Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 384 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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384 kräftig durchgenommeu und gezeigt, daß es reine Nassen überhaupt nicht gibt. In einem zweiten Abschnitt wird dargelegt, daß die (Gedanken der Juden Liber sich selbst verwirrt worden seien durch die Judenhaßtheorieu, sogar schon durch die literarische Kritik der Judenhasser. Es ist unendlich schwer, dem Verfasser in seinen Ausführungen zu folgen. Ich will zur Probe nur eine längere Stelle hersehen (S. 90): „Darauf braucht man aber, wie gesagt, nicht zu warten, wenn man nur nicht vergessen will, was wohl, nicht so leicht zu vergessen und auch gar nicht zu unterschlagen geht: daß ein großer, größter, ein allgemein anerkannt größter, unser berühmtester Mann, aus der inferioren Nasse der Juden ist — wirklich der seit so langer Zeit unter den Völkern unserer Kultur weitaus berühmteste Mann, der .mit seinem Ruhm den Ruhm aller übrigen Berühmtheiten auswiegt, der in jedem Lande bedeutendste und berühmteste Mann, der absolut berühmte Mann, so berühmt wie der liebe Gott: Josevhsohn. Ich ineine natürlich den Jvscphsohn, dessen Vater der Zimmermann Joseph und dessen Mittler die Haarkräuslerin Maria gewesen, tind der mit seinem Würdeuamen Christus genannt ist, uitd der - wie beim alle dauernde Berühmtheit dem Werte und der Leistung der berühmten Person angemessen ist — mit Necht der unvergleichlich Berühmteste unter uns ist: weil er den unvergleichlich bedetttendsten Cinftuß ans unsere Geschichte geäußert hat, so daß, seit seiner Eristenz, keine Zeit existieren kann ohne seine Koexistenz, und er zu jeder Stufe der Menschheit das Komplement ztl sein scheint: ,Siehe, ich bin bei eitch bis an der Welt Ende/" Man tuuß sich mühsam durcharbeiten durch seiten- und bvgenlattge Abschweifungen über Heine, das Heine-Denkmal, über Völkerrecht, Verhältnis des einzelnen zum Staat, über Politische Parteien, Bismarck. Friedrich den Großen, die Heroenverehrung, Luther (dabei wird überftüssigerweist ein Gedicht Lissauers über Luther abgedruckt), Egoismus und Ausländertum und vieles andere. Ebenso wie ein Feind der Rassentheorie — trotzdem es heißt (S. 316): „Aber die Juden haben Rassenbewußtsein mit wirklich eigener Rassenerinnerung von elementarer Naturkraft und sind alsJuden sechstausend Jahre' alt!" - ist Brunner ein Feind des Zionismus, der eine Besiedelung Palästinas von einigen europäischen Juden, die sich in dein von ihnen bewohnten Lande unglücklich suhlen, zwar gutheißt, aber nur eine Gemeinschaft „mit Selbstverwaltung unter Staatshoheit eines der bestehenden Staaten" wünscht (S. 114). Unter den unzähligen Anekdoten und kleinen Bemerkungen liest man auch aus dem Seusi- Gokba die Ausführung (S. 153, Anmerkung). daß Karl der Große ein Jude gewesen sei. Der Verfasser spricht uüt Entschiedenheit den Satz aus lS. 184): „Das Christentum ist aber Judentum: denn es ward ausschließlich von Juden erzeugt und trügt seinen Namen nach dem Jrlden Jesus Christus." Und noch entschiedener S. 186- „Unsere Christen, wieweit sie Christen sind, soweit sind sie Inden, und allesamt haben sie, auch die nicht mehr Christen im kirchlichen Sinne genannt iverden können, allesamt haben sie das christliche Judentum wahrlich lebendiger hinter sich als das „Germanentum"." Er eifert gegen das Vorurteil, aber kaum hat er diesen Gegensatz ausgesprochen, so kommt er zll folgender Ausführung, die manches Treffliche enthält, aber doch beweist, wie der Verfasser absolut nicht bei der Stange bleiben kann (S. 217/18): „Es scheint nicht der Wille der Geschichte zu sein, daß die Eigentümlichkeit der Juden so bald ausgelöscht werde: und was im besonderen das Aufgehen der deutschen Judenschaft in das allgemeine Deutschtum betrifft in diesem Punkte gehe ich völlig mit den Judenhassern (die deswegen vielleicht gnädiger mit mir verfahren werden, wenn sie ans Regiment kommen sollten) und wünsche es und glaube daran so, wie die Judenhasser dieses Aufgehen wünschen llnd daran glauben. Ich halte die Rede davon für die allerlächerlichste, aber freilich aus anderem Grunde )vie die Judenhafser (die mich doch wohl nicht verführerisch genug finden und mich also nicht in Gunsten ausnehmen werden). Das allgemeine Deutschtum, was ist denn das. und wo eristiert das? Dir verschiedenen Deutsche!. - nun, damit sprang uns schon der Hase ans dem Busch: die verschiedenen Deutschen! Sie sind alle voneinander verschieden: auch alle die verschiedenen Nassen, welche Deutschland bewohnen, sind verschieden voneinander, je nach ihrer Eigentümlichkeit. Die Deutschen jüdischer Abstammung haben ihre Eigentümlichkeit, selbstverständlich die deutsch modifizierte Eigentümlichkeit der Juden überhaupt: womit sie aber, auch schon als sozialpsychischer Typ, auch schon äußerlich physiognonrisch und Pathognomisch — infolge der Verschiedenheit der Mnskelstellung und des Muskelgebrauchs, der Stimmen, der Mimik und Gestikulationen — so verschieden sind von den Juden anderer Nationalitäten, wie entsprechend die Deutschen nichtjüdischer Rassenabstammung von ihren Rassengenossen in anderen Nationen, wie der deutsche Germane vom englischen, der deutsche Slalve vom russischen. Ich habe schon oben erwähnt, daß es (leider!) auch den Deutschen jüdischer Abstammung keineswegs an Vorurteil gegen die Juden anderer Nationen fehlt, und glaubt man etwa, daß sie im Kriege gegen diese nicht kämpfen würden? Glaubt wirklich ein Mensch ernsthaft an den Geheimbund aller Juden, der seinen Sitz in Paris habe? Der erste von unseren Soldaten, die im Kriege 1870 das Eiserne Kreuz erhielten, war ein Jude: drei andere Juden einpfingen es vor versammelter Brigade vom König Wilhelm und vom Kronprinzen, und das schwerlich, weil sie in den Schlachten die Franzosen untersucht, sortiert, die von jüdischer Abstammung geküßt und geherzt, und daß die Geschenke ausgepackt haben." Dann kommen andere Abschnitte über Ahlwardt und andere, wiederum mit unzähligen Exkursen, darunter treffliche Bemerkungen, z. B. S. 296: „D i e Juden müssen a n f h ö r e n zu reden wie Knecht e." Es ist, wie schon bemerkt, unendlich schwer, über ein Buch von 440 Seiten, das so kraus und seltsam geschrieben -ist und außerordentlich viel enthält, was gar nicht zur Sache gehört, zu urteilen. Man hak oft herzliche Freude an dem originellen und mutigen Denker. Sv enthält z. B. der Schluß: „Rede der Juden" wahrhafte Kernworte. Aber im ganzen wird man nicht klar über das, was der Verfasser will. So viel kann rnan sagen: er hält den Judenhaß für ungerecht, er steht aus dem Standpunkt, daß das Christentum durchaus aus dem Judentum geflossen sei, und er möchte eine Vernichtung der Feindschaft, eine Versöhnung der kämpfenden Parteien. Aber wie eine solche Vereinigung auszuführen sei, erfahren wir nicht. Ich will zum Schluß eine längere Auseinandersetzung aus dem Schlußkapitel hersetzen (S. 396/398), um dem Leser ein eigenes Urteil zu ermöglichen: „Verkennt das nicht länger. Das Judentum ist mindestens so viel uienschheitliche Staats- und Gesellschaftslehre wie Religion: und der Anteil seines Geistes an den neueren kulturgeschichtlichen Erfolgen, die Freiheit der Personen und die Verbesserung des Rechts betreffend, läßt sich nicht )vegstreiten, so wenig wie der Segen der von ihm übernommenen Institutionen und Gesetze. Wirklich, wenn auch nur dieses einzige wäre, dieses gerade w und nun für ewig, Richtige und Herzliche des Ruhetages nach sechs Arbeitstagen: „Geht nach allen Weltgegenden und seht euch um: das Unglaubliche, das Unmögliche ist geschehen! Von der Beringstraße bis ans Kav, von Kabul bis Chile ist bei allen Völkern jeder siebente Tag von Arbeit befreit, und der Mund, der da sonst seufzt, lacht und singt an diesem Tage, der Tisch dockt sich mit besserer Nahrung, der Leib mit besserer Kleidung. Reinlichkeit verdrängt den Schmutz, und lichtere, frohere Gedanken foiivtm'ii in die Seele. Wem dankt dies die Welt? Dem Sabbat, dieser jüdischen Institution. Hätten die Juden, die Jesus „das Salz der Erde" nennt, auch nur den Sabbat in die Welt gebracht, ihnen gebührte der ewige Dank der Menschheit!" Von dem Ganzen des Judentums sind Staat, Recht, Gesellschaft, Religion die abgerissenen Gliedmaßen: Religion noch obendrein ist verstümmelt und entstellt. Töricht, den jüdischen Geist ans das Religiöse allein beschränken zu wollen den jüdischen oder, was dasselbe ist, den christlichen Geist: denn es ist noch törichter, den christlichen Geist für etwas anderes zu halten als für den jüdischen. Und sobald ihr nun wieder hineinblickt iu irgendeines eurer hunderttausend Bücher, darin die Millionen Sätze geschrieben stehen gleich diesem folgenden, ohne daß dabei der Inden auch nur mit einem Wort gedacht )vürde: „indem das Christentum zuerst die Gleichheit aller Menschen vor Gott und damit die allgemein-menschlichen Rechte und Pflichten verkündet hat, ist die wahre Freiheit erst von ihm in die Welt eingeführt worden" -- von nun an setzt ihr gewiß an Stelle des Wortes Christentum überall das Wort Judentuni und revidiert gewissenhaft die Gebirge eurer Literatur." Man muß sagen, es ist ein Buch, das anregt, teilweise erquickt, zum Widerspruch auffordert: aber eine ganz reine Freude empfindet man dabei nicht. (Aus Ludwig Geigers Nachlaß. D. Red.)