Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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SS8 Standpunkte betrachten. Denn selbst diese literarisch so niedrig stehenden Erzeugnisse haben damals auf Tausende von Leuten einen großen Einfluß äusgeübt, auf solche nämlich, die von europäischer Bildung nicht viel gewußt haben. Selbstredend mußte aber das jüdische Drama nur solche Stücke haben, die meistens daraus hinausgingen, eine Revolution im jüdischen Volke zu entfalten und, um mit seinen früheren Dummheiten, Alfanzereien 'und Albernheiten, die als nationale Güter des indischen Volkes galten, kurzen Prozeß zu machen, über dasselbe den Stab M brechen und die Geißel der schonungslosen Satire zu schwingen. Es bleibe aber bemerkt, daß, wo man eine Sache, die einem nicht angenehm ist, wegwirft und sie als null lind nichtig erklärt. Man auch andere Dinge, die darauf Nezug haben, ohne viel nachzudenken, mm alten Eisen wirft. Niemand ist dann von solchen Erzentrizitäten und Einseitigkeiten frei, und die Vernichtung eines Gegenstandes neiTit nach sich und bedingt eo ipso die Vernichtung anderer Dinoe und Geaenstände. d^e damit m einem aewissm Verhältnis besten. Auch hier aeschah es so. Da man dia niUitia<m n^d wertlosen Seiten mancher nationalen und religiösen Punkte aim^- ''"»nkfon. ’hrrf man aifch die michfiasten Zachen. ^-vp^n»nien I»nd a^o^^nchp mit Svntte als s^sch^. d'o nicht eristencherechtiat sind ae^nrochen. und dem Volke nnlrde alles in einer allzu arellen ftorm gezeiat. ein^ ^orm. die m vlatt und allzu realistisch, dabei aber wenig Wahrheit besaß. Das jüdische Drama war daher in seiner Entstehungs- ^it darauf berechnet, mehr Praktisches zu vollbringen, als knustvollendete Stücke dem ungebildeten Volke zu verabreichen. Die damaligen Dramatiker betrachteten das jüdische Volk als zu unreif, als daß es imstande wäre, reine, poesievolle, psychologisch feine Sittenbilder oder historische Dramen m begreifen oder gar m schöben. Das Volk mußte daher allmählich erzogen werden, wie ein Kind, das vom einfachen, verständnislosen Lallen eine Sprache sich aneignet, die jedermann zu verstehen imstande ist. Das damalige Drama tat dasselbe, was die Aeit der ..Haskala" im hebräischen in den siebziger und achtziger Jahren. Dort und hier begegnen wir demselben Streben: das Volk zu zivilisieren und es Mit euroväischer Literatur und Wissenschaft bekanntzumachen. Doch beide haben teilweise darin ihren 2weck verfehlt. Die Haskala hat inebr über Bildung gesprochen, als die Bildung selbst dem Volke gegeben, attt'b ließ sich viel durch ihre Uebereiltheit zuschulden kommen, die sie sich selber ziischveiben darf. Dort und hier geschah ein Hauptfehler. daß statt der langsamen, aber sicheren Evolution die schnelle, aber unsichere und unvorsichtige Revolution das große Wort hatte und so oft solches hervorbrachte, daß den Verursachern dieser dann ziemlich unangenehm wurde, als sie die drückte ihrer Arbeit sahen. Sie haben zwar viel geleistet, unzählige Dummheiten und Narreteien des jüdischen Volkes entwurzelt, aber eine jede gute Tat begleiteten mindestens einige schleckte Taten, die oftmals von schlechtem Erfolg gekrönt waren. Dann haben die ersten Schauspiele viel zur An-sich-selbst-Verzweiflung des jüdischen Volkes beigetragen, denn es hatte einen inneren Kampf zu bestehen, der es dann resigniert und apathisch stimmte. Denn einerseits hat es die religiöse Basis in gewisser Vernichtung gesehen, anderseits mußte es auch durch Peinigende Unsicherheit geplagt werden, als es sah, daß es sich nicht ganz assimilieren kann und so zu einem Zwitterding, weder dies noch jenes zu sein, seiner Meinung nach verurteilt max. Wir sehen daher, daß die Haskala und das jüdische Anfangsdrama denselben Zweck, wenn auch durch verschiedene Mittel erreichen wollten. Die Haskala war theoretisch, für jüdisch gebildete Leute berechnet, das jüdische Ansangsldrama war praktisch und für die weiteren Schichten des einfachen Volkes bestimmt. Wir können mit Recht das jüdische Drama jener Zeit „praktische Haskala" nennen. Wer weiß, wie schlecht und bedauernswürdig die Lage des jüdischen Volkes wäre, wenn die Repräsentanten beider Richtungen nicht gleich zum Rückzug geblasen hätten. Denn die Fehler, die von beiden, von der „Haskala" und 'dem -damaligen Drama, entstanden, waren dieselben, -und diese Schattenseiten -und schlechten Folgen, die Achad Haam an der Haskala sicht, waren auch in den damaligen Werken der Dramatiker zu finden, die einen großen Einfluß ausübten. Wenn wir aber die Schattenseiten des jüdischen Theaters von dazuwal aufgezählt haben, so gebührt ebenfalls, auch über dasselbe etwas Gutes zu sagen «und die Lichtseiten, die sich tatsächlich dort befanden, zu zeigen und auseinanderzusetzen. Durch das jüdische Theater hat das Volk ein neues geistiges Bedürfnis zu spüren angefangen, es strömte herbei in Massen und bekam langsam, langsam einen Begriff über ein Theater im allgemeinen und über die jüdische Geschichte und die Leiden des Judentums überhaupt. Hier lernte sogar der ungebildetste Mann die Märtyrergeschichte seiner nationalhistorischen Helden kennen und so stolz über diese Heroen zu empfinden und zu wissen, daß seine Volksgeschichte auch große Männer aufzuweisen hatte, die die ganze Welt beleuchteten und die Moral und Ethik überall verbreiteten. Dort sah er die markantesten i Personen seiner Geschichte, die das Universum aufklärten, bildeten und ihm zur Zierde gereichten. Zwar hat das Volk diese genialen und großen Männer in gewisser Verzerrung, Verschwommenheit und Unbeholfenheit der Form gesehen, aber bei all dem hat es sich in der ewigen, unsterblichen Moral gebildet, und so bekamen wir ein Publikum, das anfangs wenig kannte und verstand, das allmählich, allnrählich zivilisiert und aufgeklärt wurde und so ein gutes Material für eine jede . Sacke, die Ideale erheischt, abgab. So war es am Anfänge, im Entstehurrgsstadium. Dann wurde gerade, wie bei der Haskala das meiste, von der leeren Tendenz zur wahren Kunst geschritten, und das Volk erreichte eine gewisse Reife und ein ziemlich großes Verständnis für das aktuelle und historische Leben der jüdischen Nation. Zwar worden die aktuellen ' Seiten der jüdischen Geschichte grau in grau gemalt und dem Publikum vor die Augen geführt, wodurch des Volkes Lage, die ohnedies sehr bitter war, noch erschwert wurde. Was es aber dadurch geschadet, hat es durch die historischen Schilderungen aus der jüdischen Geschickte, die glanzvollsten, idealsten, strahlendsten und brillantesten Seiten, emporgezaubert -und so sicherlich für etwas, ja viel Bleibendes gewirkt. Wenn wir aber objektiv urteilen wollen, so müssen wir unbedingt das damalige jüdische Drama (und auch das jetzige) sehr loben lind mit Achtung über die Schöpfer des Jargontheaters sprechen, da diese mit der Haskala, wenn auch unbewußt, zum. Heil und zur Aufklärung des jüdischen Volkes beigetragen haben. Denn die Haskala war nur für die Hebräisch Lösenden berechnet, während das Jargontheater die Praktischen Seiten ins Auge faßte und viel Nutzen dem Gros des Judentums gebracht hat. Die wichtigsten Repräsentanten des Jargondramas. Das jüdische Drama bekam in seiner Entstehungszeit einen tücktigen Dichter, der mit Talent und auf anmutige Weise verschiedene interessante Schauspiele schrieb. Aktuelle und historische Dramen, die das Volk aufgeklärt und die Leidensgeschichte der Juden ihm vorgeführt haben. Dieser gediegene Mann ist Abraham Goldfaden, der ein ungemein großes Verdienst um das jargondramatische Feld gelegt hat. Er führte bis zu seinem vor einigen Jahren erfolgten Tode ein unstetes, ja, ein Zigeunerleben. Don der Natur «mit großen Gaben ausgestattet, hätte er es doch weiterbringen können, wenn er nicht ein verzogenes Kind jener Zeit wäre, wo alle wahre Bildung verpönt war und wo man einen verdammte, wenn man ihn mit