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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-29 · Heft 35 (29.8.1919) · p. Seite 392

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 35 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
Seite 392 (sequence 8)
Language
German
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392 gewährt uns -die völlig veränderte neue Zeit die Möglichkeit, sie zu schaffen^ Dann mutz man auf dem bereits Vorhandenen, dem freiwilligen Zusammenschluß in Provinzial- Gemeindevevbänden fußen. Diese müßten straffer aus-gebaut werden, in -ähnlichier Weise wie die in Württemberg, Baden, Kurhessen und Hannover gesetzlich bestehenden Organisationen. Man mag im einzelnen über Auswüchse, die hier und da Vorkommen dürften, klagen: zweifellos übevwiegen die Vorteile der Zwangsorgauisation 'bei weitem ihre Nachteile. Denn in den erwähnten Ländern und Provinzen gibt es keinen Juden, der nicht zu einer Gemeinde, keine Gemeinde, die nicht zu einem Bezirksrabbinat gehörte. Gewiß gehört auch in den übrigen preußischen Provinze jeder nicht aus der jüdischen Gemeinde ausgetretene Jude zu einer Gemeinde, mtb mag die nächstgelegene auch 30 imd 40 Kilometer von seinem einsamen ländlichen Wohnsitz entfernt sein: aber diese Gemeinde gehört keinem größeren Verband an, ist durch kein Gesetz gezwungen, sich einen Schächter, Kantor. Lehrer oder gar einen Rabbiner zu halten, und braucht sich von keiner anderen jüdischen -Seite, wohl aber vom Regierungspräsidenten in ihre inneren Angelegenheiten hineinreden zu lassen. Welche Mißstände sich daraus ergeben, mögen einzelne Beispiele zeigen. Ich kenne eine kleine Gemeinde von etwa zehn Steuerzahlern, die 150 Prozent Kultussteilern erbebt, um sich einen Beamten halten 31t können. Dieser ist Kantor und Schächter, auch als Lehrer tätia. kann aber alei<bwobl von der Gemeinde nicht mehr als jährlich 1600 sin Buchstaben: sechzehnhundert) Mark einschließlich einer Teuerungszulage erhalten. Etwa 10 Kilometer entfernt liegt eine wohlhabende Gemeinde von 70 bis 80 Zensiten, die nur 40 Prozent Steuern erhebt und sich gleichfalls nur einen nicht seminaristisch <*e? bildeten Beamten hält. Mit Leichtiakeit würde es ihr mögli^ sein, einen Lehrer oder auch einen Rabbiner zu besolden,.cßÜ — man will lieber sparen, und niemand kann in Pteußen eine Gemeinde zwingen, sich einen Beamten zu hasten: - Aridere kleine Gemeinden, die in der Lage sind, sich MMWens einen Kantor und Schächter zu halten, verzichten auch auf diesen Beamten, um Geld zu sparen, und niemand darf sich darum kttnunern. Dagegen kenne ich auch kleine Gemeinden, die durchaus den Wunsch haben, sich einen Rabbiner zu halten-, und gern bereit sind, große finanzielle Opfer (150 Prozent und mehr) zu bringen, um sich einen geordneten Gottesdienst mit Predigt und vor allem ihren Kindern guten Religionsunterricht zu erhalten. Hätten wir eine Organisation, dann untren all solche Keaensätze nicht möglich, dann würde jede Gemeinde zu einem Bezirk gehören, dessen Größe durch Zahl und Kapitalkraft seiner Mitglieder bestimmt und der gesetzlich verpflichtet ist, sich einen Bezirksrabbiner, Lehrer, Kantoren und Schächter zu halten. Ein ähnlicher Versuch ist in Ostpreußen gemacht worden, wo verschiedene Gemeinden ur einer Kreisshuagogengemeinde zusammeugeschlossen worden sind, wenn man auch in manchen Kreisshnagogengemeinden auf einen Kreisrabbiner verzichten mußte. Wird eine ähnliche Zwangsorganisationnicht dringend nötig sein? Gerade in unseren Tagen erschallt der Ruf stärker als je: Zurück zur Natur, aufs Land und in die Kleinstadt. Wollen wir den Juden diese Rückkehr ermöglichen, dann ist unsere Pflicht um so größer, für ein wirklich jüdisches Leben dort zu sorgen. Und wie wäre dies möglich, wenn nicht überall, auch an den kleinsten und entlegensten Plätzen, zwangsweise für Unterricht und Kultus gesorgt wird, wenn nicht so jüdisches Leben auch in alle vereinzelt liegenden jüdischen Häuser einzieht? Wie aber schassen wir die finanzielle Grundlage für solche Pläne? Wie gleichen wir die großen finanziellen Gegensätze aus und hindern, daß eine Gemeinde vielleicht 30 Prozent oder weniger, eine andere 150 Prozent und noch mehr Steuern erhebt? Man wagt jetzt im Deutschen Reich den schüchternen Versuch, eine direkte Reichseinkomm-ensteuer einheitlich für das ganze Reich einzuführen; Staats- und Kommunalsteuern sollen durch die Reichssteuer aufgesaugt werden. Noch läßt sich nicht übersehen, ob dieser Versuch Gesetz wird und sich durchsetzt. Wäre aber nicht der gleiche Gedanke auch auf jüdischem Gebiet erwägenswert? Könnte man nicht auch eine einheitliche Reichsjudensteuer oder doch wenigstens eine Staatsjudensteuer für ganz Preußen einführen, so daß jeder Jude den gleichen.Prozentsatz zu entrichten hat, daß alle Unterschiede zwischen 30 und 150 Prozent wegfallen und niemand wegen 'der finanziellen Verhältnisse feines Wohnortes mehr oder weniger zahlt als ein anderer. Etwas Aehnliches bietet z. B. in Baden die Israelitische Landeszentralkasse, zu der alle Gemeinden ihrer Leistungsfähigkeit entsprechende gesetzliche Beiträge leisten. Da aber dort jede Gemeinde daneben ihre eigene Kasse hat, so kann sie immer noch den eigenen Bedürfnissen entsprechend ungleich hohe oder niedrige Beiträge erheben. And wieviel Juden verlassen gerade wegen der hohen Kultussteuern ihre kleinen Gemeinden und bürden durch ihren Wegzug den Zurückbleibenden noch höhere Lasten auf! Diese Steuerflucht würde bei einer gleichmäßigen Reichsjudensteuer wegfallen, ebenso jode teilweise noch recht umständliche Steuerveranlagung, da gemeinsam mit der Reichseinkommensteuer die Reichsjudensteuer (eventuell nur in Preußen) erhoben werden könnte. Manche Bedenken lassen sich gegen den Plan er-heben, doch würde eine ernsthafte Besprechung manche wertvolle Bausteine zur Organisation der Juden liefern. Sss jüdische Drama. Von W. M e n k e s. Das Entstehen des jüdischen Theaters. Die Moral und die gute Wirkung auf das V o l k. Licht- und Schattenseiten. u dem wichtigsten Zweigen der Jargonliteratur gehört j unstreitig das dramatische Feld, welches von einigen talentierten, Wenn auch flachen und einseitig gebildeten Schriftstellern bebaut wurde. In den Bereich der Jargondramatik gehören Komödien und Schwänke, Vaudevilles, Dramen und Trauerspiele. All diese Stücke sind mit Talent versaßt, es fehlt ihnen jedoch an künstlerischer Gestaltung, Harmonie und Grazie. Es gibt keine allmähliche Handlungsentwicklnng, keine evolutionären Wasen, wohl aber wird fast ein jedes Stück durch seine Stückhandlung vernichtet, zerstört und gänzlich in den Schatten gestellt. Die Komödien sind noch halb gut, denn sie sind meistens mit köstlichem Humor und feuersprühenden, raketenartigen Witzen und komischen Bildern gemengt und erquicken durch ihre Buntheit, Frische, Natürlichkeit und Naivität nicht nur den Pöbel, sondern auch den höher gebildeten Menschen. Zwar gibt es in manchen Komödien Witze und komische Exzentrizitäten, die keinen literarischen Werk besitzen, doch sind diese sehr selten. Denn die meisten Komödien und Schwänke bieten meteorische, ja herrliche Späße, die ihren Zweck, das Publikum zu belehren, nie verfehlen. Wenn wir aber das jüdische Theater seit seiner Gründungszeit bis jetzt beobachten, fällt uns der gewaltige Unterschied, ja Fortschritt sofort in die Augen. Diese Stücke, au denen vor vierzig Jahren das jüdische Publikum Gefallen fand, erbauen das gegenwärtige nicht mehr, was ein gutes Zeichen ist, daß das jüdische Volk, das das Theater besucht, einen besseren Geschmack bekam, der durch diese verhältnismäßig kurze Zeit verfeinert wurde. Die ersten Stücke des jüdischen Theaters waren 'ziemlich fade, langweilig und absurd, selbstverständlich, wenn wir alles von unserem jetzigen

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