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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-15 · Heft 33 (15.8.1919) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 33 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Cranz, 8. August. Am vorletzten Mittwoch wurden hier von einem Soldaten antisemitische Flugblätter, herausgegeben vom Teutsch-Völkischeu Bunde, verteilt. Ein Reserveoffizier j ü >d i scheu Gl a u b e n s machte dem Soldaten hierüber Vorstellungen und wollte die weitere Verbreitung der Flugblätter verhindern, wurde aber von einer inzwischen anges.ammelten Menge verprügelt. Am Abend fand dann eine Versammlung von Kurgästen jüdischer Konfession zur Besprechung der Angelegenheit statt. Es wurde in dieser Versammlung beschlossen, an den Reichswehrminister Noske, an den Ministerpräsidenten Hirsch an den Kommandierenden General des 1. Armeekorps und ,cm den zuständigen LandraL ein dringendes Telegramm folgendes Wortlauts abzusenden: „Im Aufträge der jüdischen Kurgäste des Ostseebades Cranz bringen wir zur Kenntnis, daß durch ausgedehnte Verbreitung von Hetzflugblättern, die sich gegen die Juden wenden, die Sicherheit der jüdischen Kurgäste aufs schwerste gefährdet erscheint. Zusammenstöße haben bereits stattgesunden. Verbreiter der Flugblätter tragen Reichswehrunisorm. Hut schleunigste Maßnahmen zur Beseitigung dieser gefahrdrohenden, aus Pogrome hinzielenden Zustände wird dringendst gebeten." Unterzeichnet ist das Telegramm mit folgenden Namen: Rechtsanwalt Ehrlich (Tilsit), Dr. Kutzinski (Königsberg i. Pr.), Referendar Wechselmann (Königsberg i. Pr.), Referendar Milakowski (Berlin), Leonhard Weißbrem (Königsberg i. Pr.). Am folgenden Tage ist den Unterzeichneten folgender Bescheid zngegangen: „Die Flugblattverteilung ut Cranz wird untersucht werden. Stellt sich heraus, daß der Inhalt der Flugblätter gegen die Strafgesetze verstößt, so wird gegen die Vertreiber ein,geschritten werden. Zum Schutz gegen Angriffe radaulustiger Elemente trifft auf meine Veranlassung heute abend ein Militärkommando dort ein. Ich empfehle den durch die Flugblätter gekränkten Staatsbürgern besonnene Ruhe. Es wird nichts unterlassen werden, um jede strafrechtlich faßbare Kränkung von Ehre und Person zu ahnden, gez. W i nnig, Oberpräsident." z. Posen, 8., August. Ueber die Aktion des Herrn Rabbiner Halpern aus Warschau zugunsten der jüdischen Internierten in Posen ist folgendes zu berichten: Gleich nachdem die Kunde nach Warschau gekommen war, eilte Herr Halpern nach Posen. In Abwesenheit des Oberkonunandierenden wurde der Rabbiner vom Vizepräsidenten des Volksrates Plutschinski empfangen, der fein Bedauern über die Verhaftungen aussprach und sie mit einer angeblichen Beschießung der polnischen Linie von seiten der Deutschen erklärte, was den Uebergang der Gewalt in die Hand der Militärmacht zur Folge hatte. Da ein Uebersall der Deutschen zu befürchten gewesen fet-, so mußten alle Bürger mit deutschklingenden Namen interniert werden. Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden seien nicht gemacht worden. Es handelte sich aber dabei, wie Rabbiner Halpern seststellte, um dreihundert Juden. Oberrabbiner Freimann war nicht darunter. Es wurde dem Deputierten die Zusage gemacht, daß die Freilassung der Internierten mit der Aufhebung des Ausnahmezustandes sofort eintreten würde, was inzwischen auch geschehen ist. Herr Rabbiner Halpern besuchte bei dieser Gelegenheit die Spitzen der Posener Gemeinde und verhandelte mit ihnen über wichtige jüdische Angelegenheiten. Er besuchte auch die Gefangenenlager bei Kalisch, wo sich unzählige verschleppte Juden aus Wilna und Pinsk befinden, und für die er sich ebenfalls im Aufträge der „Schlaume emune Jisroel" bei den Behörden verwendete. Leider ging diese Reise auch für den Herrn Rabbiner nicht glatt ab. Auf der Rückfahrt wurde er auf dem Lodzer Bahnhof von bewaffneten Bauden angehalten, die dem ehrwürdigen Manne nach beliebten Mustern gewaltsam den Bart abschneiden wollten, und nur dem Einschreiten des zur Hilfe herbeigerufenen Bahnhofskommandanten und dem Umstande, daß sich der Herr Rabbiner als Landtagsabgeordneter ausweism konnte, war es zu verdanken, daß die Banditen von ihrem Vorhaben abließen. M. P. Forst (Lausitz), 10. August. Mehrere Mitglieder hiesiger Gemeinde erhielten die Schand- und Schund fl ugblüttev Nr. 19 und 14 des „Ausschusses für Bolksausklürung e. V., Berlin W 9, Köthener Straße 45, Hof links", die von den niederträchtigsten Verleumdungen gegen Juden und jüdische Religion strotzen, in Briefu m s ch l ä ge n mit dem Ausdruck „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Es ist kaum denkbar, daß dieser Verein diese gemeinen Lügen verbreiten will: ich nehme an, daß der Ausdruck anf den Briefumschlägen gefälscht ist. Ich habe das ganze Material an den Centralverein geschickt, unld wäre es -ratsam, wenn Sie in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Ihre Leser aus diese Fälschung aufmerksam machen möchten. — Augsburg, 8. August.. U e be reine u n v e r ke n n b a r e Z u n ah tttie des Anti sem i ti s m u s in der ehemaligen habsburgischen > Monarchie, die auch die sozialistischen Kreise ergreift, berichtet die hiesige „Postzeitung": Leute,, die nach Tirol einreisen wollen, -um sich in einer der vielen Sommerfrischen dieses Landes zu erholen, machen die merkwürdigsten Erfahrungen. Ihre Gesuche um die Einreisebewilligung werden entweder gar nicht beantwortet — obzwar der vorgeschriebene Stempel beigelegt war — oder brüsk abgelehnt. Letzteres dann, und zwar durchgängig und ausnahmslos, iiKum der Gesuchsteller einen jüdisch klingenden Namen trägt. Diese Praxis wird aber erst seit dem Zeitpunkt betrieben, wo die sozialdemokratischen Arbeiterräte die Kontrollen der Einreisen an sich genommen haben. Es besteht überhaupt ein .sonderbarer Zusammenhang zwischen der modernen Form des Sozialismus respektive Kommunismus und dem Antisemitismus. In Baden z. B. sind es außer den Deutsch-Radikalen noch die Kommunisten, die eine so arge Pogromhetze betreiben, daß es schon zu Panikszenen gekommen ist/ Davon scheinen die Wiener jüdischen Kommunisten, die sich jetzt ihren christlichen Genossen aus Leibeskräften anbiedern, nichts zu wissen. er. Fürth, 8. August. Die Israelit i sche Real s ch u l e veröffentlicht ihren Jahresbericht für ihr 57. Schuljahr. Bei Beginn des Jahres verzeichnete die Anstalt 184 Schüler., 60 in der Vorschule und 124 in der Realschule. Die Belegzifsern der einzelnen Klassen können als ideal bezeichnet werden, da für die Vorschule vier Klassen und für die Realschule sechs Klassen eingerichtet sind. Die Vorschulklassen hatten 9, 15, 14 und 25 Schüler, die Realschulklassen 31, 19, 25, 18, 16 und 16 Schüler. Einer Anordnung des Ministeriums entsprechend wurde an der Anstalt ein Schülerausschuß eingerichtet, der sich aus drei Schülern der sechsten undzwei Schülern der fünften Klasse zusammensetzt. Zu Mitgliedern des Lehrer-Vertrauensrates wurden neben dem Direktor für dieses Jahr die Herren Professor Dr. Herzstein und Distriktsrabbiner Dr. Br oder von den Schülern der beiden Oberklassen gewählt. In den Fällen, in denen der Schülerausschuß Gelegenheit hatte, sich zu betätigen, zeigte sich, daß küese Einrichtung wohl geeignet ist, der Stärkung des Vertrauensverhältnisses zwischen Lehrern und Schülern zu dienen. TerSchl u ßprüsung unterzogen sich in diesem Jahre die 16 Schüler der Oberklassen. Alle 16 Schüler haben die Prüfung bestanden. Der Schulbericht beweist eine -gedeihliche moderne Entwicklung der gut geleiteten Anstalt. 2XD Düsseldorf, 8. August. Der „V e r e i n zur F ö r d e r u n g der Handwerke und t e ch n i s ch e u B e r u s s-a r t e n unter d e n Jude n" zu Düsseldorf hat in seiner Generalversammlung seine Reorganisation beschlossen. Der Vorstand besteht nunmehr aus folgenden Herren: Nt. G r ü n t h a I, Justizrat Dr. Levison, Vorsitzende, SM. A m r a m, Hugo B o b r e ck, Rabbiner Dr. E s ch e l - b a ch e r, Siegfried Falk, Erich F e l s e n t h a l, I. Keyzer, I. Oppenheimer, I. Thalheimer, M. Vogelfang, sämtlich, in Düsseldorf, B. N e ck a r s. u t m e r (Aachen), Julius Weiß (Bielefeld), Hermann Auer b ach, M. Stern (Dortmund), Rabbiner Dr. Auerbach und Rechtsanwalt Dr. jur. Feist (Elberfeld), Kurt Hirschland (Essen), Hugo Noll mann (Hamm i. Wests.), Geh. San.-Rat B. Aue rb ach und Justizrat Ludwig C ahen (Köln a. Rh.), Herrn. C o p p e l (Solingen), Julius Berrnann (Trier), S. K u p f e r s ch l a g (Unna). Der im Jahre 1882 gegründete Verein hat unter *b-er Kriegsnot stark gelitten. Am Schluß des abgelaufenen Geschäftsjahres waren nur noch 8 Lehrlinge in Werkstätten und im Heim des Vereins untergebracht. Klagen und Beschwerden sind nicht arrsgeblieben' und fanden in der Generalversammlung, ein ' starkes Echo, sie zeitigten aber auch den einstimmigen Beschluß auf eine durchgehende Besserung. Es sollen zunächst Damen neu in den Vorstand gewählt werden, die den inneren Betrieb im Heim überwachen. Angesehene jüdische Handw'erksnieister kontrollieren die Lehrstellen. . Neue Einrichtungen sollen der theoretischen Ausbildung, einer Ver- : tiefung der Schulbildung sowie der Erziehung der Knaben zu selbstbewußten, charakter- und sittensesten jüdischen Männern dienen. Um das Handwerk unter den Juden zu verbreiten, bringt der Verein Söhne auswärtiger Eltern bei tüchtigen und gewissenhaften Meistern

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