Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie tat beleidigt, daß er ihr seine Antwort im Hebräischen zugleich mit 'der Uebersetzung gab. „Nackua attha irFthargem etli d’bbarekha?" fragte sie vorwurfsvoll. „Silchi li, lo ossif Tdabber ken", bat er sie um Verzeihung. Das war der Anfang und das Ende des ersten hebräischen Gesprächs, das Beüjamin mit Sara-Lea führte. Mutter Schlüte erschien in der Tür, fragte etwas Sara- Lea und verschwand. Beim Erscheinen der Mutter Schlüte fuhren beide erschreckt auf, denn sie merkten erst jetzt, daß sich , ihr dritter Bundesgenosse dalvongeschlichen hatte, und daß sie allein im Zimmer waren. „Was wird Mutter nur von uns denken?" sagte Sara-Lea, ernstlich besorgt. Benjamin war guter Laune und suchte der Sache eine heitere Wendung zu geben. „Was sie denken wird? Ich kann's dir sagen. Sie wird denken, wie ist es nur möglich, daß der Benjamin zu solcher Stunde noch nicht an das Abendgebet denkt." Sara-Lea lachte. „Du bist ja gerade derjenige, welcher au so etwas denkt!" Benjamin nickte verständnisvoll und verabschiedete sich. Unwillkürlich lenkte er seine Schritte zu dem Hause des Rabbi Dowber. Er ging leicht und tänzelnd, denn etwas lachte und tanzte in ihm und bewegte freudig sein Herz und versetzte ihn in eine Art Festesstimmung; er schritt wie ein Triumphator einher, wie einer, dem ohne Kampf ein schöner Sieg in den Schoß gefallen war. „Sara-Lea lernt Hebräisch!" jubelte es in seinem Herzen. Nicht die Tatsache an sich freute ihn, sondern die Gewißheit, daß sein Einfluß dabei mit im Spiele war. Diese Gewißheit beglückte ihn. Ein Gefühl der Ueberlegenheit, der Macht, durchrieselte ihn und hob sein Selbstbewußtsein und richtete seinen Stolz wieder auf. Mit der Unbefangenheit der Jugend, die sich keine Freude trüben läßt, schwelgte er in dem Gefühle seiner einflußübenden Macht und vergaß alles, was ihn in den letzten Tagen seine Ohnmacht' lind Willensschwäche merken ließ. Daß man ihn zu Hause noch immer wie ein unmündiges Kind behandelte, daß man mit ihm wie mit einer Sache -verfuhr, daß man Menachem, den Schammes, für seine Zukunft sorgen ließ — alles das war mit einem Male wie ausgelöscht in seinem Gedächtnis. Sein freudig bewegtes Herz ließ leinen schmerzlichen Gedanken, keine unangenehme Erinnerung in ihm aufkommen. Selbst der Gedanke, der ihn auf seinem Gang zum Rabbi zu begleiten Pflegte, der Gedanke au die Nachbarschaft und die „chassidischen" Beziehungen stoischen Haus und Häuschen, blieb diesmals aus. Er ging die knarrende Holztreppe hinauf. Rascher als sonst durchschritt er den vorspringenden Geländergang. Schon war er bei der staubigen Glastür angelangt und im Begriffe, sie zu öffnen, als er Plötzlich, die Türklinke in der Hand, wie gebannt stehen blieb. Ein stiller Vorgang, dem Scharfblick kaum vernehmbar, zog seine Aufmerksamkeit anf sich. Da stand er ja, der rothaarige Awrum, am äußersten Ende des Holzgangs, den Kopf vornübergebeugt, beide Arme auf das Geländer gestützt, und blickte unverwandt m dem weißgelb getünchten Haus hinüber.. Drüben stand ein Fenster offen, und un braunen Fensterrahmen zeigte sich ein Kopf, in edler Haltung, mit einem liebreizenden Gesicht, langrund und milchweiß. und einer üppigen Haarkrone in glänzendem Schwarz. (Fortsetzung folgt.) Lklrkrüchte. Anläßlich der Aufführung eines Theaterstückes im Cbemt in Paris, das eine Art Lebensbild der großen jüdischen Tragödin Rachel darstellt, erzählt Adolphe Brisson in den „Annales" eine reizende Geschlchte von Rachel und ihrer Schwester Rebekka. Brisson hatte sich vor einigen Jahren in dem im Kanton Aargau gelegenen Dörfchen Mumps, der Geburtsstätte Rachels, ausgehalten und fand dort eine große Anzahl von Briefen, Bruchstücken von Memoiren, Ausschnitten aus alten Zeitungen, die ihm vom katholischen Pfarrer des Ortes zur Verfügung gestellt wurden. Unter diesen Dokumenten befand sich auch der folgende Bericht, der Zeugnis ablegt von der herzlichen Liebe Rachels zu ihrer Schioester Rebekka. Rachel liebte leidenschaftlich ihre Schwester Rebekka, der sie Zutritt zur Eomadie Fraue-aiü verschafft hatte und welche narb einem glänzenden Erfolg in der Rolle der Entarina Broaadini in Victor Hugos »Angelo" zum ständigen Mitglied der Eomedie ernannt wurde. Eines Abends, als die beiden Schioehern das Werk wieder zusammen einstndierten, sagte Rachel zu Rebekka: ..Tu hast beute göttlich gespielt - - icb will dich dafür belohnen, wir iverden bei dir das Abendessen einnehmen." - - „Bei mir," fragte die junge Künstlerin erstaunt, ,,bit willst wobl ffront bei unseren Eltern?" Rebekka lebte damuls noch bei ihrer Familie unter dem Schutze ihres Vaters Felix. ..Nein," erwiderte Rackel, „wir werden bei dir speistm." Und mit diesen Worten drückte sie ihrer Schwester einen Schlüssel in die Hand. Var der Haustür wartete bereits ein Wagen: die beiden Schwestern stiegett ew und hielten in der Rue Mogador vor -einem vollkommen unbekannten Hanse. Tort verließen sie den Wagen, und tnährend Rebekka zu träumen alaubte, gewannen sie die Zweite Etage. „O offne", sagte Rachel kurz. Rebekka, welche die Situation immer noch nicht begreifen konnte, steckte wechgmsob den Schlüssel ins Schloß, dt" Tür aing auf und ein freudiger Schrei des Erstaunens glitt von ihren Lipven. Sie befand sich in einer vollständig eingerichteten, bell erleuchteten Wohnung, Sie traten beide in ein kostbares Schlafziinnrer, das luxuriös nrit allem Komwrt heraerstbtet uw. Auf dein Kan-in brannten feierlich Kerzen. Rebekka nahm den Leuchter, um einen Sviegelsckrank nr betrachten. Sie öffnete ihn und ein berauschender Duft frischer Wäsche strömte ihr entgegen: der Schrank barg eine kostbare Ausstattung, die für sie bestimmt war. Sm eilte in ben Salon, in dem mit roter Seide überzogene, kostbare Möbel ihr entgegen lachten, tmb von dort in das Speisezimmer. Der Tisch, der für zwei Verson'w aedeckt war. orstrablto tnr Glanz des reiche" Silbers und der Kristalle, airs der Küche strömte ein verlockender Duft nach h^rrlicben Sirenen. Rack'l licü die Tisckalncke ertöne", und eine alte Dienerin erschien, ein Rebhuhn mit Trüffeln vorsichtig anf einer albernen Schüssel tränend. „Marguerite", schrie Rebekka vor Erstaunen. Denn Marguerite war ihre alte, treue Dienerin, von der Rebekka erlogen wurde, und die sie zärtlich liebte. Die beiden Schwestern nahmen rrm Tisch Platz und Rachel, das duftende Rebhuhn zerteilend, ergriff das Wort: „Du bist lster Zn Hause. Die Wohnung ist für ein Jahr im voraus bezahlt. Die Möbel und alle Gegenstände, welche die Räume schmücken, gehören dir. Und alles das ist ein Geschenk deiner Schivester. Du bist eine Künstlerin und brauchst Ruhe und Unabhängigkeit, um Weiterarbeiten zu tömren. Nach Hanse sollst du deshalb mir zu rückkehren, wenn du Sehnsuchst empfindest, und ich selbst will nur zu dir speisen kouunen. tvenn du mich ausfvrderst. aber ich hoffe, daß du mich recht vit eiubiden tvirst." Bei diesen Worten umarmte Rebekka stürmisch ihre Schwester Rachel und weinte . . . Rachel, die von ihren Feinden oft des Geizes angektaat wurde, hatte mehr als zwauzigtauseud Franken geopfert, um ihrer Schwnter dieses idhllifche Künstlerheim einzurichten. S. F. G. Literarische Mitteilungen. — Eon st a n t i n B r n n u er: D e r I u d e n h a ß und di e Inden. 1918. Oesterheld & Eo. (Berlin). Ern gut gemeintes Buch eines bekannten Philosophen, aber von einer Weitschweifigkeit und Unklarheit, die höchst bedauerlich ist. L. 17 heißt es: „Antisemitismus ist in der Tat eine Verrücktheit. eine Tollwut." S. 19 lesen wir: „Judenhaß . eine bitterschlimme Krankheit. Tenn Judenhaß ist Menschenhaß, wenn ich (unrichtig, aber verständlich) so sagerr darf: partieller Menschenhaß. Wer Juden haßt, der haßt Menschen: rmd der Deutsche, der die deutschen Juden haßt, der haßt gar noch im besonderen Deutsche. Weg mit bnn Wort Antisemitismus" Und wiederum S. 156: „Gesellschaftlicher und politischer Irrsinn unter den Antisemiten." Die Rassentheorie wird