Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
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389 alteingesessene, hochangesehene Bankhaus Jacob S. H. Stern) hat mit Alfred Harmsworth, 'dem jetzigen Lord Northelifse, auch Glicht das geringste zu t u n. Dagegen ist vor .etwa hundert Jahren ein Angehöriger dieser Frankfurter Familienach England ausgelvandert. Einer seiner Nachkmnmeu-, Sir Sidneh Stern, wurde im Jahre 1895 als Peer von England zum Lord Wandsworth ernannt. Dieser ist schon vor längerer Zeit gestorben und hat sich niemals in deutschfeindlicher Weise betätigt. Die wahrheitswidrige Behauptung des Senn-Kürschner über die Abstammung Lord Northcliffes erhielt dgdurch die weiteste Verbreitung, daß sie in höchst leichtfertiger Weise in das 1917 von der Au s l a nd s st e l l e des K r i e g s p r e s s e - amt» h -e rausge g e bene halbamtliche. „H a n.d b u ch d e r A u s la nd s Pr e s s e" in den Artikel über die „Times" in folgender Form übernornrnen wurde: „Eigentlicher Besitzer jetzt der rücksichtslose, geloalttätige Zeitungskönig Lord Northelifse (Alfred Harmsworth), von Geburt Ire — letzten Endes von der Frankfurter Jsraelitensanlilie Stern abstammend (?)." Dieses Fragezeichen wurde von den antisemitischen und 'deutschvölkischen Benutzern des Handbuches nicht beachtet, und so kam es, daß sich in diesen Kreisen das M ä r ch e n N v r t h c l i f f e - S t e r n sestsetzte und nun immer und immer wieder vorgebracht wird. Die überaus leichtfertige Art, in der das Kriegspresseamt in dem vorliegenden Falle zu Werke gegangen ist, läßt einen Schluß au*f die sonstige Arbeitsmethode dieser Jnformationsbehörde zg, der wir es so auch zu einem großen Teil zu verdanken Haben, daß wir den Krieg verloren! haben. Lüge Nr. 3: Bei den letzten Spartacistenkämpfen ip Berlin soll das' Bank h aus B l e i ch r o d e r z w e i Nt i l l i o n e n M a r k an die S P a r t a c i st e n gezahlt haben; einige Monate vorher hieß es, daß die Judenschaft der R e i ch s ha up t st ad t eine Million für den Sicherheitsdienst geopfert habe und daß die reiche n I u den L i e b k n e ch t in e h r e r e Nt i l l i o n e n z u x Vers ü g il n g g e st e l l t hätten, damit er sie vor Plünderungen und Pogromen also seiner eigenen Gefolgschaft schütze. Die Widerlegung: Auf eine oder mehrere jüdische Millionen kommt es den Antisemiten gar nicht an. Natürlich sind a'l l e dies e M ä r ch e n , die so albern sind, daß ihnen nur ein Antisemit Glauben schenken kann, durch die Bank e r st u n k en u n d e r löge n. Lüge Nr. 4: Die im Tal mild und T ch ll l ch a n A r u ch enthaltenen Religionsgesetze der Juden sind ll n s i 1 t - lich, verbrecherisch, gemeinlind sta a t ^gefährlich, denn sie erlauben nicht nur Lug und Trllg sowie M e ll ch e l m o r d a n e i n e m iS h r i st e n , sondern schreiben sie in bestirllmten Füllen sogar v o r. Sie gestatten den E h e b r u ch nr i t eine r E h r i st i n und b e - zeichnen die Christen selber als Tiere, die außerhalb des Gesetzes stehen. Die Inden sind daher Verbrecher von R e l i g i o n s wegen! Die Widerlegung: Herr Dr. D int er, der ehemalige Direktor der Vertriebsstelle des Verbandes deutsches Bühnenschriststeller luld der Verfasser des widerlichen und an die niedrigsten Instinkte appellierenden Romans „D i e S ü n d e wider da s B l u t", eines -erbärmlichen Schmökers, der selbst in antisemitischen Kreisen vielfaches Kopfschütteln hervorgerufen hat, hat vor kurzem im „Hammer" einen Artikel veröffentlicht, in dem er eine Reihe der einst von Rohling und seinem Spießgesellen vorgebrachten Lügen und Verleumdungen über den Talmud usw. von neuem auswärmt und in dem er, um den Schein einer besonders tiefgründigen Gelehrsamkeit hervorzurusen, sogar mehrere Stellen des Schulchan Aruch im Grundtext abdruckt. Ein Sonderabdruck des Artikels ist unter dem Titel „Lichtstrahlen a ll s dem Talmu d, offener Brief an den Landesrabbiner von Sachsen-WeimarMsenach" als Flugschrift sowie als Flugblatt herausgegeben worden, das auch der völkischen Tagespresse, u. a. der „Deutschen Zeitung", beigelegt worden ist. Auch ' in FlugÄättern des „Deutschvölkischen Bundes" und der „Deutschen ErneueriMgsgemeinde" des Herrn Theodor Fritsch sind diese und ähnliche Lügen über die angeblichen Geheimschriften der Juden verbreitet worden. Geh. Rat Professor, Dr. Strack, einer der besten Kenner des Talmud, hat in glänzender Beweisführung dargetan, daß Dr. Dinter kein Wort des von ihm angeführten Textes versteht. Diese Feststellung reicht zur Charakterisierung des neuesten Talmud- „Gelehrton" vollständig aus. Franz Delitzsch hat in 'feiner bekannten Schrift „Rohlings Talmudjude" (5. Auflage, 1881) die t a l ul u d i s ch e Afteriweisheitder unwis s e n - den Gesellen, die das Albernste und Schmutzigste, was Juidenhasser früherer Jahrhunderte aus dem Talmud herauslasen, von neuem wieder aufs Tapet gebracht haben, und von denen einer immer dem anderen nachschreibt, auf das g r ü n d lich st e w i d e r l e g t. Um nur ein Beispiel anzuführen, wird im Talmud die dort vorgebrachte Aeußerung. in der die Sklaven a it f eine Stufe mit den Tieren gestellt werden, au s d r ückli ch v erw ors e n. Wie könnte das auch anders sein, da gerade die jüdische Religion die erste Religion der-Welt gewesen ist, die die Lehre von der Nächstenliebe in ihrem vollsten Umfange, und zwar genau in der Weise, wie sie auch heute als Lehre des Christentums verkündet wird, ausgestellt hat. Der Talmud enthält dieselbe Ethik, wie sie Christus und die Apostel gelehrt haben; der Talmud enthält die Lehre des gleichen Rechts für alle, die überhaupt die Menschheit dem Judentum verdankt. Ist es schon tieftraurig, daß man gerade den, Entdeckern der Lehre, daß alle Menschen gleich sind, die Gleichberechtigung so lange verweigert hat und noch verweigert, so ist es noch viel trauriger, daß man gerade sie als „Verbrecher von Religions wegen" schmäht). Lüge Nr. 5: Die Juden empfinden die körperliche Arbeit als Fluch. In einem voll der „Deutschen Erneuerungs-Gemeinde" des Herrn Theodor Fritsch verbreiteten Flugblatt ist zu lesen: „Habt ihr je e i n e n I u den pflügen oder graben gesehen? Habt ihr je einen^ Juden an der Hobelbank, auf dom S ch u st erbock, an einer M a s ch ine, unter den Hafenarbeitern gesehen? Habt ihr je einen Juden mit ehrl i ch e n S ch w i e l e n a n d en H ä n d e n gesehen? Oder i m b l a u e n A rbeitskitt e l? Nein!! Die I u d e n v e r a ch t e n i m G r u nd e d i e körperli ch e A r b e i t!" Tie Widerlegung: Als vor einigen Jahren derselbe Theodor Fritsch dieselben Behauptungen in einem seiner- Hammer-Flugblätter aufgestellt hatte, ließ ihm im protestantisch-orthodoxen „Reichsboten" der evangelische Pastor Karl Kunert (Köln) eine glänzende Abfuhr zuteil werden, die gerade aus einem solchen Munde herstammend die beste Widerlegung der Fritschschen Behauptungen und Fragen darstellt: „Möchte Fritsch doch einmal nach der Provinz P o s e n gehen und Nachfragen, wieviel Han d - h „Unsere Feinde mögen", schreibt Albert Katz in der Vorrede zu seiner Schrift „Ter wahre Talumdjnde" (*2. Auflage, Berlin 1893) „aus diesem Buche nur die eine Lehre ziehen, daß, wenn Juden, die nebenbei doch auch Menschen sind, Unredlichkeit und Vergehen gegen Andersgläubige sich zuschulden kommenlassen, es nicht die Talmudinoral ist,. die sie. dazu, verleitet, sondern die Unkenntnis, der Litten lehre unserer Väter. Die Ethik -des Talmuds kennt keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden; sie ist frei von jeder Engherzigkeit, frei auch von allen konventionellen Lügen -der Gesellschaft." '