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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-22 · Heft 34 (22.8.1919) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 34 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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tiomivcn Blätter zu übertrumpfen. Er schreibt u. a.: „Als Paderewski den Punkt über die jüdischen Rechte im Friedensvertrage besprach, sagte er. es handle sich nicht um die Rechte selbst, sondern nur um die Art, wie den Polen die Verpflichtungen auferlegt worden seien. Tie Rechte selbst hätten sie den Inden allein gegeben. Das ist nicht wahr! (fügt der Naprzod" hinzu). Kein polnischer Reichstag hätte beschlossen, das jüdische Getto in Polen zu verewigen und aus ihm einen besonderen politischen Organismus zu machen." Jüdische Diplomaten. Ans Warschau wird gemeldet, dag der Rechtsanwalt Be r e n s o n zum ersten Sekretär der polnischen Gesandtschaft in Washington ernannt wurde und Leo G o l d st a nt m zttm Mitglied der polnischen Gesandtschaft in London. Beide sind bekannt als Führer der assimilatorischen Richtung im polnischen Judentum. Die Polen veranstalten eine Volksabstimmung über die jüdischen Rechte. Die Wiener ..Morgenpost" meldet mi* War sch a n, daß die Reichstagskommission für jüdische Angelegenheiten beschlossen habe, eine Rundfrage zu veranstalten, w-ie die Oeffentlichteit sich zu den Rechten für die Inden stelle und ob es möglich fein werde, auf Grund dieser Rechte zu einem friedlichen Zusammenleben zwischen Polen lind Juden zu gelangen. Die jüdische Gleichberechtigung in Polen. Wie die Polen diese anffnssen. zeigt ein Blick in die Presse ans Polen und Galizien, die gerade in den letzten Tagen dauernd von Fällen zu berichten hat, in denen harmlose jüdische Reisende ohne jeden Grund -in den Zügen von Soldaten überfallen und geschlagen werden. Der Krakauer ,,Rowy Dziennik" nennt in wenigen Nummern eine Fülle derartiger Vorgänge ans der Eisenbahnstrecke Lemberg—Krakau. * Die englische Regierung und die Juden in Polen. A m st e r d a m , 17. Anglist. Englischen Blättern vom 15. d. SI){. zufolge teilte Harmsworth in einer schriftlichen Antwort mit, es sei ihm de tan nt, daß sich Leute der Armee des Generals Haller am 26. Juni mi jndenfeindlichen Ausschreitungen in Warschau beteiligt mib n. a. verschiedenen Inden die Bärie abgerissen haben, sowie daß sie auch in anderen als in den von ihm in der Unterhanssttznng vom 5. August erwähnten Städten Juden angegriffen und verletzt haben. Harmsworth fügte hinzu, die britische Regierung entsende eine Kommission nach Polen, um die Stellung der Inden in diesem Lande zll untersuchen. * Aus Luzern wird uns berichtet: Die Internationale Svzialistenkonferenz nachm einstimmig eine Entschließung an, welche gegen die Pogrome und die Verfolgung der Juden in ben von den Polen besetzten Teilen Litauens und der Ukraine protestiert, ferner eine Entschließung der Delegierten für Palästina, Ghafanowitsch und Kaplansky, wonach die Internationale Sozialistenkonferenz die Entsendung eines Ausschusses zur Untersuchung der gegen die Juden in Polen und in den von den Polen besetzten Teilen Litauens und der Ukraine gerichteten Pogrome und Verfolgungen beschließt. * Das „Bulletin 'des Komitees der Jüdischen Delegation -in Paris" schreibt anläßlich des Abschlusses des Vertrages der alliierten und assoziierten Großmächte mit Polen wie folgt: „Durch den Vertrag vom 2<s. Juni ist Polen unabhängig geworden. Die historische Schandtat von 1772, die später zweimal wiederholt wurde, ist getilgt. Trotz aller Vernichtnngsversnche, die gegen das polnische Volk gerichtet wurden, trotz der politischen Sklaverei, der es fast anderthalb Jahrhunderte ansgesetzt war, ist dieses Volk von neuem zum Leben -erwacht und wird hinfort in voller Unabhängigkeit sein Schicksal entscheiden können. Wir begrüßen diesen historischen Wendepunkt als einen Akt der Gerechtigkeit im Leben Polens, im Leben der Völker. Wir begrüßen dieses Ereignis mik aufrichtiger Genugtuung trotz der schrecklichen Leiden, welche die Juden in Polen während der letzten Jahre zu erdulden hatten. Die Befreiung Polens ist ein Prinzip, für das auch nur seit langen Jahren kämpfen. Tie Wohltat, die Polen soeben erfahren hat, wird in logischer Weise allen Völkern zngestanden werden müssen. Jahrhundertelang haben die Juden alle Schrecken der Sklaverei erlebt, und das ewige Martyrium hat bei ihnen einen Instinkt des Mitempfindens für alle Unglücklichen, für alle Unterdrückten entstehen lassen. Immer wenn ein Volk durch stärkere oder brutalere Völker unterdrückt wurde, empfanden die Juden die Leiden und das Martyrium des unterdrückten Volkes, als wenn sie selbst die Opfer wären. . . Wissen die Polen, wie oft jüdische Publizisten und Politiker sich, besonders in der Zeit der schlimmsten Reaktion, zu Vorkämpfern für die historischen Bestrebungen Polens gemacht haben? Der Historiker, der beispielsweise die Kampagne studieren wird, die die Presse in Westeuropa und Amerika in den Jahren 1905 und 1906 und in den folgenden gegen den Zarismus geführt hat, wird mir Erstaunen feststellen, eine wie gewaltige politische Arbeit direkt oder indirekt durch jüdische Vorkämpfer der Freiheit zugunsten der Befreiung des polnischen Volkes vollbracht worden ist. Oft waren dies nicht einmal polnische Juden, sondern Inden schlechthin, die die Idee, eilt Nachhall der Inspirationen der jüdischen Propheten, veranlaßt?, zur Feder zu greisen und den Kampf für das Recht des Individuums und der Nationzu führen. Aber die Befreiung legt den Polen neue Pflichten auf, denn die Verwirklichung der Freiheit ist keine geringere Aufgabe als ihre Erwerbung. Freiheit für sich selbst kann niemals Sklaverei für andere bedeuten. Sonst wird die frisch errungene Freiheit selbst kompromittiert. In dem netten polnischen Staate leben außer den Polen Millionen von Angehörigen attderer Nationen, die für sich nichts fordern als individuelle Gleichberechtigung und die Möglichkeit nationaler Existenz. Sie tvollen nicht nur loyal gegenüber Polen sein, sondern sie sind auch bereit, ihm vorbehaltlos ihre Hilfe aus ökonomischem und intellektuellem Gebiet zu leisten. Hierfür aber ist es notwendig, daß die Polen die innere und äußere Befreiung ihrer Mitbürger als ebenso berechtigt tote ihre eigene Befreiung ansehen. Es gibt keinen anderen Weg, lvenn die Polen Patrioten sein wollen in dein hohen Sinn dieses Wortes. Sie inüssen sich an den Gedanken gelvöhnen, daß jede Gruppe das Recht haben muß, nach ihrem eigenen Geschmack und wie es ihr selbst gut scheint ztt leben und sich zu enitoickeln. Ein Traum, den die Polen kaum zu träumen gewagt haben, ist soeben zur Wirklichkeit geivorden. Aber gerade in den Augenblicken des tiefsten Glückes oder des tiefsten Unglückes erneut sich die Seele eines Menschen oder eines Volkes. Wenn an der Schivetle der neuen Aera, die jetzt für Polen beginnt, die größten geistigen Führer ihres Landes bei der Regelung ihrer Beziehungen zu Menschen und Völkern die höchsten Aspirationen des menschlichen Idealismus znm Prvgrautm nehmen, wird Polen das Land einer glücklichen Zukunft werden, ein Land der Wiedervers-öhnnng der Völker, ein Land der dauernden Freiheit." * Die „Kölnische Volkszeitnug" bringt in der Ausgabe vom!!. August nachstehenden Artikel, aus.dom zu ersehen ist, wie aufmerksam die katholische Presse.die zionistischen Aspirationen verfolgt: Die Juden in der Türkei. Der bevorstehende FrieVensschlnß zwischen der Türkei und den Verbundsstauten hat a uch d i e I it d e n aller Länder, besonders aber die des osmanifchen Reiches in große Err-egiung, versetzt, weil hier Probleme zu lösen sind, die für die ganze Judenschast von großer Bedeutung sin>d. Besonders kommt hier die Frage des Zionismus in Betracht, der nach dem Baseler Programm „die Schaffung einer öffetttlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk" erstrebt. Während im Abendlande die meisten Juden — abgesehen von den Z i v n i st e n — nur eine „Religionsgenossenschaft" sein wollen, haben die Juden in der Türkei sich immer als eine b e s o n -d e r e Nation bezeichnet und sind mich staatsrechtlich stets als eine solche betrachtet

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