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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-22 · Heft 34 (22.8.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 34 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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3. Jahrgang. Nr. 34 Berlin, 22. HuguftlW Der Gemeindebote. Brilsgr zur „Allgemeinen Arirunr deK IudentnmK". korrrspoNdkNHkN und Aschnchtm. SrutlchlsnL. L2 Bevlin, 19. August. Die. soeben erschienenen „Mitteilungen" Nr. 90 vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde bringen an der Spitze den Ausruf., den der Ausschuß zum 29. Juli d. I., dem Tage der 50jährigen Wiederkehr der Gründung des D. I. G. B., an seine 1200 Bundesgemeinden gerichtet hat. Die eigentliche Feier ist auf ruhigere Zeiten verschoben worden. Tie Sammlung für den Jubiläumsfonds hat bis jetzt 130 000 Mark ergeben und wird bis zum Ende des Jahres fortgesetzt werden. Hoffentlich ergibt sich eine starke finanzielle Kräftigung, deren die gerade jetzt so wichtige freiwillige Ges.amtorganisation der jüdischen Glaubensgemeinschaft auf der Grundlage der Gemeindeverfassung bedarf. — Zeitgemäß sind die Vorschläge zur Verbesserung des Gemeindewahlrechts, solveit solche sich im Nahmen des immer noch in Kraft befindlichen preußischen Gesetzes vom 23. Juli 1847 tun lassen; für die übrigen Reichsgebiete behält sich die Nechtskommission weitere Mitteilungen vor. Die Rücksicht auf das geltende Gesetz einerseits und die Absicht, jede vorhandene Lücke für die liberale Ausgestaltung zu benutzen anderseits, führt allerdings zu manchenscheinbaren Widersprüchen, z. E. beim Wahlrecht der Frauen, die durch das -gellende Gesetz vom aktiven Wahlrecht ausgeschlossen sind, während eine ihnen das passive Wahlrecht ausdrücklich absprechende Vorschrift nicht besteht; ebenso mag es als Ungerechtigkeit empfunden werden, daß derjenige., der zu Abgaben eingeschätzt ist und eine einzige Zahlung unterlassen hat, nicht wählen darf, daß dieses Recht -aber denjenigen zusteht,, denen die Zahlung erlassen ist oder die versehentlich nicht veranlagt worden sind. Dem Zeitgeiste entsprechend, wird für alle Gemeinden von mindestens 50 Zenstten das Verhältniswahlrecht vorgeschlagen; selbstverständlich ist die Wahl unmittelbar und geheim. Ein Novum für Altpreußen bildet der Vorschlag, den Rabbiner bzw. den Lehrer ohne weiteres zum Mitglied des Gemeindevorstandes zu machen. — Der Not der Zeit trägt ein Artikel „Was dürfen unsere deutschen Glaubensgenossen aus Ost und West von uns fordern?" Rechnung. Es handelt sich um neue Existenzberechtigung für diejenigen, die aus den in Feindesland übergehenden Gebieten auswandern, um anderwärts in Deutschland sich niederzu lassen. An diesem Hilfswerk mitzuwirten, sind alle, die zu Helsen oder zu raten imstande sind, berufen. - Zum erstenmal sind zwei Damen, Frau Emma B r ü n n und Fräulein Tr. Eora Be r l i n e r , in den Ausschuß berufen worden. "Auch ein Zeichen der neuen Zeit. Dem Bunde haben sich \n den letzten beiden Monaten 70 Gemeinden neu angeschlossen. - Einen Einblick in die komplizierte Geschästsgebarung gewährt die etlva einen Truckbogen umfassende Abrechnung des T. I. G. B. und seiner Institute. Am Schluß des Heftes, das durch das Bureau des D. I. G.B., Berlin W 35, Steglitzer Straße 9, zu beziehen ist, ist eine „Vaterländische Fürbitte", die an Stelle des früheren Kaisergebetes verwendet werden kann, abgedruckt. §-2 Berlin, 19. August. Jüdischen Lehrern, die ein über die Bedürfnisse des Elementarunterrichts hinausgehendes Wissen auf dem Gebiete der Religionswissenschaften Nachweisen wollen, ist. Gelegenheit geboten', vor einer vom Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde eingesetzten Kommission durch "Ablegung einer Prüfung den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die Prüfung, die jährlich im März und September stattfindet, erstreckt sich auf, folgende Gebiete: Atethodik, biblische Geschichte., Hebräisch, jüdische Geschichte, Religionslehre, Religionsphilosophie und Einleitungswissenschaft. Interessenten wird auf Ersuchen Abdruck des Prüfungsreglements verabfolgt. E. M. Berlin, 19. August. Das Wohnheim und der Müdchenklub der Ortsgruppe Groß-Berlin des Jüdischen Frauenbundes hatten in feinem letzten Geschäftsjahre -unter den Folgen des Krieges und der Revolutionsunruhen schwer zu leiden. So lvaren beispielsweise die Bewohnerinnen des Heims während der Januarunruhen tagelang an das Haus gebunden, das die Klubmitglieder wegen der Unsicherheit der Gegend wochenlang kaum erreichen tonnten. Ans diesen Gründen hat der Klubbetrieb während des Winters nicht unerheblich gelitten. Der Unterrichtsplan umfaßte, wie in den früheren Jahren, die deutsche, englische und französische Sprache, Stenographie, Handarbeiten, Musik und Turnen. Eine Neueinrichtung stellt die Bildung eines Mädchenausschusses, der eine Vertretung der Klnbmitglieder gegenüber der Ortsgruppe des Frauenbundes ist, dar. In einer Versammlung der Klnbmitglieder wurden die Wün-sck-e der jungen Mädchen über die Gestaltung des Lehrplanes und der Unterhaltungen festgelegt. Besonders wurde der Wunsch nach stärkerer Betonung des jüdischen Gemeinschaftsgefühls hervorgehoben. Ferner forderten die jungen Mädchen das Recht, die Bibliothek selbst zu verwalten, die Mitgliederbeitrüge einznziehen und eine stärkere Propaganda für den Klub. "Als bedeutsame Erlveiterung des Lehrplanes ist die Einführung von „Lebenskunde" zu bezeichnen, die i-n den nengebildeten Jugendgruppen in engster Fühlung mit dem Müdchenklub erteilt wurde. Das Wohnh e i m hat sich befriedigend entwickelt. Die Insassen schätzen ihr Heim als gemütlichen, ruhigen "Aufenthalt; das Entgelt ist mit 20 bis 25 Mark monatlich für das Zimmer einschließlich Kaffee und Freitagabendbrot billig gehalten. Ter Freitagabend vereinigt alle Heiminsassen zur gemütlichen Familienfeier. Die segensreiche Einrichtung würde, wenn genügend Räume und größere Mittel zur Verfügung stünden, ausgebaut werden tonnen. Berlin, 19. August. Ter frühere Generalsekretär der konservativen Partei, Herr Richard Kunze, hat in einer Geh ei mversammlung Anfang Juni in Berlin einen Gunnniknüppel als das „beste Kampfmittel gegen die Juden" vorgesührt; die große Ausgabe davon, der „große Kohn", ist für 25 M., der „kleine Kohn" für 20 Ae. zu haben. Aber nur „national gesinnte Männer und Frauen" könnten den Gummiknüppel' erhalten, Angesichts dieser ebenso launigen wie eindeutigen Aufforderung, die der „Berliner Ausschuß für Boltsanftlürung" an seine Anhänger ergehen ließ, ist den Versicherungen des gesinnungsverlvandten „Deutschen Schutz- und Trutzbnnoes" — er läßt seine Mitteilungen durch Maueranschlüge und Flugblätter, die, w'i-e er selbst erklärt, durch das Generalkommando des 3. Armeekorps genehmigt wurden, verbreiten — wenig zu trauen. Es sei unwahr, sagt der Bund, daß er zu Ausschreitungen oder gar Pogromen Hetze. Dagegen sprechen aber verschiedene Fälle, von denen mir nur einige erwähnen: In Bad Salzbrunn, in Kolbe rg, in Cranz lvaren freiwillige oder bezahlte Werber tätig, nur kleine Pogrome zu inszen-.eren, ebenso in- Bremen — die "Aufzählung der Städte, i-n denen mit Millionen von Flugblättern zinn Kampf gegen die Juden aufgefvrdert wird, ließe sich nach Belieben sortsetzen. — Man ist also, schreibt eine Berliner Mittagszeitung, glücklich am niedrigsten Niveau politischen Kampfes angelangt, bei einer Methode, die sich nur in den Zielen, nicht in ihrer Wertung von der Putschtaktik der äußersten Linken unterscheidet. Es ist aber nicht ohne Belang, daß dieser Kampf, der sehr bald nach dem Novembersturz einzusetzen begann -und von dessen Vorbereitung loir schon vor über einem halben Jahre ausführlich Mitteilungen lllachten, sich in der Hauptsache weniger in der Forderung eines Gesellschaftsantisemitismus bewegt, als vielmehr sich gegen den Sozialismus, die Demokratie und die Neuerungen der Revolution wendet, als dereil Träger Juden bezeichnet lverden. Daß sie es vielfach unleugbar lvaren, bient der Bewegung zur Grundlage; nichtsdestoweniger ist die Pogromhetze nur ein Aushängeschild, die Rafsefrage eigentlich Nebensache und der Antisemitisllius soll nur eine volkstümliche Plattform für die ganze Agitation bilden, deren Zweck die Rückkehr 311111 alten Regime ist. Alan denkt etlva an die Neubelebung der Stöckerschen Christlichsozialen Partei, die Ende der siebziger Jahre aus ursprünglich idealen Motiven auf dem Boden biblischer Anschauungen entstand, sich aber sehr bald unter Vernachlässigung aller sozialen Momente zu einem Gemisch von Orthodoxie und Reaktion entwickelte und als ersten Progranunpunkt die Erhaltung einer starten Monarchie verfocht gegen die „Elemente des Umsturzes" . . . Interessant ist es übrigens, daß die Partei auf ihrer zu Siegen im Jahre 1910 stiattgefuu.deneu Tagung als sechsten Punkt des Programms aufstellte: die „Uebernahme geeigneter Betriebe in ösfentlich-rechtl i-chen Besitz, sofern es das Gemeinwohl erfordert", und die „Einführung

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