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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-15 · Heft 33 (15.8.1919) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 33 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
Seite 368 (sequence 8)
Language
German
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368 aber durch diesen Vorgang so weit belehrt, daß sie sich bei den Wahlen zum Studentenparlament unter selbstiverständlicher Zurückstellung aller in ihrer Mitte vorhandenen religiösen und jüdisch-politischen Gegensätze zusammenschlossen, so daß sie drei Vertreter in das Parlament schlicken konnten. Auffällig war es nur, mit welch geringem Verständnis die in Marburg zahlreich vertretenen jüdischen Studentinnen dieser Wahl gegenüberstanden. Es muß überhaupt leider festgestellt werden, daß sich diese Damen in ihrer großen Mehrzähl um jüdische Dinge absolut nicht kümmern und statt dessen eine fast ans Sträfliche grenzende kindliche Gleichgültigkeit zeigen, die man versucht ist, als Mangel an Feingefühl zu deuten. Im Studentenparlament selbst fand sich nur ganz selten die Notwendigkeit, unfreundliche Anzapfungen zurückzuweisen. Dagegen hätten zwei große, von über 1000 Studenten besuchte Versammlungen, die zur Judenfrage Stellung nahmen, reichlich Gelegenheit geboten, antisemitische Anwürfe zu entkräften und zu bekämpfen. Die erste dieser Versammlungen war als Gegendemonstration gegen kleinere studentische Versammlungen gedacht und von mehreren demokratischen und sozialistischen, nicht jüdischen Studenten einberufen worden. Es muß betont werden, daß keine der in Marburg vertretenen jüdischen Verbindungen weder offiziell noch offiziös hinter den Einberufern dieser Versammlung stand und daß auch der jüdische Hauptredner des Abends, der über das Thema „Was will das Judentum im neuen Deutschland?" sprach, zu keiner dieser Verbindungen in direktem Verhältnis steht. Leider verfehlte diese Versammlung besonders durch die Ungeschicklichkeit des jüdischen Redners vollkommen ihren Zweck und erreichte gerade das Gegenteil von dem, was sich die Einberufer der Versammlung davon versprochen hatten. Infolge vorgerückter Stunde konnte leider kein jüdischer Redner mehr in der Diskussion zu Worte kommen. So war es nicht mehr möglich, in der Versammlung dem die Spitze abzubrechen, womit der jüdische Redner in Form und Inhalt weit über das Maß des Berechtigten hinausgegangen war. Es war dies um so bedauerlicher, weil damit der Eindruck erweckt werden konnte und auch erweckt wurde, daß die jüdische Studentenschaft, d. h. weit-ergehend die Judenschaft als solche, gleiche Anschauungen hege, während doch nicht genug betont werden kann, daß wir Juden uns im Kampf gegen den Antisemitismus vor nichts mehr zu hüten haben als vor jener Methode der Verallgemeinerung, mit der unsere Gegner uns zu vernichten suchen. Als ein Beispiel für solch antisemitische Verallgemeinerung mag angeführt werden, daß in dem Bericht, den die „Deutsche Zeitung" über diese Versammlung gab, höhnisch hervorgehoben wurde, daß die Juden zu dieser Versammlung in durchsichtiger Absicht äußerst zahlreich in Uniform und mit dem Eisernen Kreuz geschmückt erschienen seien. Aehnlich lautete allerdings auch der Bericht in Nr. 27 vom 4. Juli 1919 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Sollte dieser Bericht tatsächlich von einem jüdischen Studenten herrühren (Der Bericht war uns von nichtakademischer Seite zugegangen. D. Red.), so kann die jüdische Studentenschaft Marburgs gegen diese Geschmacklosigkeit nicht scharf genug protestieren, da sie noch heute wie immer es weit von sich! weist, Uniform und Eiserne Kreuze als Dokumente selbstverständlicher Pflichterfüllung zu Propagandazwecken herabzuwürdigen. Die direkte Folge dieser in jeder Weise mißglückten Akademikerversammlung war eine von der Studentengruppe des „Deutsch-Völkischen Bundes" einberufene Versammlung, in der Herr Prof. Werner (Butzbach) in zweistündiger Rede unter dem starken Beifall seiner Zuhörerschaft ein Gemisch von teilweise bestechenden, teilweise unglaublichen Verdächtigungen gegen das Judentum vorbrachte. Der Erfolg seiner Rede zeigte sich sofort in einer sehr großen Zahl von Beitrittserklärungen zum „Deutsch-Völkischen Bund". Da die Rede, ob mit oder ohne Absicht bleibe dahingestellt, so lange ausgedehnt war, daß eine Diskussion nicht mehr zustande kommen konnte, machte sich in der jüdischen Studentenschaft das lebhafte Bedürfnis geltend, einen Vortragsabend veranstaltet zu sehen, in dem in vollster Oeffentlichkeit den schmachvollen Anschuldigungen des antisemitischen Politikers entgegengetreten werden sollte. Sie wandte sich mit einem entsprechenden Vorschlag an die Marburger Jüdische Gemeinde, in dem sie ganz besonders hervorhob, daß mit einer solchen Veranstaltung sticht nur den jüdischen Studenten, sondern auch den Interessen des speziell angegriffenen deutschen Judentums zu dienen wäre. Die Jüdische Gemeinde als solche lehnte Liesen Vorschlag ab, gab ihn aber an den Vorstand der Marburger Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens weiter. Diese stand an sich diesem Plan sympatisch gegenüber, ließ ihn dann aber fallen, weil von dem Vorstand des Frankfurter Bezirksvereins es für untunlich erklärt wurde, daß der von den jüdischen Studenten in Vorschlag gebrachte Prominente jüdische Redner (ein bekannter Rabbiner, der oft und mit gutem Erfolg gegen den Antisemitismus gekämpft hatte) die Zurückweisung der antisemitischen Angriffe übernähme. Es wurde vielmehr von dort für taktisch richtiger erklärt, wenn ein nichtjüdischer Angehöriger einer bestimmten politischen Partei mit dieser Abwehr betraut würde. Obgleich es den Ansichten des größten Teils der Marburger jüdischen Studentenschaft widersprach, die Wahrnehmung lebendigster jüdischer Interessen durch einen nichtjüdischen Redner vornehmen zu lassen, und es ihr andererseits auch nicht genehm ist, sich durch Ueberweisung solcher Abwehrtätigkeit an Redner politischer Parteien mit diesen Parteien identifiziert zu sehen, so war sie doch bereit, im vorliegenden Falle ihre bessere Einsicht zum Opfer zu bringen, da ihr die Abhaltung einer solchen Versammlung für allernächste Zeit in bestimmte Aussicht gestellt war. Wäre eine solche Versammlung auch tatsächlich, wie versprochen, baldigst erfolgt, so hätte vielleicht noch die Möglichkeit bestanden, die durch den Wernerschen Vortrag verseuchte Atmosphäre in etwas zu entgiften. Leider aber wurde dies versäumt, und man dürfte nicht zu weit gehen, wenn man dieser Nachlässigkeit mit schuld daran gibt — und Aeußerungen von antisemitischer Seite scheinen das zu bestätigen —, daß der Antisemitismus der Marburger Studentenschaft erneut augenfällig praktisch in die Erscheinung treten konnte. Mit Ende dieses Semesters wurden auch aus der Vorklinikerschaft (d. h. der Vertretung der Medizinstudierenden, die das Physikum noch nicht abgelegt haben) die Juden ausgeschlossen. Es wirft ein erschreckendes Licht aus den Erfolg der systematischen Verhetzung und auf die gute Organisation der antisemitischen Elemente in der Studentenschaft, daß bei der entscheidenden Abstimmung unter etwa 150 nichtjüdischen Studenten nur ein einziger Nichtjude gegen den Ausschluß der Juden stimmte. Die jüdische Studentenschaft Marburgs ist entschlossen, gegegenüber all diesen Aeußerungen kurzsichtigen Hasses und verbissenen Konkurrenzneides den Kampf gegen den Antisemitismus in der Hochschulstadt fester als bisher in die eigene Hand zu nehmen, da sie voller Unmut hat erleben müssen, daß sie von berufener Seite die nötige Unterstützung nicht gefunden hat und ihr noch immer Steine statt Brot gegeben wurden. Wenn sie damit auch anderen die diesen zukommende Arbeit abnehmen sollte, so wird sie sich dem gern unterziehen, in der Hoffnung, daß es ihr gelingt, all die vielen wachzurütteln, die hier und im weiteren Umkreis nur ihrem selbstischen Wohlbehagen leben, die Ehre gering halten und nicht hören wollen, was bequemen Ohren unangenehm klingt.

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