Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 367 (sequence 7)
- Language
- German
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367 Um 3 Uhr mittags legten die Arbeiter der Diamantfabriken und der anderen Fabriken,, die am Sonntag arbeiten, die Arbeit nieder und versammelten sich vor dem Concert- Gebouw. Ein endloser Zug von Männern, Frauen und Kindern, der aus etwa 30—40 000 Menschen geschätzt wurde und an dem auch die christliche Bevölkerung Amsterdams den lebhaftesten Anteil nahm, bewegte sich durch die Straßen. Im Zuge wurden. Plakate und Banner getragen mit Aufschriften, wie „Gerechtigkeit für die Juden in Osteuropa", „Mit ihrem Mund sprechen sie Frieden, in ihrem Herzen lügen sie", „Das vergossene jüdische Blut schreit zum Himmel", „Die Abkömmlinge polnischer Juden protestieren gegen den Mord ihrer Brüder" usw. Am Daniel-Jonas-Meyer-Plein wurden nochmals Reden gehalten, wonach sich der Zug auslöste. Die gleichlautende Resolution aller Versammlungen wurde der französischen, englischen, amerikaschen, deutschen und japanischen Gesandtschaft im Haag übermittelt. Protösttelegramme mit dem Ersuchen um Hilfe wurden ferner abgeschickt an Wilson sowie die Ministerpräsidenten Nitti, Clemenceau und Lloyd George. Die Protestkundgebungen haben auf die Bevölkerung Amsterdams und Rotterdams einen überaus starken Eindruck gemacht, und fast alle Zeitungen haben Berichte über sie gebracht. Bei den Versammlungen wurden übrigens, wie schon durch W. T. B. gemeldet, über 70 000 Gulden zugunsten der Pogromopfer gesammelt. K. f. d. O. * Eine Einheitsfront gegen die Jndenprogome. Gründung eines „Bundes der Welbürger" in Holland. Ein internationales Vorgehen gegen die Judenpogrome im Osten Europas schlägt der Leiter der Deutschen Gesellschaft für staatsbürgerliche Erziehung (Berlin-Halensee) in einer Zuschrift an das Anti-Pogroni-Komitee in Amsterdam vor. Der Brief wird, u>ie das „Berliner Tageblatt" in der Äbendausgabe vom .11. d. M. mitteilte, tn dem „Algcmeeu Handelsblad" in Amsterdain veröffentlich. Es heißt darin unter anderem: „Daß Europa mit seiner Maori-Neger-Politik aus einem, sittlichen Tiefstand angelangt ist, der es immer neuen Katastrophen entgegensühron muß, wenn die geistige und sittliche Elite der-Welt sich nicht endlich machtvoll zufammenschließt, um eine geistige und sittliche Renaissance >der Menschheit herbeizusühren. An vielen Plätzen der Erde ist der Antisemitismus wieder mächtig aufgelodert, vielfach schwelt er, vorläufig noch unsichtbar, unter der Oberfläche. Genährt wird er dadurch!, daß immer wieder als Führer des Bolschewismus und der Anarchie Juden austreten. Keine menschlich schönere und kulturell bedeutsamere Aktion könnte das internationale Judentum unternehmen, als wenn es sich schnellstens der kleinen Elitegruppe holländischer Gelehrter anschließt, die im Begriff ist, einen „Bund der Weltbürger" zu gründen. Die Judengreuel in Polen sind keine konfessionelle Frage, sie sind ein Menschheitsprodlem! Und >alle sittlich empfindenden Menschen der Welt werden 'bereit sein, 'dem internationalen Judentum zu helfen, dieser entsetzlichen Schmach ein Ende zu 'breiten. Alle Religionen müssen dagegen protestieren, denn vor den letzten Forderungen des Sittengesetzes gibt es keine konfessionellen Unterschiede. Der „Bund der Weltbürger" will eine internationale Einheitsfront Herstellen ans allen geistig und sittlich hochstehenden Menschen der Welt, gleichgültig, welche Nationalität, welche Konfession und welchen Berus sie Haiden. Eine Einheitsfront gus allen Menschen, die es als ihre Lebensaufgabe betrachten, die Menschheit wieder aus dem Sumpf von Haß und Mißtrauen herauszusühren, in den sie geraten ist." Hic Rhodus hic salta. Von Dr. Phil. Jacob Jacobson, enn auch zu Kriegsbeginn sonst ganz klar denkende Männer glaubten hoffen zu können, daß wir Juden durch Erfüllung selbstverständlicher staatsbürgerlicher Pflichten, durch rückhaltlose Hingabe von Gut und Blut der antisemitischen Propaganda das Wasser abgraben würden, so mußte doch im Verlauf des Krieges jedem Einsichtigen klar werden, daß diese Hoffnung eine durchaus trügerische gewesen. Zum mindesten mußte die berüchtigte Judenzählung jedem, der bis dahin noch! nicht sehen gelernt hatte, die Augen öffnen, und ihm Gewißheit über die Stimmung verschaffen, von der immer weitere Kreise des deutschen Volkes gegen die Inden eingenommesi wurden. Und doch werden noch die am skeptischsten Denkenden, die sich über das Wesen des Antisemitismus keiner Täuschung hingegeben hatten, zunächst fassungslos dem mit Kriegsende ins Ungemessene angeschwollenen Judenhaß gegenübergestanden haben. Es mag daher erklärlich sein, daß zunächst die antisemitische Welle ungehemmt ins Land fluten konnte, ohne daß ihr von jüdischer Seite die zweckdienlichsten Dämme entgegengesetzt wurden. Mag so zunächst die systematische Bekämpfung des Antisemitismus versagt haben, so darf dieser Zustand doch unmöglich länger andauern, sondern muß durch erhöhte und zielbewußte Aktivität abgelöst werden. Es soll hier im folgenden keine Systematisierung und Argumentation des Kampfes gegen den Antisemitismus versucht, vielmehr nur an einem hervorstechenden Beispiel gezeigt werden, welche Hauptfehler vermieden werden müssen. Ich will hier von den Marburg er Verhältnissen berichten. In Marburg, das von jeher sich rühmte, die Hochburg des Antisemitismus zu sein, glaubte die Klinikerschast (d. h. die Vertretung der die Kliniken besuchenden Studierenden zur Währung ihrer wirtschaftlichen und beruflichen Interessen) das Kriegsende nicht rühmlicher als durch den Ausschluß sämtlicher jüdischer Kliniker begehen. zu können. Die daraufhin von jüdischer Seite durch den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an das Kultusministerium gerichtete Beschwerde wurde abschlägig beschioden. Die jüdischen Studenten nahmen diese Ausschließung einfach hin, wurden 15 c.P; Rabbiner Prof. Dr. Giegmund Maybaum geb. 27. April 1844 zu Miskolcz (Ungarn', gest. 31. Juli 1919 zu Berlin.