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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-22 · Heft 34 (22.8.1919) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 34 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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eines Rechtes, das die Benutzung des Bodens fördert und die Wertsteigernng, die er ohtte Arbeit einzelner erhält, möglichst dem Volksganzett nutzbar macbt". Blau darf aber annehruen, daß es Stöckers Erben jetzt erheblich weni-ger auf die Verwirklichung dieser sehr neuzeitlich anmutenden Forderungen antonnnt, als auf die „starke Monarchie", unter der ein anderer Punkt des Programms, nämlich „Ausschluß der Inden aus allen obrigkeitlichen Aemtern und vom Offizierstand", solange in Kraft war. Hier liegt der Hase im Pfeffer! Man möchte — wenn nötig mit Gmnnn knüppeln - den Alleinbesitz der Ministersessel wieder erobern, die im Zusammenhang, mit dem Ausgang des Krieges vertorengegangen sind. Unter dem Schlachtruf: „Gegen den großen und den kleinen Kohn!" soll die gute alte Zeit neu erstehen, in der Herkunft, Korpszngehörigteit, Versippung und Nepotismus den Befähiguugsnachtveis ersetzten. Es ist nur ein Kampf um die Futterkrippe. ### Berlin, 19. August. Au der Ecke des Kurfürstendanuns und der Ioachintsthaür Straße kam es am 13. d. ÜU{. abends zu schweren anti semitischen Ausschreitungen, über die an zuständiger Stelle im Berliner Polizeipräsidium folgende Darstellung gegeben wurde: „An den letzten Abenden, hatten sich am Knrfürsteudamm in mmrittetbarer Nähe von dem. Alten Eafv des Westens fliegende Zeitnngshändler niedergelassen, die vor allem in später Nachtstnn.de mit antisemitischen Zeitschriften handelten. Vorgestern abend erschien einer dieser Händler in der Ioachimsthaler Straße mit einem großen Plakat, auf dein aufhetzende Worte gegen die jüdische Bevölkerung zu lesen waren. Der Kaufmann Zucker riß dem Plakatträger das Plakat vom Rücken. Die anderen Händler und auch ein großer Teil der sich durch diesen Bor fall angesanunelten Menge nahm für den Plakatträger Partei. Zucker mußte flüchten und wurde unter lauten Zurufen von der radaulustigen Menge verfolgt. Zu der Kantstraße wurde Zucker von der Menge ergriffen und zu Boden geschlagen. In der Notwehr gab der lieber falle ne aus einem Revolver mehrere Schüsse ab und verletzte dadurch den 24 Jahre alten Franz W i l e k durch einen Bauchschuß. Dies hatte zur Folge, daß die Menge über Zucker erneut herfiel und ihn in der rohesten Weise mißhandelte. Unterdessen war ein Polizeibeamter erschienen, der Zucker vor weiteren Mißhandlungen schlitzte und nach der Bahnhofswache am Zoologischen Garten brachte. Die Menschenmenge, die sich vor der Bahnhosuoache angesammelt hatte, nahm eine drohende Haltung gegen die Beamten ein. Unterdessen war aber fca* Charlottenburger Polizeipräsidimu von den Borgängen telephonisch in Kenntnis gesetzt worden, und dieses hatte ans Automobilen Hilfsmattnschaftett nach der Polizeiwache am Zoologischen Garten entsandt. Erst jetzt konnte der schio er verletzte Zucker unter starker Beivachnng mach der Rettungswache am Zoologischen Garten gebracht lverden. Bei ihm nmrden ein linksseitiger Doppelschenkelbrnch, ein Bruch des Nasenbeins und verschiedene andere Kopfverletzungen festgestellt. Er mußte nach der Eharito gebracht iverden. Die Polizei hat sofort geeignete Maßnahmen getroffen, lim derartige bedauerliche Vorfälle in Zukunft zu verhüten." Das antisemitische Opfer, Kaufmann Zucker, i-st 26 Jahre alt .und befindet sich noch immer in Lebensgefahr. Die Aerzte in der Eharitä haben bei ihm eine schwere Gehirtterschüttertlttg festgestelll. Erst mit Freitag im Laufe des Vormittags hat Zucker das Bewußtsein wiedererlaltgt. Wie uns mitgeteikt wird, ist Zucker ein ruhiger und besonnener Vteusch, der als Freiwilliger während des ganzen Krieges im Schützengraben gekämpft hak und wiederholt wegen seiner Tapferkeit ausgezeichnet wurde. X. H. Königsberg, 14. August. Die traurigen und beklagenswert ten Vorkommnisse in Eranz wiederholten sich leider am letzten Freitag. Da es im Laufe des Abends neuerdings zu Prügeleien und Anpöbelungen der Inden gekommen ist und sich die Verhältnisse auch sonst zugespitzt haben, begab sich, da das zur Vermeidung von Unruhen aus Veranlassung des Oberpräsidenten hingesandte Kommando scheinbar nicht atisreicht, eine Abordnung in das Oberprüsidium Hub verhandelte dort mit dem Stellvertreter dos verreisten Oberpräsi-denten, Oberprüsidialrat Hassell. Aus den Verhandlungen ging klar hervor, daß die oberste Provinzialbehörde in richtiger Erkenntnis der Sachte ge eine iveitere Verstärkung des Truppenkvnunandvs in Eranz veranlaßt hat. Im Laufe des nächsten Tages wurde ein älterer Offizier mit mehreren Mann nach Eranz beordert. Der Gemeindevorsteher in Eranz erließ folgende Bekanntmachung, die am Sonnabend, den 9. d. M„ in Eranz angeschlagen wurde: Unter den Badegästen und Passanten von Eranz machen sich seit einiger Zeit Unrichert bemerkbar, die zu Zusammenstößen geführt haben und den Badeverkehr stören. Die Bewegung, ist Motiven des Rassenhasses entsprungen und ich habb.sie 'bisher nachsichtig beurteilt, wci‘l: ich hoffte, daß sie keinen ernsterem Elzarakterwunehnten würde. Nach den Vorgängen am letzten Sonntag und nach den. Zusammenrottungen vom Mittwoch dieser Woche aber habe ich die Wicht, mit aller Energie einzuschreiten und dafür zu sorgen, daß das Eranzer Badeleben, die öffentliche Ordnung und die Ruhe der Bürgerschaft nicht ferner gestört lverden. Nach mündlicher' Berichterstattung beim Herrn Oberpräsidenten habe ich mir vorn Generalkommando Königsberg eine Truppenabteilung zur Unterstützung der diesigen Polizeiorgane znweisen lassen und werde unnachsichtig gegen jede Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung einschrei ten. Int Verkehrs- und sicherpolizeilichen Interesse verbiete ich hiermit nochmals attsdrückt'ich jede Verteilung von Flugblättern auf der Uferpromenade und nnt Strande. Ich verbiete ferner das Zusammenstehen in Gruppen auf der Uferpromenade, das Halten von Ansprachen und habe -angeordnet, daß Zuwiderhandelnde zu sistieren sind. Zettelverteiler lverden von der Uferpromenade entfernt, Urheber von Schlägereien in Haft genommen, gleichviel welcher Partei und Konfession sie angehören. Tie Pvlizeibeantlen sind von heute ab wie die Gendarmerie mit Schußwaffen und scharfer Munition ausgerüstet. Im übrigen haben die Sicherheitsorgane strenge Anweisung, ihrerseits das Badeleben nicht ztl beeinträchtigen, sondern jeden, der in friedfertiger Absicht nach Eranz kommt und der sich hier attshült, um Ruhe, Erholung und Zerstrettung zu finden, Alt schützen und unbehelligt zit lassen. An alle friedliebenden und wohlgesinnten Mitbürger richte ich die dringende Bitte, utich in meinen Maßnahmen zu unterstützen und Zusammenstöße zu vermeiden. Die Berwaltung hat ein dringendes Interesse daran, daß sich das Badeieben ilt den gewohnten friedliebenden Bahnen entwickelt, Eranz als Bad ist nicht der Ort zttr Austragung politischer Gegensätze. Danzig, 15. August. Am 8. d. M. feierte hier nnter herzlicher Anteilnahme weiter Kreise seiner Glaubensgenossen und der christlichen Mitbürger Herr Karl L i-ch teufe ld in Rüstigkeit seinen siebzigsten Geburtstag. Der Jubilar, der eine allgemein geachtete Stellung ilt kaufmännischen Kreisen seiner Heimatstadt -einnimmt, erntete bei dieser Gelegenheit Dank und Anerkennung für seine jahrzehntelange, ersprießliche, verdienstvolle, ehrenamtliche Betätigung in allen Institutionen und Wohltüt igkeitsbestrebungen der jüdischen Gemeindeverwaltung in reichem Maße. Die Körperschaften, denen er seine selbstlose Tätigkeit.gewidmet, ehrten mtd beglückwünschten den Jubilar durch Deputationen, u. a. das R«epräsentantenkollegiunt der Synagogengenteinde., dem er 'seit mehr als einem Jahrzehnt, ebenso als Vorsteher der -Weiten Synagoge, angehört, ferner die Beerdigungskommission und verschiedene Wohltätigkeits,vereine der Jüdischen Gemeinde. Seit nahezu einem Vierteljahr hundert steht er als Vorsitzender und Ehrenmitglied alt der Spitze des größten Danziger jüdischen Wohltätigkeitsvereins, der Israelitischen Sterbekasse, die ihm viel Förderung verdankt. An den benx rüstigen Jubilar dar gebrachten reichen Ehrungen konnte sein einziger Sohn, der seit einem Jahrzehnt Beamter der Indischen Gemeinde in Berlin ist, sich erfreuen. Wronke, 15. August. Aut 6. d. M. verschied hier der Großkanfmann Herr Isidor L a s n e r im 58. Lebensjahr. Er gehörte einer Familie an, die seit etwa 200 Jahren in der Stadt ansässig ist. Bis zum Ausbruch der Revolution war er seit 1901 Ratsherr der Stadt. Er folgte in diesem Ehrenamt seinem Baker, der der erste jüdische Ratsherr in der Provinz Posenwar und dieses Amt ungefähr 50 Jahre verwaltet hatte. Die Jüdische Gemeinde, in deren Verwaltung sich der Verstorbene ebenfalls betätigt hatte, ehrte ihr Mitglied dadurch, daß sie ihn in der Synagoge " aufbahrt-e. Von dort aus erfolgte dann die Beisetzung unter großer Beteiligung. der Deutschen und Polen aus Stadt und Land. — Hamburg, 15. August. In der letzten Vollversammlung der Hamburger Studentenschaft berichtete eigner der beiden Hamburger Vertreter aufdem Hochschultage in Würzburg über die Verfassung, die aus dieser Tagung der deutschen Studentenschast gegeben wurde. Im ersten Paragraphen steht nun, daß alle Studenten deutscher Abstammung und Muttersprache zur deutschen Studentenschast -gehören. . Ein nn besungener Leser muß denken, daß diese Desinierung deshalb so seltsam lautet, weil ja auch die Studenten Deutsch-

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