Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Düsseldorfs unter, dessen Handwert auf der Höhe steht und dessen gewerbliche Fortbildungsschulen für Knaben und Fachschulen für die weitere Ausbildung weithin berühmt sind. Im Lehrlingsheim des Vereins erhalten die Zöglinge' volle rituelle Verpflegung und genießen eine von modernen und freiheitlichen Grundsätzen geleitete jüdische Erziehung, die das Elternhaus ersetzen soll. Der Verein rechnet auf brave und strebsame junge Männer, aus denen sich tüchtige Handwerker bilden lassen. Die ungewisse Zukunft Deutschlands scheint gesichert nur für den Handwerker und Facharbeiter; nichts tut uns mehr not als diese Erkenntnis. Wegen Unterbringung von Lehrlingen wende man sich an den Geschäftsführer des Vereins, Herrn Zeitungsvedleger I. T h a >l h e i m e r, Oststraße 13 in Düsseldorf. Auch Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher, Düsseldorf, Kasernenstraße 67b, wird gern Auskunft auf Anfragen erteilen. — Essen (Ruhr), 8. August. In einer zahlreich besuchten Versammlung der hiesigen Ostjuden am 29. v. M. konstituierte sich ein „Ostjüdischer Unterstützungsverein". Zugleich wurden Verhandlungen geführt über die Uebernahme eines ihnen seitens der hiesigen S y na go gen ge mein b-c zur freien Benutzung für religiöse Zwecke angebotenen- Betsaales in der prachtvollen Synagoge. Herr Oskar Epstein erösfnete die Versammlung und erklärte mit eindrucksvollen Worten die Notwendigkeit eines solchen Vereines, zumal in dieser Zeit. Auch empfahl er die Uebernahme des ihnen angebotenen Betsaales. Hierauf wies der zur Uebergabe des Betsaales erschienene Sanitätsrat Dr. Mendel als Vorsteher der hiesigen Synagogengeineinde in warmen Worten auf das Wohlwollen und rege Interesse hin, welches die hiesige Synagogen gemeinde den Wünschen der hiesigen Ostjuden entgegenbringt und auch weiterhin entgegenzubringen geneigt sein wird, denn „wir sind doch alle Brüder, ob Ost oder West, Nord oder Süd". Selbstverständlich sollten sie ihre Andachten und Gebete in alter hergebrachter Weise im Betsaale ungestört weiter verrichten und brauchen sich nicht deshalb in ab gemieteten unwürdigen Lokalen zu verstecken. (Bekanntlich bestehen hier, sogar drei solcher ab gemieteten Gebetlokale.) Er ermahnte sie zum gemeinsamen Zusammengehen und warnte sie vor jeder unbegründeten Absplitterung, die doch ihre Interessen selbst schädigt. Herr Adolf Rath dankte der Synagogen gemeinde und namentlich ihrem Vorsteher für die gütige Zusage steten Wohlwollens. In schwungvollen Worten an die heldenhafte Verteidigung des Tempels und der Thora im Jahre 70 erinnernd ermahnte er zu gleichem Opfermut und zur unbedingten Einigkeit. Nach erfolgter Besichtigung des fraglichen Betsaales seitens der Versammelten unter Führung des Herrn Sanitätsrat Dr. Mendel und nach weiteren Ansprachen des Herrn Adolf Koch und des Herrn M. Schapiro, der als Vorstand des Nhein-isch-westsälischen Verbandes der Ostjuden die Angliederung des neugebildeten „Ostjüdischen Unterstützungsvereins" an den Gesamtverband empfahl, wurde in vorgerückter Stunde die Sitzung vertagt. — Bonn <*♦ Rh., 8. August. Die Chewro. G e m il u s C h a s o - d i,mi hielt am Dienstag, den 29. v. M.,eine außerordentliche Hauptversammlung ab, die eine lebhafte Aussprache über die hiesigen Gemeindeverhältnissi mit sich brachte. So kamen zunächst die am Ende des sabbatli'chen Gottesdienstes seit alter Zeit stattfindenden L ehrvorträge zur Sprache. Mit Bedauern wurde -festgestellt, daß gerate diese Einrichtung seitens der meisten Chew ro Mitglieder nichr mit derjenigen Achtung behandelt würde, die sie verdient. Nur die wenigsten blieben bis zum Lehrvortrag im Gotteshause, obgleich er nicht lang und dabei immer sehr belehrend lind erbauend sei. Man war sich klar, daß gerade hier ein gutes Beispiel nachei-fernd wirken und Wandel schaffen würde. — Der zweite Punkt der Tagesordnung lvar der Beerdigungsfrage gewidmet. Hier rügte mau allgemein, daß die Chewro selbst versage. Es sei unwürdig, daß die Bahre auf dein Friedhof von bestellten Leuten getragen würde., wöbet es sogar vorkomme, daß nichtjüdische Hände mithelsen mußten. Es müßten an§ der Mitte der Chewro selbst die Träger herantreten; keiner dürste sich da zu gut und zu vornehm dünken, seinemjüdischen Bruder diese Liebestat -nach dem Tode zu erweisen. Man beschloß, in diesem Sinne beim Genremdovorstaud vorstellig zu werden und die Mitglieder der Chewro, soweit sie das 60. Jahr nicht überschritten hätten, auf eine Liste zu setzen, aus der fortlaufend je sechs zu dem heiligen Amt der Kabbronim geladen werden sollten. Am Schluß der Versammlung wurde, der Wunsch laut, der seit läng er ein in allen Kreisen unserer Gemeinde lebendig ist, daß es uns bald gelingen möge, ein gemeinsames Veretnsha-us in Bonn zn begründen. >,Jüdischer Bote vom Rhein." er. Kassel, 8. August. Die j ü d i sche L e h r e r sch a f t in Hessen hielt ihre erste Konferenz seit dem. Kriege unter dem Vorsitz des Lehrers Oppenheim aus Treysa ab. Der Begrüßung der' Ehrengäste folgte eine stimmungsvolle Gedächtnisfeier für die auf dem Felde der Ehre gefallenen Vereinsmitglieder, bie durch liturgischen Gesang des Oberkantors Witepski umrahmt' war. Im Mittelpunkte der Verhandlungen stand das Referat des Lehrers Scha u mberg aus Neunkirchen über „Trennung von Kirche und Staat in ihrer Einwirkung'auf das jüdische Leben in Deutschland". Die umfangreiche Arbeit des auch als Politiker geschätzten Referenten klärte die. Versamimlung über lalle in Betracht kommenden Fragen aus, soweit dies bei der augenblicklich noch verworrenen Lage möglich ist. In der anschließenden Aussprache konnte Lehrer Kimpel (Mitglied der Preußischen Landesversammlung) aus seinen parlamentarischen Erfahrungen beachtenswerte Mitteilungen machen und entsprechende Winke geben. Wenn auch die sehr eingehenden Beratungen zu keinem greifbaren Ergebnisse führten, da Schaumberg die von ihm gestellte Resolution zurückzog, so boten sich doch reiche Anregungen, aus die zu .gegebener Zeit zu-rückgegrissen werden soll. Ter Antrag des Lehrers Katzen stein (Breitenbach a. H.) aus Erhöhung des Jahresbeitrages auf 3 Mark fand widerspruchslos Annahme. Die vorn. Seminarlehrer Moses (Kassel) beantragte Stellungnahme der Konferenz zu den sich bemerkbar machenden antisemitischen Strömungen mahnte die Mitglieder zur Wachsamkeit und zuziel-bewußter Abwehr derartiger Bestrebungen. Lehrer Jäckel (Kassel) regte zur Berufsberatung der jüdischen Jugend an. In den Hauptwahlvorstand des von der hessischen Gesiamtlehrerschast zu bildenden Lehrerrates wunde Seminarlehrer Moses. (Kassel) gewählt. An Stelle des verstorbenen Lehrers L ö.w en stein (Fulda) und des wegen seines hohen Alters zurückgetretenen Lehrers Schwarz sch ild (Schlüchtern) treten die Lehrer Gans (Niederaula) und Waisenhausinspektor H e i l b r u n n (Kassel) in den Ausschuß ein. Bei der nächstjährigen Versa mmlun-g, die wieder in Kassel stattsinden soll, wird Lehrer. Neuhaus (Fritzlar) einen Bortrag „Rückblick und Ausblick" halten. Mit dein von Lehrer Perlstein (Gudensberg) dem Berhandlungsleiter ausgejprochenen Danke der Versammlung wurde die Konferenz geschlossen. — Frankfurt a. M., 8. August. Unter überaus großer Beteiligung veranstaltete der Verein „Tiseres Bachuriim" eine Führung durch den. alten jüdischen Friedhof am Börneplatz. Professor Dr. Hü l s en hatte die Erläuterungen übernommen, aus denen hier folgendes mitgeteilt sei: „7000 Steine sind vorhanden, hie ersten nachweisbar aus den Jahren 1270 und 1272. Ueber 600 Jahre wurde der Friedhof benutzt und ist seit 1828 geschlossen. Die Steine sind nicht von Juden gemeißelt, da die Juden kein Handwerk erlernen durften. Das> Eigentumsrecht der Gemeinde ist mit einer Urkunde vom Jahre 1316 verbrieft. Ein, großes Verdienst hat sich Raphael Kirchheim erworben: auf seine Veranlassung wurde der Friedhof in Ordnung gebracht undeinstweilen 700 Steine wiederhergestellt. Dian schätzt die Zahl, der Beerdigten auf 40 000. Manchesmal sind, 6 bis 7 Gräber übereinander. Es läßt sich auf Grund der Steine feststellen, daß viele jüdische Frankfurter Familien ihre Stammbäume bedeutend weiter zurück verfolgen können a;f§ fast alle Frankfurter Patriziersamilien. Allgemeine Aufmerksamkeit fanden das Grab Rabbi Pinchas Horwitz, Rabbinergräber und der Märtyrerhügel. Vom Friedhof aus kann man die jüdischen Sp-italh-äuschen sehen, die zugleich die ältesten Spitäler Frankfurts sind; Frankfurt selbst hatte damals kein Krankenhaus; die Kranken wurden in den Klöstern, z. B. Gutleuthof, ausgenommen. Auch in den.Judenspitälern wurden öfters Christen ausgenommen. Boi Verfolgungen flüchteten die Juden häufig -auf den Friedhof, Trost und Schutz bei den Toten suchend. Auf den meisten Steinen stch-t di-e Ausschrift: „Und er beschäftigte sich mi>t -der Thora". Srutlch-Vrttkrrelch. z. Wien, 8. August. Ein vereinigtes Wahlkomitee der nicht jüdisch-nationalen Parteien für die Kultuswahlen 1919 hat sich konstituiert und zu seinem Obmanne Herrn Dr. L. König st e i n, Universitätsprofessor, Wien, 1. Bezirk, Georg-Coch-Platz 3, gewählt. — Zur Wahl des Titels: „Vereinigtes Wahlkomitoe der nicht jüdisch-nationalen Parteien" wird von orthodoxer Seite der Kommentar geliefert,