Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229425--75126-3287616- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
387 Werker dort noch vor 30 Jahren unter den Juden sich befanden^ Handwerker, die mit Treue rechtschaffe n e A r b e i t trieben und-die,so stolz darauf gewesen wären, daß. sie ihre Söhne — Wie es ja auch,der Talmud verlangt zu einem Handwerk erzogen 'hätten, wenn sie inmitten der Christen nur einigermaßen ihr tägliches Brot zu verdienen imstande wären. Ich könnte aus meiner'Heimat ihm ohne Mühe eine Reihe von Männern nennen, die auch unter ihren, christlichen Nachbarn in h o h e r Achtung standen, weil sie in ihrem Berufe sehr gewissenhaft waren. Selbst Fischer, könnte ich ihmmennen, obwohl Fritsch schreibt: „Auch jüdische Fischer sind nirgends in der Welt bekannt." — In Rußland sollen 75 Prozent der Inden ein Handwerk betreiben; ich erinnere nur an die „Schindeljuden", die in Ostpreußen sehr wohl als Dachdecker. bekannt sind; auch in Galizien ist das Handwerk. unter den Juden nicht unbekannt; ja selbst im westlichen Deutschland begegnete ich in der letzten Zeit jüdischen Handwerkern. Wäre es aber in Deutschland doch noch nicht so weit gekommen, daß die Juden ein Handwerk ergriffen, „so liegt die Schuld an den Christen". Pastor Kunert ruft zum Schluß Herrn Fritsch die kernigen Worte Luthers zu: „Und wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte sdlche Tölpel und Knebel >den Christenglauben regieren^ und lesen gesehen, so wäre ich eher eine Sau geworden als ein Christ." Diese trefflichen Worte des Kölner Pastors machen.eigentlich jedes nähere Eingehen auf alles das, was Fritsch vorgebracht hat, überflüssig; es seien aber doch noch einige weitere Einzelheiten zu diesem interessanten Thema ausgeführt: Es gibt tatsächlich auch jüdische Hafenarbeiter; in Saloniki gehören die Sacktrüger, die die schwerste Arbeit im dortigen Hafen zu verrichten haben, fast ausschließlich der jüdischen Konfession an. In Polen allein schätzt man die Zahl der jüdischen Handwerker aus mindestens 40 000 und in Berlin wurden vor 15 Jahren etwa 1000 jüdische Handwerker gezählt. Erst kürzlich hat Maxim Gorki in seinem Blatte „Nowoja ShisU" (Neues Leben) darauf hingewiesen, daiß in Odessa z. B. di e meisten Lastsuhr leute Jud en sind, und daß 92 Prozent der im Ansiodlungsrayon lebenden Inden H a.n dw e r k e r oder (leider!) Bettler seien. Auch was die Landwirts cha f t anbelangt, so trifft .das, >was Pastor Kunert über die Schuld der Christen an dem früheren Ausschluß der Inden vom Handwerk in Deutschland aussührt, genau auch für dieses Gewerbe zu. Im alten Palästina waren die Juden fast ausschließlich A ck e r b a u e r. Da erst in allerjüngster Zeit dieses Land von der wissenschaftlichen Forschung als die Urheimat der wichtigsten Getreidefrucht, des Weizens, sestgestellt' worden ist, können nur die Juden diesen in Kultur genommen Haben. Sie haben sich also um den Getreidebau der Welt ein Verdienst erworben, dem nicht bald irgendein anderes Volk eine ähnliche Leistung qn >die Seite stellen kann.. Diese Ackerbauer im alten Palästina, die den vollberechtigten Anspruch daraus erheben dürfen, als das erste Bauernvolk der Welt bezeichnet zu werden, würden gar zu gern im Galuth das Gewerbe ihrer.Väter sortgeführt haben, wenn man sie nicht direkt davon ausgeschlossen hätte. Unter Berufung auf eine ganz falsche Auslegung einer Stelle des Genesis haben sich die Antisemiten sogar zu.der ungeheuerlichen Behauptung verstiegen, daß nach jüdischer Lehre die Arbeit als Fluch zu gelten habe, und diese Behauptung gehört sozusagen zu dem eisernen Bestand der antisemitischen Schmähroden und Verleumdungen. Aber genau ebenso, wie die Juden als das erste Volk der Welt die Lehre von der Nächstenliebe und von, der Gleichberechtigung aller Menschen ausgestellt haben, ist von ihnen zu allererst die sittliche Forderung: Liebe die.Arbeit! erhoben worden. Kann das bittere Unrecht, das den Juden von ihren Gegnern immer und immer wieder zugefügt wird, .kaum je vott einew anderen überboten werden? Lüge Nr. 6: Die Inden sind Kosmopoliten und daher G e g n e r de s D e u t s ch t u m s. Die Widerlegung: Als noch weite Schichten des deutschen Volkes .dem deutschen Gedanken und der Idee der deutschen Einheit fremd gegenüberstanden, waren gerade die jüdischen Kreise unseres Vaterlandes deren begeistertste 'Vorkämpfer. Noch im Jahre 1854 bestritt I a k ob G r i m m, einer der . Begründer der deutschen Sprachwissenschaft,. in seinem Vorwort zum deutschen Wörterbuch! die Möglichkeit, die deutschen Stämme-zu einen, indem er sagte: „Was haben wir denn Gemeinsames als unsere Sprache und Literatur?!" Mitte . Mai des Jahres 1848 aber schrieb der König Friedrich Wilhelm IV; öon Preußen an Dahlmann: Im nördlichen und nordöstlichen Deutschland sei, von «der Essevveszenz der großen Städte und der „Teut schwul" der Juden abgerechnet, von Enthusiasmus für die politische Einheit Deutschlands nicht die Rede. (ecfilufs folgt.) Sir Woche. Berlin, 25. August 1019. Du unserer Wochenschau vom 11. August brachten wir eine ausführliche Darstellung von der Wühlarbeit des Herrn Knauer auf dem Gebiete der Judenhetze. Der antisemitische Agitator erkühnte sich darauf in einer Zuschrift an das „Berliner Tageblatt" festzustellen, daß er nicht als Leiter des politischen Aufklärungsdienstes bei der Brigade Lettow- Borbeck eingestellt wurde, daß er den Arbeiter Rietze nicht gekannt habe und daß der Brief an den Verein zur Abwehr des Antisemitismus eine Fälschung fei. Nun wird dem genannten Blatte von dem Abwehr-Verein mitgeteilt, daß Knauer ani 11. Februar bei ihm persönlich vorgesprochen und um Geld ersucht habe, und daß er dann, sogleich nach seinem Besuche, auch noch ~ durch Rohrpost — jenen Brief an den Verein geschickt habe, in dem es unter anderem hieß: „Wenn Sie mir eine sofortige pekuniäre Hilfe von etwa fünftausend Mark, wenn möglich schon heute, spätestens aber morgen. Mittwoch, den 21. d. M„ zuteil werden lassen, so verpflichte ich mich, mit allen meinen Kräften, und gestützt ans meinen ungeheuren Einfluß ans die gesamte Bewegung in ganz Deutschland und über seine Grenzen hinaus, gegen die gehässigen und fanatischen Strömungen zu arbeiten, um Pogrome und Gewalttätigkeiten zu verhindern . . Das Original des Briefes hat dem „Berliner Tageblatt" Vorgelegen. Sehr überraschend, bemerkt dieses, sind solche Feststellungen natürlich nicht, denn eine Bewegung wie der Antisemitismus kann nur Helfer finden, die ebensowenig sauber sind wie sie selbst. Das scheinen nun die hochgestellten Drahtzieher der antisemitischen Hetze selbst einzufehen. Die Geister, die sie gerufen, erfüllen sie mit Grausen. Wie, wenn die Aufgehetzten schließlich bei den Juden kein Halt machen, sondern . . . „Gegen die Juden u nd gegen die Reichen," lautete einst eine Phrase der Räuberromantik ... Aus solchen Erwägungen, schreibt die „Berliner Volkszeitung", ist vielleicht ein Llibwiegelungsartikel zu verstehen, den einer der wildesten. Hetzer, Graf R e v e n t l o w, in der „Deutschen Tageszeitung." losläht. Ein Artikel, dem man an sich eine gewisse Ernsthaftigkeit und den Versuch, dem Problem vom! verbohrt reaktionären Standpunkte wenigstens einige Objektivität abzugewinnen, nicht ahf-pvechen. kann. Da ist die Rede von den Möglichkeiten eines „friedlichen Ausgleichs zwischen Juden und Deutschen." und ähnliches. Man merkt, 'daß abgewiegelt werden soll; daß den Drahtziehern