Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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83. Jahrgang. Nt. 35 -meine Berlin, 29. Huguft 1919 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von llsddlner vr. Ludwig Philippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion »nd Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin Jerusalemer Straße 4S-4-, zu richten. Verlag von Rudolf Messe Berlin. Diese Zeitung erscheint wSch ent!ich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 329. Unhflit*^cn ^er Antisemiten. Don Dr. I. St. — Die Woche. ' * — Organisation, Bezirksgemeinden, Reichsjudenstener. Vorschläge von Rabbiner Dr. Neu selb (Briefen). — Das jüdische Drama. Bon W. Menkes. — Feuilleton: Benjamins Liebeslied. Roman von Sarnuel Meisels. — Literarische Mitteilungen. Der Gerneindevote (Beilage der „Allgemeinen Leitung des Judentmns"): Berlin, Lissa i. P., Oldenburg i. Gr., Hamburg, Elberfeld, Hannover. Wien, Lodz. — Von Nah und Fern. Lügen der Kntilemiten. Von Dr. I. S t. ohl noch niemals ist so viel mit Lügen und Verleumd nug e n gearbeitet worden, als dies in 'der gegenwärtig mit alldeutschem und schweriindustriellem Getde betriebenen antisemitischen Hetzpro pa g a nda in bezug auf die Juden geschieht. In Millionen von Flugblättern, die aus Straßen und Plätzen, in Fabriken, Kasernen, ja, sogar in Schulen verteilt werden, die massenhaft den reaktionären Zeitungen und Zeitschriften beigelegt werden, in antisenütischen Flugschiristen und Büchern, in den Artikeln der antisemitischen Blätter usw. wenden immer und immer wieder dieselben Verdrehungen, Entstellungen und Unwahrheiten vorgebracht, um die Seelen weiter Kreise des deutschen Volkes zu vergiften und sie mit Haß gegen das Judntum zu erfüllen- Es ist daher angebracht, einige der marktgängigsten und am häufigsten vorgebrachten antisemitischen Lügen zusammenzustellen und ihnen sofort eine bündige Widerlegung zuteil werden zu lassen, damit ein jeder sofort in der Lage ist, ihnen . entgegenzutreten, sobald sie ihm begegnen. Lüge Nr. 1: Der jüdische Historiker H. Gr ätz (Breslau) soll die Aeußevung getan haben: „Die Revolution ist b e r S t e r n I u d a §." Die Widerlegung: Hundertmal, nein,- tausendmal ist seit Ausbruch der Revolution in Deutschland dieser gerade jetzt sehr „aktuelle" angebliche Ausspruch Grätz' in antisemitischen Flugblättern, Zeitungsartikeln, Bersammlungsreden usw. vorgebracht worden. Schon im Jahre 1912 aber hat der Schüler und Amtsnachfolger des Professors Heinrich Grätz, Herr Professor Dr. M. B r a n n (Breslau), der seit nahezu fünfzig Jahren sich mit den Werken feines Lehrers eingehend beschäftigt und 'der etwa die Hälfte der Bände Grätz' in neuer Bearbeitung herausgegeben hat, mithin also in dessen Werken Bescheid weiß wie kein anderer Mensch, an die antisemitischen Blätter, 'die schon damals die Lüge von der Revolution und dem Stern Judas wiederholt Vorgebvacht hatten, eine Erklärung versandt, in der er sagte, daß er den in Rede stehenden Satz so lange für eine glatte Erfind u n g h a l t e, bis nach Band und Seitenzahl der Fundort angegeben sein wird. Wie Professor Dr. Brann im Januar dieses Jahres ausdrücklich festgestellt hat, hat von dieser Erklärung 'damals keine einzige antisemitische Zeitung Kenntnis genommen. Einzig und allein 'das Organ des ordinärsten Radau- und 'Gassenantisemitismus, die Zeitschrift „Auf Vorposten", hat vor einigen Monaten die Fälschung selbst zugegeben, indem sie sie allerdings in folgender Form einschränkte: „Dieses Wort hat er (Grätz) zwar nicht selbst geprägt, aber mit Recht gewühlt." Auch diese Behauptung ist natürlich eine Lüge, es ist aber überaus bezeichnend, 'daß die Organe und Redner der Alldeutschen, der Deutschvölkischen und der Deutschnatiormlen Volkspartei, also die Vertreter des sogenannten „vornehmen" Antisemitismus, nicht einmal diese Einschränkung machen, sondern bewußt wahrheitswidrig den in Frage kommenden Ausspruch weiter Heinrich Grätz zuschreiben. Auch die „Germania" nimmt in ihrem berüchtigten Pogromartikel vom 1. Juli d. I. (gegen den wir uns in der Nr. 29 u. 39 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" gewandt haben. Die Redaktion) >auf diese Lüge Bezug, indem sie schreibt: „Die Tatsache steht fest, daß, wie selbst jüdische Schriftsteller bekennen, die Revolutionen dem Volke Israel nicht geschadet haben, sondern daß gerade in den Tagen des Umsturzes sein Weizen blühte." Dabei besitzt dieses Blatt die Dreistigkeit, in einer späteren Erwähnung dieses Artikels (in ihrer Nummer vom 14. August) zu behaupten, daß er „v o n nichts weniger als von Antisemitismus diktiert gewesen sei". Von was denn? Lüge Nr. 2: Der Besitzer der „Times". Lord Northclifse, der Führer der feindlichen Preßkampagne gegen Deutschland, ist kein richtiger Engländer oder Ire, sondern der Abkömmling eines aus Frankfurt a. M. nach England ausgewanderten Juden Stern und wird daher von den Antisemiten fast stets Norlhelisfe-Stern genannt. Die Widerlegung: Lord Northclisfe ist nach unanfechtbaren Feststellungen am 15. Juli 1865 in Dublin als 'der Sohn Des irischen Advokaten Alfred Harmsworth geboren. Die Quelle für die Behauptung seiner Abstammung von einem Frankfurter Juden Stern ist der Semi- Kürschner des Herrn Philipp S t a u s f, jenes traurige Machwerk, über das ein Marburger Gericht in einem im Jahre 1914 ergangenen Urteil sestgestellt hat, daß es „auf einem bedauernswerten Niveau sieh t" und ein Seitenstück zu 'dem Semi-Gothe darstellt, wo in der schmutzigsten Art Förderer unseres deutschen Vaterlandes in ihren Verdiensten herabgesetzt werden. Die Behauptung Philipp Stausss beruht einzig und allein auf einer durch einen bedauerlichen Mangel an Gewissenhaftigkeit hervorgerusenen N a me n sv e r w e ch s l u ng der beiden ähnlich klingenden englischen Namen Harmsworth und Wands-worth. Die Frankfurter Familie Stern (gemeint ist das