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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-22 · Heft 34 (22.8.1919) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 34 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
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382 Teilnahme für seine Bestrebungen, so zielbewußt sie auch sein mochten, und schien aufrichtig bestrebt, aufmunternd, ermutigend, fördernd auf ihn zu wirken: sie war von einer bestrickenden Offenherzigkeit, die mit leisem Druck das Herz des anderen erschloß, indem sie Einblicke in das eigene gewährte. Eines Tages saßen Sara-Lea, Benjamin und Jossel in gewohnter Weise im Speise- und Empfangszimmer Kalman Schlütes. Kalman war wieder einmal ausgegangen, Mutter Schlüte hatte wieder einmal in der Küche 51t tun, und — unser Dreibund war unter sich. Es war ein herrlicher Augustnachmittag. Draußen war das Wetter mild und heiter, wie dazu geschaffen, die Menschen mild und heiter zu stimmen.* Von milder Heiterkeit war auch -die Stimmung, in der sich die drei jungen Altersgenossen befanden. Sara-Lea las den zwölften Gesang aus dein berühmten Evos „Herr Thaddäus" vor, und zwar jenes Meisterstück, das „Das Konzert der Konzerte" überschrieben ist. Sie las gut und schön, mit viel Takt und feinem Verständnis für den Reichtum an Nuancen, der in diesem wundervollen, ins Wort gebannten Tongemälde aufgesveichert liegt. Dem Zauber der Dichtung hingegeben, folgte sie willig dem Zymbelschläger Iankiel auf den wogenden Milten seines Spiels und verstand es, kunstlos und naiv.' aber dennoch urwüchsig und wirkungsvoll, durch Stimme, Ton und Gebärde den Meister und sein Spiel lebendig zu gestalten. Bald saß sie da, stolz und in Bereitschaft, die Lider halb geschlossen genall wie Zvmbelschläger Iankiel. Sie gab ihrer Stimme einen schwellenden Klang, wenn die Klöpvel in immer schnellerem Fall einen Triumphmarsch auf den Saiten schlugen, ilnd leicht bewegt, sich hebend und senkend, hüpften ilir? Töne, wenn des Meisters Stäbchen „zitternd wie ein Mückenflügel" die Saiten strichen. Aechzend leis, „wie wenn dünne Saitchen klagen, wie wenn sich ein paar Flügel durchs Spinngewebe schlagen", deklamierte sie das alte Liedchen: Vom Krieger, dem verbannten, der irrt Wald ans, Wald ein. Will manchmal fast vergehen vor Not und Hungierspein, Aln Fuß des treuen Rößleins sinkt er endlich hin. Und Rötzlein mit dem Fnße gräbt das Grab für ihn. Und nachher kamen andere Töne, heller und heller erklang es, stärker, in anderem Takte, und wie frohe Botschaft erscholl nml „jene berühmte Weise, aus heiligster Hoffnung geboren". So las Sara-Lea. Jossel Schlüte hörte Pflichtgemäß zll. Benjamin war im siebenten Himmel Und als er vom siebenten Himmel zllrück auf Erden angelaugt lvar. stand Sara-Lea neben ihm und zeigte ihm ein Albirm mit Photographien. Da waren Bilder drin von Verwandten und Bekannten des Schlüteschen Hauses, junge Mädchen mit rnodernen Kopffrisuren, junge Herren von englischer Eleganz. Juden in europäischer Tracht, Jüdinnen ohne Perücken durchweg eine „aufgeklärte" Gesellschaft. Da loar ein Onkel aus Wien, ein glattrasierter Herr mit einem feisten Gesicht, das den Genuß von Schweinefleisch verräterisch ausschrie. Ta war ein Vetter aus Lemberg mit einem Esist-erreicht-SHnllrrbart, der den Polen mosaischer Konfession deutlich erkennen ließ. Ta war eine Tante aus Krakau, eine wohlhabend aussehende Dame mit rundlichem Antlitz, ans dem zwei lachende Augen einem gutmütig anblickten. Die Tante ans Krakau war dem jungen Benjamin keine Fremde mehr, Tara-Lea hatte öfter von ihr gesprochen, und er kannte die Lebensiimstände dieser Frau ganz genau: er wußte auch, daß sie alljährlich im Sommer auf längere Zeit das Schlütesche Harrs zu besuchen pflegte, und daß sie in diesem Jahre wegen Krankheit ihres Gatten die Reise hierher unterlassen mußte. Sie war die Lieblingstante Sara-Leas das wußte er ebenfalls — und er sah sich deshalb veranlaßt, ihrem Konterfei eine etwas eingehendere Aufmerksamkeit zu widmen. Er betrachtete das Bild sehr genau, sehr gründlich, fast andächtig, sozusagen mit Kennerblicken, mit dem Tiefblick eines Psychologen. Sara-Lea war unterdessen ins anstoßende Zimmer gegangen und überließ ihn ganz der psychologischen Betrachtung. Die lachenden Augen der Tante aus Krakau vermochten indessen nicht, Benjamin auf die Dauer zu fesseln,. Sein Blick schweifte bald von einem Bild zum anderen, ohne bei dem einen oder bei dem anderen lange zu verweilen. Die typischen Gesichter begannen ihn zu langweilen, und er beschränkte sich schließlich daraus, pflichtschuldigst im Album zu blättern — es ganz aus der Hand zu legen, wäre ihm als Taktlosigkeit gegen dessen Besitzerin erschienen. Er langweilte sich dabei, zumal da er nichts suchte und nichts Interessantes drin zu finden hoffte. Aber — der Zufall wollte es, daß er im Album etwas fand, was sein Interesse in höchstem Maße -erregte. Zwischen den Blättern entdeckte er nämlich eine Photographie, die noch alle Merkmale der neuesten Aufnahme an sich trug. Sie lag in ihrem durchsichtigen Umschlag, fvei, unabhängig, noch in keinen Papprahmen des Albums gedrängt. Er zog die Photographie aus der durchsichtigen Hülle und — lächelte. Es war das Bild Sara-Leas. Noch nie hatte Benjamin es gewagt, Sara-Lea anzulächeln: diesmal aber wagte er es, und Sara-Lea war so liebenswürdig, sein Lächeln freundlichst zu erwidern, denn sie lächelte auf dem Bilde, wie eben innge Mädchen auf des Photographen „Bitte, recht freundlich!" zu lächeln pflegen. Sara-Lea kehrte mit einigen Büchern unterm Arm zurück. Sie sah, daß Benjamin ihr Bild in der Hand hielt und es lächelnd betrachtete. Sie errötete leise. „Ich habe mich.unlängst photographieren lassen", sagte sie -wie zur Entschuldigung, „ich wollte meiner Tante in Krakau ein Bild schicken, sie hat mich schon öfter darum gebeten". Hieraus zeigte sie ihm die Bücher, die sie sich vor einiger Zeit neu angeschafft hatte. Es waren einige Dramen von Ibsen, ein Buch von Zeromski, eine Broschüre über den Zionismus und ein Lehrbuch der hebräischen Sprache. Sie erzählte ihm, daß sie zusammen mit ihrer Freundin Guscia Ellinger bei dem hebräischen Lehrer Arelrad Unterricht im Hebräischen nehme. Benjamin nahm diese Mitteilung ein wenig skeptisch auf und meinte, das täte sie doch nur, weil es letztens Mode geworden sei, daß junge Mädchen Hebräisch lernten nnd Hebräisch parlierten. Sie widersprach dem entschieden nnd versicherte, daß sie mit diesem Studium keiner leidigen Mode huldige noch Kurzweil treibe, daß es ihr vielmehr um die Erlernung des Hebräischen sehr ernst sei; sie ließ dnrch-- blicken, daß sie die Anregung, Hebräisch zu lernen, eigentlich von ihm, Benjamin, empfangen habe. Denn oft 'hatte er mit ihrem Bruder von der Auferstehung des Hebräischen gesprochen, über die neuesten Strömungen in der hebräischen Literatur debattiert, die Namen der bekanntesten hebräischen Schriftsteller nnd Dichter aufgezählt: oft genug in ihrer Gegenwart mit Jossel Schlüte sich hebräisch unterhalten, mit ihm kurze Zeit hebräische Gespräche geführt, deren Inhalt er, auf Verlangen Sara-Leas, ins Jüdische oder Polnische hatte übersetzen müssen. Diese Gespräche hatten bei ihr den Willen und die Lust geweckt, die hebräische Sprache zu erlernen. „Ich. lerne schon längere Zeit", sagte sie, „und mache gute Fortschritte. Von heute an kannst du auch mit mir Hebräisch sprechen. - N'basom w’holah tuchal Pdabber gam imi ihhrith," fügte sie gleich, ein wenig verschämt, in hebräischer Sprache hinzu. „Sameach ani lischmoa hasafah hasoth rnipikh. Es freut mich, diese Sprache aus deinem Munde zu vernehmen," erwiderte er.

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