Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
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381 ganzen integer". W. Staerk behauptete besser, tote Reden feien vorn RedaktDr äußerlich aneiltandergereiht, aber in Verwirrung geraten, seien nicht exakt wiedergegeben, sondern nrir in ihren Hauptgedanken kurz zusammengefaßt. Ganz anders stellt sich das Bild, wenn man den zweifellos richtigen Gedanken durchführt, das metrische Gewand der Sprüche zu verstehen und daraus kritische Folgerungen zu ziehen. Sieders selbst gab 1901, Nr. 2, S. 472, 596, eine Probe seiner Lesung. Etwas anders stellte sich das Bild, als er 1907 mit Hermann (ftutlje zusammen den ganzen Amos 'herausbrachte (in den Abhandlungen der Sächsischen Akademie, Leipzig, Nr. III). Neuerdings sind diese Forschungen von Franz Prätorius (Sitzungsberichte der Preußischen Akademie, Berlin 1918, Nr. 53) weiter allsgebaut worden. Auch bei ihm sieht die Einteilung der Versteile zum Teil anders ans, weil man über Versorganisllrus und Zäsur des hebräischen Verses noch nicht klar sieht. Aber daß man auf diesem Wege tatsächlich weiterkommt und wertvolle Einblicke gewinnt, erscheint mir jedenfalls außer allem Zweifel, da ja die metrischen Voraussetzungen richtig sind und wirklich außer dem Parallelismus das Gleichmaß der Hebungen im hebräischen Vers entscheidet. Ein schon von Sievers-Gnthe gefundenes Hauptresultat ist, daß Amos Kap. 1 zwei ineinantoergeschobene Reden enthält, deren erste jede Strophe mit HD eröffnet, die zweite mit Tfom Diese primitiven Zeilen, welche das Menetekel über die Völker nackt, brüsk und gnomisch verkünden, sind erst jetzt wertvoll geworden für die Erkenntnis der Urprophetie. Es war wirklich so, wie Sievers-Guthe S. 42/43 ausführten, daß Amos dasselbe Thema in naivster Form mehrfach vor seinem Publikum variierte. Das stimmt gut zu dem Hirten von Thekoa, der erst allmählich zum Propheten erwachte und sich als Volksredner stets eindrucksvollster, sinnfälligster Schlichtheit bediente. Zu den großen literarisch formvollendeten Kunstretoen eines Jesaja und Ieremia ist da der Weg noch sehr weit. Die *»m3pn Rede hat demnach, soweit wir sehen können und mit Berücksichtigung der Besserungen von Prätorius, folgendermaßen gelautet (leider ist sie ziemlich zerstört und nur noch in den Grundlinien kenntlich): 1. Und ich rotte aus den Bewohner des Tals (Praet: statt Bikat Eden) und, der den Stab trägt von Bet Eden, ttrtto breche den Riegel von. Damaskus: es wandert aus Arams Volk nach Kir. Spricht Gott der Herr. 2. Und ich rotte aus den Bewohner von Asdod und, der den Stab trägt von Askalon, und kehre meine Hand wider Gkron. Es gehen unter die Fürsten der Philister. Spricht Gott der Herr. 3. - Und es wandert Milkom ins Elend, seine Priester (Prätor. für k)H) und Fürsten zumal Spricht Gott der Herr. 4. Und ich rotte aus den Richter ans seiner Mitte, seine Fürsten erschlag ich zumal, und es stirbt mit Getöse Moab, mit Lärm beim Posaunenschall. Spricht Gott der Herr. Strophe 3 ging. — das sagt noch deutlich der Milkom - auf die Ammoniter. Prätorius ist voll der geistreichsten und überraschendsten Einfälle, welche erfreulicherweise zeigen, wie gut er in der biblischen Literatur zu Haufe ist. Amos 4, 2—3, ein heillos verderbtes Stück, wird bekanntlich noch von Zunz überseht: „Und man wird euch heben an Angeln und eure Nachkommenschaft an Fischerhaken, und durch die Mauerrisse sollt ihr hinausgehen." Was macht Prätorius aber daraus? 2^*121 WH (Zunz: Fischer- und durch die Mauerrisse) werden als Glossen zu ffiTDa (Zunz: Haken) hinausgeworfen, welch letzteres aber in der Tat „mit Töpfen" bedeutet; auch rttKÜfn (sollt ihr hinausgehen) ist Glosse für 2271X2L (euer Unrat), und so geht die unverdrossene Arbeit der Entglossung weiter, bis dann am Schluß folgender gereinigter Amos übrigbleibt: „Hört dies Wort, ihr Kühe von Basan auf Somrons Berg, die ihr die Armen drückt und die Dürftigen zerbrecht, die ihr redet zu euren Herren: „Bring her!" Geschworen -hat Gott der Herr in seinem Heiligtum: „Siehe, Tage kommen über euch, und getrunken wird euer Unrat aus Krügen und euer Kot aus Töpfen! ist der Spruch des Herrn." In der Tat läßt sich Ies. 36, 12 — 2. Kön. 18, 27 damit gut vergleichen. Das berühmte Amos-Wort 5, 15 lautet nach der neuesten Emendation im Anschluß an die sicherlich mißdeutete Septuaginta: „(Ihr habt ja gesagt): Wir haben das Böse gehaßt tmto das Gute geliebt, vielleicht wird uns Gott gnädjg sein!" Das heißt, ein schönes geflüigeltes Wort ist einer Banalität gewichen. „Du hast sie zerstört, die schöne Welt!" Man sieht, nicht immer ist es gut, nttr das Metrum und nicht den Sinn zu befragen und, was sichin jenes nicht fügt, als „Glosse" herauszuwerfen. Das gilt atlch von Amos 6, wo aus den geistreichen Versen 5 bis 6 ein neuer „Doppeldreier" — gibt es wirklich keine poetischeren Versbezeichnungen, Herr Professor Sievers? —- fabriziert wird mit dem welterschütternden Inhalt: „Die da Wein laufen lassen und trinken aus Weinpokalen." Es sind noch andere Korrekturen vorgenommen, einige, die schon Guthe-Sievers gebracht hatten, wiederholt, andere, wie 7, 7, bedeuten gegenüber diesen eine leichte Besserung: andere endlich sind überflüssig und verwässern den Text, was immer ein Kriterium des Irrtums. Im ganzen sind jedoch die neuen Bestrebungen sehr schätzbar, und wäre es auch nur, daß sie das gelehrte Interesse für die Bibel wieder wecken oder wachhalten. Sie tun noch mehr wie dies: - sie dienen dem Fortschritt. Sievers hatte bereits a. a. O. I, S. 378 bis 379, den Mesastein metrisch behandelt und damit die Untersuchung auf die übrigen orientalischen Sprachen ausgedehnt. Diese Arbeit verdient fortgeführt und mit den Resultaten der indogermanischen Metrik verglichen zu werden. Sievers, von Haus aus Germanist und Verfasser einer be-! rühmten und viel umstrittenen germanischen Metrik, hat ja schon gezeigt, daß das dipodische Prinzip der Jndogermanen sich bei den Hebräern wiederholt, deren Paralleljsmus es ja notgedrungen verlangt, während sein Versuch, auch hebräische Monopodien (d. h. Systeme stetig wiederkehrender, individuell ausgeprägter Versfüße) wahrscheinlich zu machen, mir bisher mißlungen erscheint. Lenjamins Liebeslied. SSlg; (7. Forts.) Romen von S a m u e l Nt eise l s. uffallend war es, wie sehr sich das Verhältnis seiner Umgebung ztt ihm in den letzten Tagen verändert hatte. Eigentlich war er bisher wie ein Kind behandelt worden, dem man freilich treue Fürsorge widmete, sonst aber wenig Beachtung schenkte. Jetzt dagegen wurde er viel, allzuviel beachtet undmit einer Aufmerksamkeit, nahezu bis zum lieberdrirß, überhäuft. Onkel Ehajim schluckte keine Zahlen mehr in seiner Anwesenheit, sondern führte mit ihm ernste Gespräche. Und was Tante Mirl anbetrifft, so begegnete sie ihm mit viel Respekt. Seit Menachem für seine Zukunst sorgte, zerfloß die Tante in eitel Milde und Güte, der Onkel lernte förmlich, höflich zu sein, die Freunde und Bekannten waren auffällig lieb und gut Benjamin glaubte auch wahrznnehmen, daß Sara- Lea in der letzten Zeit immer zuvorkommender, freundlicher, zutraulicher gegen ihn wurde. Sie zeigte sich mteriessiert für alles, was Benjamin anging, bekundete lebhafte