Mann viel geleistet, was immer in der Geschichte des jüdischen Volkstheaters bleiben wird, und das jüdische Drama wird immer von ihm anfangen, als einem Repräsentanten der Jargondramatik und einem Protagonisten, der darin bahnbrechend war. Bei all seinen Fehlern gibt es doch in seinen Dramen, Komödien und Schwänken, was ihn als großes Talent verrät. Denn bei all seiner für einen Schöpfer eines Theaters verhältnismäßig kleinen Bildung hat" er doch allein sehr viel zustande gebracht, wozu es sonst einiger bedurft hätte. Wie ich früher bemerkthabe, hat dieser Mann viel gelitten, und von einem Orte zum anderen mußte er wandern, um sein Brot zu verdienen. Wir sehen ihn in Bukarest, Odessa, Lemberg, New Pork und Paris bald als Theaterdirektor, bald als Regifsaur, wie er Schauspieler wirbt und eine Truppe (wenn auch keine glänzende) zusammenstellt, und er verfaßt zugleich Stücke, die dem jüdischen Publikum geboten werden. Aber wie in einem jeden kleinen Theater, das Schriftsteller besitzt, die die ganze Dramaturgie in allen ihren Gestaltungen, Formen und Zweigen beherrschen lind bearbeiten, war es auch hier. Selbstverständlich müssen hier unvollkommene Schauspiele sich befinden, besonders wenn die Dramatiker keine phänomenalen Kenntnisse und Talente besitzen, um etwas Vollkommenes, Kunstvollendetes zu vollbringen, was wirklich schön, anmutig «und gediegen wäre. Aber selbst bei einem und denselben Schriftsteller treten immer gewisse Aenderungen ein, die durch die größere Reife dieses Literaten, durch seine er-' weiterten Weltanschauungen itnb Kenntnisse einen größeren Horizont bekommen und Formvollendetes schaffen und zutage fördern, und ist so ein Literat bedeutend fähiger als in der Jugend. Auch, bei Abraham Goldfaden geschah so seine Entwicklung; und .um ihm ganz gerecht 31t wurden, müssen wir einige Entwicklungsphasen in seiner dichterischen Schöpfung unterscheiden, wo die letzten Schichten über die früheren himmelhoch stehen und wo ein großer Fortschritt augenscheinlich ist. Er gefällt uns inehr durch seine äußere, praktische Seite, die sehr angenehm und interessant ist, als durch seine Intuition und Anschauungen, die flach und meistens unansehnlich sind. Seine Lieder sind . graziös und melodisch .und ähneln ganz manchen Liedern und Chansons des berühmten französischen romantischen Sängers Boranger. Während aber Goldfaden nur den Klang, die äußere Form und Harmonie besitzt, hat jener viel mehr, nämlich eine geniale Darstellung, eine interessante Mosaik, eine herrliche Bilderentfaltung und einen Gedankenreichtum, ja eine brillante und köstliche Phantasiegestaltung. Goldfadens Lieder aber haben trotzdem eine wunderhübsche Frische, Naivität und plastische Schönheit und sind von erfreulichster Wirkung. Diese Gedichte hat er selber in Musik umgesetzt und so auch sein kompositorisches Talent jedermann gezeigt und bekundet. Zwar sind die musikalische Gestaltung und die Kunst zuweilen sehr schwach, denn die Gesänge ähneln mehr dem Lallen eines Kindes und stehen auf einer sehr niedrigen Stufe der musikalischen Entwicklung; ja sie sind, wenn der Ausdruck gestattet ist, recht primitiv und unbeholfen. Doch wie eine jede Münze zwei Seiten hat, so hat auch ein jedes Kunstwerk, wenn auch das geringste und einfachste, eine Licht- und eine Schattenseite. Wenn wir die Schattenseiten erwähnt haben, wollen wir auch der guten Seiten gedenken, die in seinen Eouplets und Arien zutage treten. Diese zeichnen sich durch melodische Süßigkeit aus und wirken oft erquickend, auf das Ohr sogar entzückend, ' sinnberauschend und geisterhebend. Diese Lieder sind europäisch und jüdisch zugleich, melancholisch und doch lebendig, nüchtern und doch erhaben. Die Lieder werden überall angebracht, und haben -einen verschiedenen Wert, je nachdem, ob es Komödien, Tragödien, Vaudevilles oder Melodramen sind. Immerhin müssen wir diesen Unterschied spüren und begreifen, um die Qualität der Gesänge genau prüfen und beurteilen zu können. Seine Komödien sind schön, aber nicht immer bewahren sie das gleiche Maß einer Komödie, wie die Literaturgeschichte, und zwar die Dramaturgie vorschreibt. Manchmal sind seine Lustspiele bei all ihrer Schönheit hanswurstisch ziusammengestellt, der Witz schäl, die innere Handlung und Entwickelung sehr arm und an erbärmlicher Motivierung der Taten. Ja, die Plötzlichkeiten, sensationellen Sprünge sind das Charakteristikum der jüdischen Dramatik, der Komödie, mehr aber der Tragödie und des wirklichen Dramas. (Schluß folgt.) Lrnjsmms Lübrslüd. (8. Forts.) Roinan von 3 a in u c l M c i f c £ s. ara-Lea stand am Fenster und sah auf die vorübergehenden Passanten hernieder. Das milchweiße Antlitz mit den seingeschnittenen Zügen und dem welligen schwarzen Haar leuchtete sanft aus dem Braun der Fensterrahmen hervor. Benjamin merkte erst jetzt, wie schön sie war, und es ging ihm ein Stich durchs Herz, so viel Schönheit in der Nachbarschaft des rothaarigen Awrum 31t wissen. Es war ihm, als würde ein Vorhang zurückgeschlagen, der ihm bisher jeden Ansirnd Einblick verwehrte, als sei er hinter ein Geheimnis gekommen, das dumpfe Ahnung in schmerzliche Gewißheit verwandelte. Das war es also, was ihn immer mit Mißbehagen erfüllte, sooft er an die Nachbarschaft zwischen Haus und Häuschen dachte. Er kannte ja die Beziehungen der beiden Häuser zueinander ans der chassidischen Erzählung von der Wassermühle; wehmütig scherzend hatte er einmal im Geiste noch eine zweite Beziehung zu den beiden Häusern hergestellt: das zinnoberrote Blechdach und das rote Kopfhaar Awrums. Aber was wollte das alles bedeuten gegen die jetzt entdeckte Beziehung zwischen der hölzernen Galerie und dem braunen Fensterrahmen? . . . Ganz verstört lies Benjamin die Türklinke los, durchschritt eiligst den Geländergang und lief die Holztreppe hinunter. Awrum bemerkte dies irnd folgte ihm. „Benjamin!" rief er ihn an. „Warum läufst bu davon? Möchtest du nicht bei uns das Abendgebet verrichten?" „Ich hatte allerdings die Absicht, bei euch das Abendgebet zu verrichten, nun erminere ich mich aber, daß ich meinem Onkel versprochen habe, heute im* Beth-hamidrafch zu kommen." Er war sich nicht bewußt, daß er die Unwahrheit sprach. „Du bist nur in letzter Zeit sehr stolz geworden, Benjamin," fuhr Awrum, freundlich lächelnd, fort, „es sind wohl gute Aussichten vorhanden, daß du demnächst ein reicher Mann wirst." „Wie meinst du das?" Was giblls da nicht zu verstehen? Ich meine es ebenso, wie es für gewöhnlich gemeint ist, Jedem Von uns schlägt eine solche glückverheißende Stunde, und zumeist ist es eine goldene Uhr, die diese Stunde schlägt." „Sieh, wie geistreich! Ich wußte gar nicht, daß du so ein Chochem bist." Awrum erkannte, daß er nicht den richtigen Tön Benjamin gegenüber angeschlagen hatte, ir dachte, den guten Freund spielen zu können, der nach Freundesart leichthin einige

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.