Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die meisten Besorgnisse erregt die Tatsache, daß die Pogromwelle noch nicht z-mn Abschluß gekommen ist. Es sind g-la-MvürdiM Nachrichten vorhanden, die Wer neue Judenpogrome in -den Teilen der Ukraine, die gegenwärtig von Tenikin besetzt sind, berichten. Deren Umfang und Opferzahl lassen sich vor-täusig nicht bestimmen. Die ukrainische Regierung und die Pogrome. Ueber die Frage, wie sich die Haltung der Regierung mit der Tatsackie der Judenpogrome vereinbaren läßt, hat sich der Gehilfe des ukrainischen Außenministers und Mitglied der ukrainischen Friedens-Mission in Paris, Arnold M argolin, ein bekannter jüdischer Advokat aus Kiew, im Londoner „Jewish Chronicle" ausgesprochen. Margolin. der im Jahre 1900. Vertreter der Geschädigten im Prozeß lvegen des Homeler Pogroms gelvesen ist, sagt n. m: i. „Während die Zarenregierung die Pogrome selbst hervorgerufen j. und organisiert hat, ist die ukrainische Negierung für sie in keiner^ Einsicht verantwortlich. Im November 1918 habe ich selbst in allen {' Dörfern und Städten der Ukraine Negierungsansckstüge gesehen, die t die Pogrvlne sehr heftig verilrteilten und dein Volk klarmachten, daß die Juden städtische Mitbüraer ^md Brüder wären, denen volle*' Rechte zu kämen. Als jedoch die Bolschewisten Kiew einnahmen und in der nrainischen Armee eine Demoralisation einsetzte, begannen ihre schlimmsten Elernente zu plündern. Noch einmal trat die nkrai- £ ursche Regierung entschieden gegen die Pogronre ans, bestrafte die l Vvgromanstister mit dem Tode und bekundete den Opfern gegenüber t ihre Teilnahme. Zu meinem Bedauern muß ich zuaeben. daß die | lebten Pogrome, soviel ich weiß, in den Monaten Februar und März k überaus schwer waren. Sie sind von ungarischen Uebeltätern, ' Schwarz-Hnndert-Leuten rrnd Bolschewisten zur Diskreditierung der \ ukrainischen Regierung verübt worden. Diese Ereignisse machten einen schweren Eindruck auf mich, und < Ende März reichte ich der Regierung meine Demission ein. Ich H erkannte an. daß die Regierung schuldlos sei, es siet mir jedoch t schwer, ein Amt in einem Lande zu bekleiden, wo man meine j: Brüder totschlug. Meine Demission wurde nicht angenommen Und I die Regierung ersuchte mich, meine staatliche Tätigkeit, wenigstens j tm Anslande, fortui setzen. Jetzt bin ich einer der vier Vertreter der < Ukraine auf der Friedenskonferenz. In der ukrainischen Regierung I selbst besteht keine antisemitische Tendenz, und hierin unterscheidet sie i sich scharf von dem jetzigen Polen." I Margolin bestreitet, daß die Juden in der bolschewistischen Be- > weaung eine To große Rolle 'vielen, wie aemeiniglich anaenommen l wird. Bei allen Wahlen erhielten die jüdischen, zionistischen und j, anderen nationalen Organisationen 70 v. £>. der Stimmen. Unter l den russischen Matrosen, die in der bolschewistischen Revolution eine j so große Rolle gespielt haben, gab es überhaupt keine Inden. 1 Die Tatsache, daß es unter den Bolschewisten scheinbar so viel \?>uden gibt, erklärt Margolin dadurch, daß die Juden bei jeder j Aktion mit 'besonders großer Energie hervortreten, und daraus entstehe der Eindruck, daß es in jeder politischen Partei viele Juden gäbe. * Jüdisch-polnische Konferenz in Wilna. Bei einem Aufenthalt in Wilna vermittelte M o r g e n t h a u eine Zusammenkunft der jüdischen Führer mit den Spitzen der polnischen ‘ Behörden, wobei sowohl die Polen als die Juden ihren Standpunkt ktarlegten. Dr. W Y g o d s k h trug die jüdischen Forderungen ausführlich vor und betonte, wenn es auch noch nicht bestimmt sei, wem dieses Land zufallen werde, werden doch auf jeden Hall die Polen und die Inden dieses Landes aufeinander angewiesen sein und miteinander in Frieden leben müsseil. Er unterstrich auch die jüdisch-nationalen Forderungen, und es ist interessant, daß die Polen, die bisher stets die Erwähnung dieses Punktes als Kriegserklärung anfgefaßt haben, diesnlal ohne jeden Protest darüber hinweggingen. Auch die Polen betonten die Notwendigkeit eines Friedensschlusses und sicherten eine bessere und gerechte Behandlung der Juden zu. Morgenthau bemerkte unter anderem: Amerika lvolle Polen mit allem möglichen bej liefern und auch Kredit für ein bis zwei Jahre gewähren. Kredit i gebe man jedoch nur einem soliden Kanfmanne, und innere Streitigkeiten und Exzesst sprächen nicht für die Solidität der Firma. Von! dein Ergebnis dieser Konferenz war Morgenthau derart befriedigt, daß er darüber sofort nach Frankreich, England und Amerika telegraphisch berichtete. . . * Ein tägliches Martyrium. Unter diesem Titel veröffentlicht der „Manchester Guardian" eine anschauliche Darstellung der jetzigen Lage der Juden in Polen. Nach ausführlicher Beschreibung Der ganzen Genesis der antisemitischen Hetze, wobei besonders scharf gegen die derzeit herrschende nationaldemokratische Partei Stellung genommen wird, geht der Artikel auch auf die gegen, die Juden erhobenen Beschuldigungen über, die nn einzelnen widerleat werden. Betreffs der hohen Nahrungsmittelvreise und der Bczickstigung des Wuchers heißt es u. a.: Tatsächlich ist der wahre Grund des Zornes der polnischen Handelsklasse gegen die Juden der,, daß der Gewinn, mit dem sie sich hegnttaen. ein so geringer ist, daß sogar die kooperativen Gesellschaften schwer mit ihnen konkurrieren können. Kein Zweifel, die Verkäufer, einschließlich der indischen, haben gehamstert und spekuliert, aber der schuldigere Profitmacher war wahrscheinlich der polnische Grundherr ltn-b Pächter. Für diese, die die Löhne nicht erhöben wollen, ist es ein beauemer Answea. die Juden. wegen der hohen Lebenskvsten a"- zuklagen. Was' den Vorwurf der Dentschfvelmdlichkeit anbelangt, so darf man nicht vergessen, daß. die halbe polnische Gesellschaft bis Zusammenbruch proa er manisch oder, wie man es nannte, aktipistisch nmr und General Vilsndski selbst höchst wacker auf der österreichischen Seite mitcesockten hat. Die neueste Anklage ist. daß alle Juden Bolschewisten sind.. Einige junge Juden sind sicherlich Kommunisten, aber-die große Maste verabscheut den Gedanken nn eine soziale..Revolution, wie.sie alles Neue verabscheut. Ich will nicht versuchen, heißt Fs weiter, die aufeinander folgenden Vogromwellen zu beschreiben, welche seit dem letzten November über die polnischen Juden hinloeaaeaangen sind. Jnnuerhin will ich einmal in klarer Sprache heraussagen, daß diese polnisch-katholischen Christen mit ihren Truppen au der Swtze gelegentlich ebenso brutal massakrieren. als jemals Christen durch Türken massakriert wurden. * Sltts unk über Palästina. Der sranursisch-englischw Geaensaß im Orient. ,,Demvs" amd ..Journal des Dobats" beschäftigen stch mit einem Leitart'kel der ,,Times", der für die französischen Rectste in Surien einaetreten war. - Temps" sagt, seit dem Wafsenstillstan-d seien allmählich alle nnlselmanisch.cn Bevölkerungen des Orients unter englische Herrschaft gekommen. Ter Fall Persien sei' nur das letzte Glied in dieser 'Kette. Mesopotamien befinde sich unter direkter Verwaltung der britischen Behörden. Britische Offiziere und Beamte herrschten in Palästina, in Syrien und in K-urdistan. Kleiuasten stehe unter dern Kömmando eines britischen Generals, ein britischer Admiral herrsche über Konstantinopel und die Meerengen. Das Blatt erklärt, daß'die Alliierten für die Unabhängiakeit der Völker gekämpft hätten: ihr Siea dürfe also auch nicht damit enden, daß alle muselmanischen Unabhängigkeiten in Asien vernichtet würden. Die britischen Truppen sollten damit beginnen, die Gegenden von Aleppo und Damaskus zu rgumen, und britische Truppen sollten nicht nach' den Gegenden entsendet werden, die Frankreich nach dem Vertrag von 1916 zugesprochen seien. Vielmehr sollte der Emir von Fejffal die Macht dort wie in Libanon it-nb in den Küstenhäsen ausüben, von wo sich die Engländer ebenfalls zurückziehen sollten. Wenn der Emir die Ordnung aufrechterhalte, werde Frankreich die musel.manische Unabhängigkeit, die er personifiziere, nickst antasten. Journal des Döbats" pocht aus die Rechte, die der Berliner Vertrag-von 1878 Frankreich im Orient gebe. Frankreich könne unmöglich nach dem Sieg von 1918 im Orient eine Stellring; verlieren, die ihm nach der Niederlage von 1870 . nicht streitig gemacht sei. Im Interesse der Freundschaft mit England sei notwendig, daß Frankreich Genugtuung werde. Erdölerschlietzrrngsarbeiten in Palästina. Die Zeitschrift „Petroleum" berichtet: Amerikanischen Fachblättern zufolge hat ein amerikanisches Konsortium die durch den Krieg! unterbrochenen ErdölerschließungSarbeiten in Palästina wieder auß > genommen. Der Leiter der ProduktiönSabteilung " der Prairie! Orland Gas Co.. Ir. A. S. Dane, hat die Leitung der betreffenden! Arbeiten übernommen und ist bereits nach Palästina abgereist.