Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 371 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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371 Haus, das war ebenso stadtbekannt wie, txtfc er ein heiratsfähiges Töchterchen hatte, ein rundgcformtes Mädchen mit dicken Flachszöpfen und kugelrunden Glotzaugen. Was tut nun aber ein reicher Mann wie Iankel Krummholz, der eine rundgesormte Maid fein eigen nennt? Er hält Umschau unter den „guten Lernern" seiner Stadt und wählt unter den guten den Besten aus, um ihn sich zum Schwiegersohn zu nehmen. Iankel Krummholz hat also unter den Jüngeren Umschau gehalten, und wie es scheint, ist seine Wahl auf Benjamin gefallen. Wer sich auf das Orakeln jener Leute versteht, die im Haupt- oder Nebenberufe dafür sorgen, daß der Mann nicht ohne Gehilfin sei, wird ja leicht auS den Worten Menachems den wahren Sachverhalt erkennen. Auch der junge Benjamin erkannte den wahren Sachverhalt, denn er kannte seine Umgebung, wußte genau, wie die Ehen im Himmel mid hier auf Erden geschlossen werden, und wußte vor allem, wie die Leute ihre Worte zu setzen pflegen, wenn sie in verschleierter Rüde ihre Absichten und Pläne verraten wollen. Er hielt es aber für richtig, sich fein Wissen um den wahren Sachverhalt nicht anmerken zu lassen. Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander. Mit lauernden Blicken betrachtete Menachem seinen Begleiter, der still, in Gedanken versunken, neben chm einherging. Sie bogen in ein schmales, steil ansteigendes Gäßchen ein, auf dessen linker Seite Verkaufsbude an Verkaufsbude sich reihte. Am Wege stand eine Salzfuhre, darauf knieten zwei Männer in Hemdärmeln und gruben die ins Stroh eingebetteten zylinderförmigen Salzstücke aus; sie schichteten die Salzstücke auf einem breiten Tragbrett auf und trugen dieses nach einer der Verkaufsbuden. Daneben war eine Obsthändlerin mit dem Ordnen ihres Standes beschäftigt; sie schüttete Aepfel von einem Korb in den anderen und legte die schönsten als lockende Muster obenauf. Auf dem Bürgersteig, an eine Mauer gelehnt, saß ein Bauer und aß mit viel Appetit Schwarzbrot und saure Gurken. Und zwischendurch ging Menachem neben Benjamin. Menachems Gang war stets etwas unruhig und schwankend, er war gewohnt, im Gehen die merkwürdigsten Zickzacklinien zu beschreiben und allerhand Figuren auszuführen. Jetzt aber, da er feine Aufmerksamkeit ganz auf Benjamin konzentrierte, geriet er vollends in eine wild-verworrene Gangart; er rannte gegen jedes Ding an, das ihm im Wege stand, er Prallte mit den Salzträgern zusammen, er trat den Bauer mit dem Fuß, er stieß die Obsthändlerin mit dem Ellenbogen, daß ihr der Korb aus der Hand fiel und die schönsten Aepfel bergab kollerten. Die Männer in Hemdärmeln schimpften, der Bauer fluchte, die Obsthändlerin lief schreiend den abwärtsrollenden Aepfeln nach — aber Menachem verlor seine Fassung nicht, noch den Faden seiner Unterhaltung. „Ja, weißt du, Benjamin," sagte er mit Nachdruck, „ein junger Mann wie du, ich meine, ein junger Mann in deinem Stand und in deinem Aller müßte doch eigentlich ein« goldene Uhr und Kette haben." Das war noch deutlicher als deutlich. Wer weiß es denn nicht, daß in frommen jüdischen Kreisen der Verlobte bei der Verlobungsseier von seinem zukünftigen Schwiegervater eine goldene Uhr und Kette zum Geschenk schält? Wie viele aus dem ehemaligen Schülerkreis Mendels tragen bereits dieses goldene Abzeichen wertgeschätzter Mannheit! Nachman Ziminels, der „Fetzenkops", besitzt lange schon eine goldene Uhr und Kette und ist bereits ein achtungswerter Ehemann und Vater eines einjährigen Sohnes; Wölwel Binder, der einst gegen das religiöse Verbot eine Frauenstimme singen hörte, trägt ebenfalls eine und wird demnächst Hochzeit feiern; Feiwisch „Narr" trägt sie mit Stolz und Würde, denn er hat sich in Reichtum und Ehre verlobt und wird im Monat Elul in Reichttum und Ehre heiraten; David Frankfurter aber ist längst verheiratet und mit Frau und goldener Uhr und Kette nach Amerika ausgewandert, wo er gegenwärtig als Reverend eine segensreiche Tätigkeit entfaltet. Die meisten der ehemaligen Schüler Mendels tragen bereits das goldene Abzeichen, nur Jossel, Awrnm und Benjamin laufen noch nhr- und kettelos umher . . . Alles das wußte Benjamin, er hielt es aber für richtig, sich sein Wissen um die goldene Uhr und Kette nicht anmerken zu lassen. „Sei unbesorgt Benjamin," fuhr Menachem fort, „zuerst Gott und dann ich; wir wollen schon dafür sorgen, daß du in Bälde deine goldene Uhr und Kette erhältst. Lern nur fleißig, Benjamin, 's ivird schon werden mit Gott seiner Hilf', es wird schon werden." Er klopfte ihm dabei auf die Schulter und entfernte sich. Zu Hause erfuhr Benjamin von Tante Mirl, daß Menachem in früher Morgenstunde dagewesen sei und' mit Onkel Ehajim eine lange Unterredung gehabt habe. Tante Mirl strahlte vor Freude und lächelte gutherzig, wie eben nur Tante Mirl lächeln konnte. Es handle sich um eine sehr wichtige Angelegenheit, sagte sie, um eine Angelegenheit, die ihn, Benjamin, ganz besonders angehe, und er solle mar sogleich sich zu Onkel Ehajim ins Zimmer begeben, da werde er schon alles erfahren. Als Benjamin zu Onkel Ehajim ins Zimmer trat, setzte dieser eine ernste Miene auf; vor allem zupfte er sich mehrmals am schwarzen Bärtchen — das tat Onkel Ehajim immer, wenn er eine ernste Miene aufsetzte —, dann räusperte er sich, begann in feierlichem Tone zunächst einen Vers aus der Bibel, dann einen Spruch aus dem Talmud und schließlich eine Stelle aus dem Midrasch zu zitieren nnd gelangte erst nach langen Vorbereitungen und auf einem merkwürdigen Umweg zu dem Gegenstände, >der ihm am Herzen lag. Er eröffnete Benjamin, daß Menachem für ihn eine sehr passende Partie vorgeschlagen habe, und zwar mit der Tochter Iankel Krummholz', und daß er heute noch an den Vater schreiben wende und ihn bitten, unverzüglich herzukommen, um die Angelegenheit unter dem Beistand Gottes zu eiiniem guten Ende zu bringen. Onkel Ehajim verfehlte es auch nicht, Benjamin die Vorteile dieser Partie haarklein auseinanderzusetzen und seine Zukunft als Schwiegersohn des reichen Iankel Krummholz in den rosigsten Farben zu malen. Während er so mit Benjamin sprach, trat Tante Mirl, die sich gewohnheitsmäßig auf ihrer pendelartigen Wanderung befand, ans der Küche ins Zimmer, und als sie den Namen Krummholz auffing, blieb sie stehen und murmelte etwas von einer „SchmalzgrNbe" und von „Silberschüsseln" und von „Reichtum und Ehre" — und wanderte wieder in die Küche zurück. Onkel Ehajim knüpfte darauf an ihre Worte an und meinte, die Partie sei derart „gesund", daß man gar nicht erst zu überlegen brauche. Als Onkel Ehajim gesprochen hatte, kniff er ein wenig die Augen zusammen und hielt sie unverwandt aus Benjamin gerichtet, als wollte er sagen: Nun, was meinst du dazu? — Benjamin biß die Lippen aufeinander und gab keine Antwort. Später äußerte er lediglich feiinie Bedenken, jetzt schon seinen Vater zu berufen. Vorläufig sei es ja nur eine Idee, sagte er, eine Idee des alten Menachem, und man wisse ja noch gar nicht, wie sich Iankel Krummholz zu der Sache stellen werde; es wäre daher sehr verfrüht, jetzt schon den Vater Herkommen zu lassen. Onkel Ehajim gab ihm recht und versprach, in diesem Sinne an den Vater zu schreiben. Im Laufe der Woche kam Menachem mehreremal und hatte mit Onkel Ehajim längere Besprechungen. Schließlich sagte er eines Tages den Besuch von Iankel Krummholz an. „Am nächsten Dienstag wird er kommen, am nächsten Dienstag,, so Gott will. Er bringt.auch Esriel Lamdan mit, der