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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-29 · Heft 35 (29.8.1919) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 35 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
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388 die Bewegung über den Kopf wächst; -daß sie zu Konsequenzen zu führen droht, vor denen man zurückschaudert. Oder aber — ist das narr Heuchelei? Will man die Hände in Unschuld waschen, wenn das letzte eintrikt? . . . Das deutsche Volk in seinen breiten Massen schaut dem ganzen Treiben verwundert zu. Es weiß, daß man mit der Jrrdenhetze ganz andere Ziele verfolgt. Auch 'das deutsche Volk will, daß jede soziale Schuld ihre Sühne findet, mag sie Jud oder Christ treffen. Mer es ist weit davon entfernt, eine bestimmte Bevölkernngsschicht als solche anzuklagen. Ueberall ist gesündigt worden, und überall, wo Schuldige sitzen, soll Strafe sein; überall, wo zu Unrecht verdient, soll genommen werden-. Sehr bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Artikel von Dr. Paul Nathan in der Morgenausgabe des „Berliner Tageblatts" vom 22. August- Von den interessanten Ausführungen seien hier folgende wiedergegeben'. „Zieht man in Betracht, daß diese politische Speise, die mit verderblichstem Agitationsstoff in gewissenloser Weise angerührt ist, in Hunderttausenden umi Exemplaren verbreitet wird, und erwägt man ferner, daß der Krieg gewisse Elemente des deutschen Voltes gewalttätigen politischen Ausschreitungen geneigt gemacht hat, jo ergibt sich eine Gefahr, die als gering gerade nicht veranschlagt werden kann. Und damit erklärt sich, daß sowohl die „Deutsche Tageszeitung" als die „Kreuzzeitung" rechtzeitig sich ein Alibi zu schassen juchen. Ergeben sich aus der Juden hetze ernste anarchistische Pogrome, so sind „Kreuzzeitung" wie „Telltsche Tageszeitung" in der Lage, darauf hinzuweiseu, daß sie stets für eine gesetzmäßige Behandlung der Zudensrage eingetreten sind. Ten beiden kvttscroativ-reaktiouäreu Blättern macht ihre politische Voraussicht alte Ehre. . ■: Tie antisemitische Agitation beschränkt sich aber mcht allein ans Deutschland. Vor mir liegt eine Postkarte, deren Marke den Beweis liefert, daß sie in der Slowakei ausgegeben worden ist. Aus der Rücksene dieser Postkarte, die in Riesenmassen in Deutschland verbreitet wird, oesindet sich eine dSr üblichen gemeinen jüdisct)en Karikaturen, und ans der Vorderseite ist zu lesen, eine „Prophezeiung" von Mojes. Sie ist natürlich eine Erfindung, „obgleich sie angeblich der Bibel viit* iiommc.i ist, und an diese Anführung ails der Bibel wird alsdann die nachstehende Bemerkung angesügt: „Iudenmassakers müssen also sein, damit sie, die Propheten (0 wid Gottesmörder, am eigenen Leibe fühlen, daß dre mosaischen Pro >be zeiungen wahr sind." Trese Worte, die 311 Blutvergießen aufreizen, sind wenigstens von absolutester Deutlichkeit. Ich glaube nicht, daß antisemitische Kreise der Tschechoslowakei sich in die Unkosten der Versendung solcher Postkarten gestürzt haben. Ich habe einigermaßen begründeten Anlaß zu der Behauptung, daß' diese mit Marken der Tschechoslowakei ausgestatteten sreunolicheu Mahnungen zti Mord und Totschlag — bei uns in Deutschland nämlich - auf polnischen Ursprung znrückzuführen sind. Tie blutigen Iudeuabschlachtungen in polnischen Gebieten haben die Lage der polnischen Regierung in Versailles nicht gerade verbessert, und mm wünschen polnische Politiker auf dem tleinen Unrlvege über die Slowakei auch Iudenmassakers in Deutschland hervorzurnfen. Tie politischen folgen wären alsdann recht annehmbare. Man würde vor Frarrzosen, Engländern und vor allem vor den Amerikanern daraus Hinweisen, daß die Juden Mittel- und Osteuropas sich durch ihre Taten aufs äußerste verhaßt gemacht habeil, und wenn selbst die Deutsche Republik Iudenmassakers zu verhindern nicht in der Lage sei, so lliüfse mm: die gleichen Massakers in Polen rvesentlich milder beurteilen. Polen sei doch eben erst aus der russischen Tyrannei und ans der russischen Verdummung entlassen tvorden, und voll dem mmeii just befreiten Polenstaat könne man nicht verlangen, daß er schon jetzt der zügellosen Instinkte einer freilich mit Recht über die Inden empörten Bevölkerung Herr werde. Hier verschlingt sich also der nationale deutsche Antisemitisilills mit der internationalen Politik; die internationale politische Brunnenvergistung tritt in die Erscheinung, und die Wirkung, die damit erzellgt wird, ist gewiß nicht geeignet, die internationale Lage Deutschlands günstig zu beeinflußen. Wer steckt mm hinter dieser antisemitischen Agitation, die in Teutschland heute in allergrößtem Stil betrieben wird und deren Kosten sich auf einige Millionen belaufen müssen? Einen Fingerzeig hierfür kann man der sozialdemokratischen „Fränkischen Tagespost" entnehmen: Wie in so vielen anderen Städten, gibt es auch in Nürnberg einen Deutsch-völkischen Bund, dessen führende Persönlichkeiten ein ausgedienter reaktionärer General und ein Nürnberger Großkaufmänn sind. Ich meine, diese Allianz zwischen General und Großkaufmann wird man wohl im Gedächtnis behalten müssen. Sie ist für die weitere politische Diagnose von besonderem Wert. Dieser General und dieser Großkausmann setzten sich mit den Nürnberger Komlmrnistenführern zusammen, und sie alle, deutschvölkisck)er General und Großkaufmann und Kommunisten, sie beschlossen, gemeinsam eine antisemitisch-bolschewistische Zeitung herauszugeben. Die Arbeitsteilung ward in der Weise beschlossen,, daß das Geld und der Antisemitismus vom Großkaufmann und vom General und der Bolschewismus von den Kommunisten geliefert werden sollte. Diese interessante Kooperation ist nach meiner Kenntnis der Verhältnisse typisch. Ich will nicht behaupten, daß reaktionäre Elemente .überall direkt mit Kommunisten in. Verbindung getreten sind, aber die weiterblickenden Führer auf der äußersten Rechten und auf der äußersten Linken erkennen natürlich, daß ihre Nächstliegenden Ziele durchaus gerneinsame sind, nämlich der Umsturz der demokratischen Republik, die heute den ordnungsmäßigen Verlauf des staatlichen Lebens in Deutschland 31t verbürgen sucht. Zunächst demnach: Sturz der Ordnung, die heute in 'Deutschland vorhanden ist. Was dann kommt, darüber mag die Zukunft entscheiden. Es wird, wie ich ännehme, in kurzem möglich sein, diese Fäden, die in Nürnberg aufgedeckt worden sind, anch anderwärts aufzudecken. Es wird möglich fein, klarzustellen, daß Elemente der Schwerindustrie mit Elementen reaktionär-antisemitischer Richtung sich verbunden haben, um durch freu Antisemitismus die politischen Parteien der Linken — Demokraten und Sozialisten beider Richtungen — zu schwächen, zu sprengen und somit einen neuen Umsturz vvrzubereiten, von dem der äußerste Radikalismus wie die äußerste Reaktion das Heil für ihre eigenen Ziele erwarten. An diesem Bündnis ist noch eine originelle Erscheinung aufzuzeigen. Es sind an ihm nämlich auch einige reiche Juden beteiligt, vorausgesetzt, daß meine guten Informationen auch.in jeder Einzelheit gut sind. Diesen naiven Juden sagte man: Sei nur erst, die Revolution durch die Reaktion beendigt, so werde man den Antisemitismus schon rechtzeitig zurückpseifen. So hat sich denn eine groteske Allianz zrlsaur mengefun den, oder vielleicht sagt tii.au besser, es ergibt sich emo bewußte oder auch unbewußte Kooperation zwischen Reaktionären, Antisemiten und Kommunisten. Und als geldlicher Kitt dienen insbesondere Schwerindtlstrielle ails jenem. Gebiet des Rheins, wo die Ufer bereits angefangen haben flach zu werden; und daß unter oiejeii Schwerlneustrteilen sich atlch einige Juden befinden, ist der Witz der Geschichte. Ter sehr stark materielle Rückhalt liegt bei jenen Kreisen etwa, die unbeschadet ihres deutschen Patriotismus — der versteht sich natürlrch immer von selbst — mit den Möglichkeiten eurer selbständigen rheinischen Republik rechnen, die dann je nach Bedürfnis entweder nach Osten oder vielleicht auch nach — Westen gravitieren könnte. Würte ich sagen, daß meine Ausführungen eine Hypothese sind, so wäre das 311 wenig gesagt. Zutreffend darf ich mich mix Henrik öbjeu etwa jo ausdvücken: „Ein Lustschloß unt eurer Grundmauer darunter." Wer etlvas vom politischen Bauwesen versteht, der weiß aber, daß aiich hier dre Grunomauer für dre entscherdenoen Linien des Weiterbaues bestimmend ist. ' Deutlicher schon heute zrr sein, habe ich feinen- Anlaß, denn neue häßliche persönliche Verfolgungen können wir in Teutschland nicht gebrauchen. Die vorbeugende Warnung ist hingegen das politisch Zweckmäßige." Im Anschluß hieran geben wir nachstehenden Aufruf wieder: - Unter der Last eines Friedens von einer grausamen Härte, wie ihn die Welt noch nie erlebt hat, durch die ungeheuren Opfer des Krieges irnd durch innere Unruhen zermürbt, liegt das Vaterland

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