Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Aleppo 1× ep/1047811
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378 einen besonderen Administrationsbozirk. Als treue Sühne des jüdischen Volkes verlangen sie, unabhängig davon, wo sie leben, die Selb* ständigkeit Palästinas und für die Judenheit Syriens die Garantie ihrer nationalen Rechte. Wie bereits gesagt, beschäftigt sich die arabische Presse in Syrien sehr lebhaft mit dem Besuch der amerikanischen Kommission. Der erwähnte Redakteur Achmed Kurd Ali schreibt in seinem Blatte „Mnktnbas": „Syrien- und Palästina bilden eftne Eimhei-tin wb fönnctn nicht getrennt werden. Beide Länder haben eine gemeinsame Vergangenheit und müssen auch eine gemeinsame Zukunft haben. Beide Länder sind absolut arabisch, und wenn hier und da einige ihrer Söhne ' Hebräisch sprechen, so ist dasnureine künstliche, natürliche -Erscheinung, genau so wie einige von uns französisch. Ena tisch, Deutsch, Persiseb und Kurdisch erlernt haben. Neu ei-ngeführte Religionen oder Sprachen dürfen nicht über das,politische Schicksal von Syrien und Palästina entscheiden. Wir haben in Palästina Menschen, die hebräisch beten, genau so wie andere Menschen, die ihre Gebete in syrischer oder lateinischer Sprache sagen. Es ist unmöglich, auf Grund dieser toten Sprachen, deren man sich nur in den seltensten Hätten bedient, die nationale Politik der Gebiete festlegen zu wollen. Man kann nicht mit 100 000 oder 200 000 Menschen rechnen, sondern die Meinung und der Willen von 3 bis 4 Millionen Menschen muß entscheiden. Die alliierten Regierungon müssen sich nach der 'Meinung der Mehrheit richten, und diese große Mehrheit verlangt von ihnen absolute Freiheit. um auf einer solchen Grundlaae eine bürgerliche denwkratische und zentrale Negierung bilden zu können." Der christliche Araber C h a b i b Ke ch o l a , Redakteur des „Suria- Alg'adida". spricht die Erwartung aus, daß die amerikanische Kommission nicht zn dem Schlüsse kommen wird, daß die Syrer kür eine absolut selbständige Verwaltung des Landes nicht fähig seien. Er bezweifelt, daß die Tatsache, daß die Kommission ausschließlich von; Amerikanern gebildet ist, in Syrien angenehm empfunden werden wird. In einem anderen Artikel erklärt die Zeitung, daß es drei fragen sind, die die wichtigste Rotte in- Syrien spielen: die frage dos Zionismus in Palästina, die fraae des Libanon lind die frage der nationalen Minoritäten. Tie Stellungnahme der Zeitung zum Zionismus ist leider wegen der zahlreichen weißen Zensurstellen nicht zu ersehen. Auch der Emir faisul nahm öffentlich Stellung zum amerikanischen Besuch. Anfang Juni kam er nach Aleppo, wo er mit königlichen Ehren empfangen wurde. Auch hier, wie früher in Damaskus, hielt er vor den Vorstehern aller Gemeinden und Notabeln eine Rede, in der er das Volk zum frieden und zur Eintracht aufforderte. Er sprach diesmal wie -ein Lehrer und Berater: „Das Schicksal des Landes liegt in der Hand des Volkes. Das Volk muß der amerikanischen Kommission den Beweis erbringen, daß es fähig isk, seine Geschäfte selbst zu führen. Wird die Entscheidung eine ungünstige sein, so wird sich das Volk dies nur selbst zuzuschreiben haben. Es muß jetzt Einigkeit herrschen. Es darf keine frage geben über Mehrheit oder Minderheit (gemeint sind die chri stlichen u.ndmohammeda Nischen Araber). Wir waren Araber noch vor Jesus und Mohammed und vor Abraham und Moses. Die Sprache ist unser Einheitssymbol. Die Regierung, die sich mik Hilfe einer der Großmächte bilden wird, wird die Rechte der Minderheit' zu schützen wissen. Besonderen Schaden fügen dem Lande diejenigen Elemente zu, die die Ansicht vertreten, die Syrer seien für eine Autonomie unfähig." Der Emir schloß seine Rede mit der Bemerkung, daß das erste, was die syrische Bevölkerung nach der Abreise der interalliierten Kommission zu tun haben werde, sei: alle bestehenden Vereine und Klubs für Wissenschaft und Literatur zu interessieren, damit sie von der Politik ablassen. Der polnisch-jüdische Ausgleich. ine Lösung der polnischen Judenfrage, die in besonderem Grade seit der Wiedergeburt des polnischen Staates brennend geworden ist, ist von den verschiedensten Seiten in den letzten Jahren mit immer' gleichem Mißerfolge angebahnt worden. Die starke Zerrissenheit im polnischen Judentum nahm allen auf eine Verständigung mit den Polen zielenden Versuchen die Stoßkraft der einheitlichen Front, die vielleicht hier oder da Anfangserfolge hätte verbürgen können. Zweifelhaft ist auch das; denn eine Verständigung erscheint aussichtslos, wenn einem Teile grundsätzlich der Wille zur Verständigung fehlt. Dieser Wille fehlt auf polnischer Seite trotz manches gegenteiligen Wortes de facto so lange, wie man für die „Verständigung" das Aufgeben der jüdischen kulturellen und sprachlichen Eigenart als unerläßliche Vorbedingung ansieht. Konnte bisher ein Ausgleich zwischen den polnischen und jüdischen Interessen und Forderungen sich aus den genannten Gründen nicht anbahnen, so bietet nun doch der Vertrag Polens mit der Entente in seinen Minderheitsschutzbestimmungen eine neue Basis. Den freien Verständigungswillen verlangten auch diese Paragraphen noch; denn einerseits lassen sie recht verschiedene Auslegungsmöglichkeiten zu und anderseits würde ein schrittweises Erzwingen der Minimalfordevnngen von außen her die jüdisch-polnischen Beziehungen auch weiterhin aufs schärfste vergiften. Der Wunsch der Anbahnung eines einigermaßen friedlichen Ausgleichs zeigt sich neuerdings auf jüdischer Seite wieder lebhafter infolge der Anwesenheit des amerikanischen Gesandten Morgenthau in Polen. Nach den Nachrichten der jüdischen und polnischen Presse scheint sich Morgenthau kraft seiner besonderen glücklichen Mittelstellung als Jude an der Spitze der amerikanischen Kommission dem Gedanken einer jüdisch-polnischen Verständigung mit großer Liebe 'hinzugeben. Den Vertretern der polnischen Presse in Warschau gegenüber, die die Schutzbestimmungen für die jüdische Minderheit, wie sie im Friedensvertrage Polens festgelegt sind, als unerträgliche Beleidigung des polnischen Volkes bezeichneten, erklärte Morgenthau mit aller Bestimmtheit, daß diese Bestimmungen allein die Grundlage für jegliche Verständigung bilden könnten. Die polnische Presse stellte demzufolge fest, daß die Besprechungen mit Morgenthau „ergebnislos" verlaufen seien. Man sieht auch tatsächlich keinerlei Anzeichen in polnischen Kreisen, wenigstens vorerst sich um die Eindämmung der entfesselten Volksleidenschaften, wie sie sich in den dauernden Mißhandlungen und Ausschreitungen gegen die Juden in allen Teilen Polens zeigen, zu bemühen. Vorgänge, wie das Auftreten eines polnischen Generals in Grodno, der bei der Anwesenheit Morgenthaus in einer jüdischen Versammlung eine Ansprache Hielt, die von der „Liebe" zu den „Jaden" überfloß, sind ja doch allzu deutlich aus Stimmenfang eingestellt, als daß man sie als ernstes Ereignis werten könnte. Der einzige Schritt des Entgegenkommens, der bislang von der polnischen Regierung getan wurde, ist die Einsetzung eines Reichtagsausschusses, der sich mit den jüdischen Angelegenheiten beschäftigen soll. Sie hat in diesen Tagen beschlossen, unter der Bevölkerung „in nächster Zeit" eine Umfrage zu veranstalten, wie sie sich zu den jüdischen Rechten stellt «und ob sie auf Grund dieser Rechte ein friedliches Zusammenleben zwischen Polen und Juden für möglich hält. Ein Blick in die polnische Presse, die hinsichtlich der Juden von rechts bis links ziemlich einmütig ist, genügt, um den Ausfall dieses „Referendums" ohne Sehergeist vorherzusagen. Wozu also diese Farce? Irgendein Wert, wenn mau wirklich auf Grund des 8 W des Friedensvertrages einen modus vivendi sucht, kommt dieser Enguete sicherlich nicht zu. Wichtiger ist vielleicht, daß man sich nun auch auf jüdischer Seite erneut rührt, um eine Brücke für den Interessenausgleich zu finden. Angesichts der Stellung Morgenthaus und der sorgsamen Beachtung, die seine Worte auch in .der polnischen Presse finden, geben seine Aeußerungen zu Vertretern der jüdischen Presse in Bialystok zum Nachdenken Anlaß. Er sagte dort, an den gespannten polnisch-jüdischen Beziehungen seien -beide Teile schuld; wenn auch der Lärm der jüdischen Presse die Aufmerksamkeit auf die Lage der Juden lenkte und