Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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am Boden. Um fern Unglück noch zu mehren, macht sich in einer Zeit, vre mehr als je bk gemeinsame Arbeit aller, vre sich zu Deutschland bekennen, zur Pflicht macht, eine besonders erbitterte antr.semrtische Verhetzung bemerkbar. Ueberall tauchen Millionen von antisemitischen Flugblättern auf; sie werden von Haus zu Haus getragen, den Zeitungen 'beigefügt, aus Straßen und Eisenbahnen, in Fabriken und Kasernen verteilt. Der Ton dieser von Lügen strotzenden Flugblätter wird immer giftiger; man scheut sich sogar nicht mehr, ganz offen zu Pogromen aufzufordern, wie der Osten Europas sie schaudernd erlebt hat. Hand in Hand damit geht eine geheime Propaganda, deren Zweck es ish die deutsche Arbeiterschaft zum Judenhaß aufzureizen. In geschlossenen Versammlungen werden die unerhörtesten Verdrehungen vorgebracht, ohne daß die feigen Veranstalter die Möglichkeit zu offener Aussprache und. Widerlegung gewährten. Für diese gewissenlose Propaganda 'stehen den Antisemiten anscheinend unbeschränkte Geldmittel zur Verfügung. Dieselben Alldeutschen, vor deren gefährlichem Treiben wir schon. vor Jahren gewarnt haben, die einen großen Teil der Schuld am Kriege tragen, die mit allen. Mitteln für die Kriegsverlängerung gearbeitet haben, führen unter gewaltigem Aufwand den neuen Feldzug., um ihre Schuld, auf andere abzuwälzen, die. Juden zu Sündenböcken zu stempeln und wiederum zu der Macht zu gelangen, die sie zum Unheil unseres Volkes viel zu. lange besessen haben. Dabei machen sie für die Verfehlungen einzelner Juden die Gesamtheit der Juden verantwortlich, obwohl all die Sünden, die einzelnen Juden zur Last gelegt norden, genau so von Christen, begangen worden sind. Sie wollen veraessen machen, daß Christen wie Juden wahrend des Krieges die größten Opfer für das Vaterland gebracht, daß sie mit ihrem Blute gemeinsam die fremde Erde gedüngt hüben. und daß sie jetzt fester als je zusammenhalten müssen, um Deutschland aus tiefster Not wieder emporzubringen. Wer beute Raffen- und Klassenhaß predigt und die niedrigsten Instinkte der menschlichen Natur zu erwecken sucht, begeht ein Verbrechen gegen das Vaterland und gegen die Grundsätze allgemeiner Sittlichkeit, die in unserem Volke so tief wurzeln wie nur bei irgendeinem anderen, die uns aber, unsere. Feinde — gerade im Hinblick auf das Treiben der Alldeutschen und Antisemiten — .zu Unrecht absprechen. In der schwersten Stunde des Vaterlandes richten wir daher an alle rechtlich denkenden Deutschen jeder Parteirichtung und jeden Glaubens, und nicht zuletzt an das arbeitende Volk, die dringende Mahnung, sich nicht von der antisemitischen Bewegung betören zu lassen und im Interesse der Gesamtheit ihrer verhetzenden Arbeit mit allen Kräften entgegenzutreten. Der Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Reicksminister a. D. Go the i n, M. d.N.. 1. Vorsitzender. Geh Reg.- Rat Prof. Wilhelm Fo erster, stellv. Vorsitzender. Geh. Justizrat Landgerichtsdirektor a. D. Kanzow. M. d. Pr. Landesvers., Schatzmeister. Justizrat Dr. Bollert. M. d. Pr. Landesvers. Rechtsanwalt Dr. B a e r w a l d (Frankfurt a. M.). Justizrat Dr. Gehrke. Stadtverordneter (Frankfurt a. MI. Bankier Abv S. Marburg (Hamburg). Finanzminister Dr. A. Südekum (Zehlendorf b. Berlin). > G Die Regtermna -egen die Judenhetze. Meldung des Wolffschen Telegraphen^Bureau s. Die rüMchltslose Progromhetze gewisser vadikal-antisemitifdher Kreise hat in jüngster Zeit die bedenklichsten Auswüchse gezeitigt und wiederholt zu Plünderungen und Zusammenstößen geführt. Es liegt auf der Hand, daß eine derartige Verhetzung der Massen den zu dem Wiederaufbau Und der Gesundung des Volksganzen dringend erforderlichen inneren Frieden auf das schwerste gefährdet. Der Staatskommissar für die Ueberwachung der öffentlichen Ordnung hat sich daher gezwungen gesehen, diesem gefährlichen Treiben entgegenzutreten. Es handelt sich dabei nicht um eine Behinderung legaler politischer Parteipropaganda, wohl aber wird gegen jede Wühlarbeit, die offensichtlich nur den Zweck verfolgt, bist Leidenschaft der Massen aufzupeitschen, die öffentliche Ruhe und Sicherheit zu stören und die Festigung der Staatsgptorität zu erschweren, ohne Ansehen der Partei rücksichtslos vorgegangen werden. * Die Einwanderung von Ostjnden. Ailf eine Anfrage des Abg. Mmmn erklärte der Reichsminister des Innern Dr. David: „Unter den in den Ostgebieten während des Krieges für die heimische Kriegswirtschaft angeworbenen und nach Deutschland beförderten Arbeitskräften haben sich auch Juden befunden. Nach den Angaben der mit der Anwerbung befaßten "Deutschen Arbeiterzentrale handelt es sich etwa um 17 000. Eine Geheimhaltung seitens der Behörden hat nicht stattgefunden, -Fälle, in denen sich Juden als katholisch oder evangelisch ausgegebeu haben, ohne an einen Wechsel ihres Bekenntnisses zu .denken, sind weder mir noch im preußischen Ministerium des Innern bekanntgeworddn; auch ist dies namentlich im Hinblick auf die Starmneseigentümlichkeiten. die strenge Befolgung religiöser Vorschriften und den ganzen Charakter der Ostjudon höchst nnlvahrscheinucb. Im übrigen sind die beteiligten Stellen des Reiches und der Länder darüber, ei rüg. daß ffct den inneren Schwierigkeiten Deutschlands zurzeit jede Einwanderung nach Möglichkeit vermieden werden muß.' Dw Einreise nach Deutschland über die Ostgrenze ist durch entsprechende. Paßvorschriften geregelt. Ebenso sind die deutschen Vertretungen in den östlichen Gebieten angewiesen, vor 'der Einwanderung nach Ddilkschland auf das nachdrücklichste zu warnen." * Jrrvenrnetzeleien in der Ukraine. A m st e r d a m , 22. August. Die englischen Blätter von: 20. August melden, daß in Moskau Nach- - richten von furchtbaren Juvemnassakers in der Ukraine eingetroisen sind. Die amtliche „Jstlvostija" meldet, daß allein in der Provinz . Podolien 5000 Juden durch ukrainische Soldaten ermordet worden sind. Die amtliche „Jstwestija" meldet, daß allein in der Provinz ausgerottet worden. 100 000 Juden hätteu sich nach dem Bezirk Kiew geflüchtet. In- Warschau traf der Advokat M. G o ld ste in ein, um dem- Botschafter Morgenthau über die Pogrome in der Ukraine zu berichten. Goldstein erklärt, daß die Zahl der Opfer bei den Judenausschreitungen in der Ukraine erheblich höher sei, als bisher in der Presse gemeldet worden ist: es seien rund 90 000 Juden bnrd) die Pogrome betroffen worden. K. d. f. C. Das Jüdische Pveßbureau in Stockholm meldet: In Odessa ist ein jüdisches Saumielbuch „Die Zeit" erschienen, welches den Opfern der Poarome in der Ukraine geuudmet ist. Außer den schon bekannteck Angaben über die Pogrome in Berditschwew. Schitomir. Proskurow. Felstin usrv. sind in dieser Ausgabe auch neuere Daten enthalten über Poarome. die schon nach April vorgekommen sind. Die größten davon kamen in jenem Teile der Ukraine vor, der zum Schartplatz der Aufstände der gewesenen botscheivistifchen Anhänger Gregoriew und Zel-eni gegen die Räteinacht wurde. Das erwähnte Samm-elbuch beschreibt Szenen, die an das siebzehnte Jahrhundert erinnern. Es stehen große Dörfer auf, bewaffnen sich mir Hacken. Sensen und Heugabeln -und werfen sich auf die umliegenden Städtchen, die von Juden bewohnt sind, mit deren Bevölkerung einfach abzuMachten. . Es ist leider zu verzeichnen, daß ein be- .deutender Teil der ukrainischen Intelligenz sich au diesem Blutbade beterliat. Ünter schrecklichen Martern Norden die Opfer zu Tode gequält. Auf diese Weise sind in JelisscNvetgrad 8000 Juden ermordet, in Tscherkasst zirka 2000. in Radomisl 1000, in Kriwoje-Osero 700, in Haisstsi 500, in Litin über 400. In einer ganzen Reihe Von Städten ist eine Opferzahl von 20 bis 200 zu verzeichnen. In.manchen Orten ist die ganze jüdisch? Bevölkerung ausgerottet. so . z. B. in Medschibosch, Kublisch Alexändrowka, Jabokritsch. In anderen größeren Punkten ist es infolge Kommunikationsschwierig,keiten nicht gelungen, die Zähl der Opfer festzustellen, die .aber dort sehr bedeutend sein soll. Darunter ist Uman, Krementschug. Balia, Wassilkow. Zwenigorodka. Eine jüdische Kolonie Bobri ist so vollständig abgeschlachtet, daß von ihrer ganzen Bevölkerung nur eine Frau mit fünf Kindern lebend geblieben sind. Die allgemeine Zahl der Opfer in der Ukraine ist bestiNunt mit Zehntausenden anzunehmen.