Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229423--75098-3287586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 369 „Line Lettungstat." Von F. N e ß l e r - C o h n. ie Stunde der Erlösung hat endlich geschlagen!. Der langersehnte Friede ist Tatsache; die traurigen Begleitumstände des Friedens müssen wir mit in den Kauf nehmen — wir verdanken sie anderen.—, aber die Menschheit atmet auf - nicht mehr verheert der Kriegsmoloch die ganze kultivierte Welt. Millionen jugendlicher Männer, hunderttausende Familienväter, Ernährer, sind dahingerasft, viele Tausende tragen die Male des Krieges an ihrem Körper. Zerrüttet an Leib und Gemüt durch die ausgestandenen furchtbaren Erlebnisse, brachten sie durch ihr Heimkommen anstatt Freude tiefes Leid in ihre Familien. Die Kranken bilden eine schwere Last für ihre nächsten Ungehörigen. Wem sollen diese Gestrandeten angehören? Sie müssen einer Anstalt übergeben werden. Aber wohin? Die Krankenhäuser sind überfüllt, nehmen keine chronisch Leidenden auf, welche noch halbwegs sich selbst helfen können. Diesen Schwergeprüften zeigt sich nun ein Rettungsweg. Bisher mußte man derartig Kranke den allgemeinen Krankenanstalten überweisen; meist wurde die Aufnahme verweigert. Besonders in den Fällen, wenn die Angehörigen derselben nicht imstande sind, regelmäßig Zahlung zu leisten. Durch den kürzlich in allen jüdischen Blättern veröffentlichten Ausruf: „Wer Hilst?" soll den bedauernswerten Kranken dieser Kategorie ein Asyl gegründet werden. Werktätige Nächstenliebe nimmt sich der Ausgestoßenen liebevoll an, will für ihr Wohlergehen, so weit es tunlich, Sorge tragen, ihren Krankheitszustand zu mildern suchen. Welch ein edler und schöner Zweck! Dem Gründungskomitee gehören neben vielen Fachmännern, wie Aerzten, Verwaltungsbeamten von Krankenhäusern, Rabbiner, namhafte Industrielle, Zeitungsverleger, Juristen, Kaufleute usw. an. Die Zusammensetzung des Komitees bürgt dafür, daß hier ganze Arbeit geleistet, daß hier ein Heim erstehen wird, welches, als einziges dieser Art, in der Welt, wo Juden leben, viele Tränen trocknen, bedrängte Gemüter aufrichten und im Heilverfahren neue Wege einschlagen wird. Ich hatte jüngst auf meiner Sommerreise, welche sich üb-tr Südwestdeutschland ausdehnte, Gelegenheit, in Bad Dürrheim, dem höchstgelegenen Solbad Europas, eine jüdische Kinderheilstätte kennenzulernen. Dieselbe umfaßt ein größeres Terrain dicht am Walde, besitzt ein geräumiges Haus mit Garten, Terrasse (gedeckt) und bietet Raum zur Ausnahme von fünfundneunzig heilungsbedürstigen Kindern. Zur Zeit befanden sich nur 40 Kinder daselbst zur Kur. Es war im April, und der Frühling in diesem Jahre war besonders rauh. Sehr empfindlich war die Kälte bei 755 m über dem Meere. Jeden Morgen hatten.wir eine Winterlandschaft mit Rauhreis an den Bäumen und Sträuchern. Wenn dann die Sonne ausging, gab's ein Gefunkel von Milliarden diamantglitzernden Pünktchen — es war sehr schön! Um die Mittagszeit war die Herrlichkeit vorbei — grauer Schmutz lag auf allen Wegen, es stürmte oder regnete. Dann, mit einem Schlage trat herrliches Svmmerwetter ohne jeden Uebergang ein. Die wie Kohlenruß aussehende schwarze dürre Erde bedeckte sich mit einem Blumenteppich in leuchtenden Farben; das Gras, die Felder wuchsen so üppig empor, daß sie in einigen Tagen ein Wachslum zurücklegten, zu welchem die Vegetation bei uns in der Ebene mehrere Wochen braucht. Das Bich ging auf die Weide. Schweizerkühe von einer Schönheit, wie man sie hier selten zu sehen bekommt, und viele Schafherden weideten auf den Bergen und Wiesen. In Frankfurt a. M. besuchte ich das Minka-von-Goldschnndt-Rothschild-Stift und "-das Gumpertsche Siechenhaus. Beide Anstalten haben eine gemeinsame Verwaltung. Die Kranken haben es dort sehr gut; eine sehr schöne Synagoge sorgt für die religiösen Bedürfnisse der Insassen. Die Einrichtung beider Anstalten ist, den neuesten Anforderungen der Wissenschaft entsprechend, wohltuend, zweckmäßig. Auch ein Röntgenkabmett befindet sich daselbst. Die Anstalten unterstehen der Leitung des Herrn Hermann Seckbach und seiner Gattin, welche seit Jahren als Oberschwester darin fungiert. Neben anderen chronisch Leidenden befinden sich einige Nervenkranke ebenfalls darunter. Herr Seckbach hat es sich angelegen sein lassen, diesen seine besondere Sorgfalt zu widmen. In Wort und Schrift tritt er seit längerer Zeit dafür ein, daß Nerven- und Gemütskranke nicht allgemeinen Anstalten überwiesen werden, wo sich ihr Zustand, anstatt zu bessern, verschlimmert, sondern daß für solche jüdische Kranke eine besondere Anstalt errichtet werde, wo für ihre Bedürfnisse und religiösen Empfindungen besser Sorge getragen wird. Die Zusammensetzung des Komitees zur Einrichtung eines Heims für jüdische Nerven- und Gemütskranke bürgt dafür, daß das gesteckte Ziel in absehbarer Zeit erreicht und diesen Kranken endlich eine Wohnstätte nach bestem menschlichen Können eingerichtet wird. Aus der Tränensaat wird Heil entstehen! Bit ijiiöni nor fiOfl Jahren in der Mark Brandenburg. Von Alfred K n u t h (Schöneberg). ei den in der Kultur noch nicht weit vorgeschrittenen Völkern war es stets ein leidenschaftlich geübter Brauch, bei großen die Allgemeinheit berührenden Schicksalsschlägen nach einem Sündenbock zu suchen, und es lag im eigenen Lebensinteresse der die Geschicke dieser Nationen. leitenden Volksschichten, daß dieser Sündenbock recht schnell gefunden wurde, damit er als Ventil dienen konnte für die gärende, mehr oder minder lange ausgespeicherte Wut der breiten Massen. Verfolgt man die Geschichte des Judentums vom Mittelalter bis in die Gegenwart, so kann mau ohne allzu große Aufmerksamkeit seststellen, daß sich wie ein roter Faden durch all die Jahrhunderte die „Geschichte von dem Sündenbock der Völker" hindurch zieht. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit wurde dieser unglückliche Stamm der Semiten dem Rachebedürfnis der Völker überliefert, und noch heutigentags ist es in Rußland und Polen ein allzugern geübter Brauch, die Wut unbequemer Volksmassen sich in Judenpogromen austoben zu lassen. Manchmal indessen fand sich auch ein seinen Zeitgenossen gegenüber überraschend menschlich denkender und aufgeklärter Fürst, der mit starker Hand diesen Greueln ein Ende bereitete, und von einem solchen möchte ich hier einiges berichten. Als vor etwa 600 Jahren die Flutwelle der Pest, „der schwarze Tod", aus dem Orient über die deutschen Lande dahinrauschte und die Menschen in Scharen dieser gräßlichen Krankheit zum Opfer sielen, hatte man zuerst in Savoyen herausgeklügelt und durch Bekenntnisse auf der Folter herausgebracht, daß die Juden an der Krankheit schuld seien, indem sie die Brunnen vergiftet hätten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Kunde durch ganz Deutschland und entfesselte einen Orkan von Wut und Rache: es setzte eine der schrecklichsten Judenverfolgungen ein, die die Geschichte kennt. Zu Tausenden wurden die Israeliten in den Städten getötet, in den meisten Fällen durch Verbrennung bei lebendigem Leibe, und ein tausendfacher Jammer war damals über dem unglücklichen Volke ausgegossen.