Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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366 „Meistens haben die Pogrome in jeder Stadt fünf bis sieben Tage gedauert, .eine unbeschreibliche Panik hat sich der ganzen jüdischen Bevölkerung der Ukraine bemächtigt." So weit der Bericht der „Humanite". Hierzu wird der „Frankfurter Zeitung" aus Berlin unter -dom 30. Juli geschrieben: „Mit Bezug auf die Meldung über Judenmetzeleien in der Ukraine legen wir großen Wert daraus festzustellen, daß die Verantwortung für diese schrecklichen Ausschreitungen keineswegs die ukrainische Nationalregierung und die nationalen ukrainischen Kreise trifft. Die Ortsnamen beweisen, daß es sich um Gebiete handelt, die von dem früheren Bolschewistenanführer Grigoriew oder wie Jekaterinoslaw von der russischen Freiwilligenarmee Tenikins besetzt sind. Die ukrainische Nationalregierung des Direktoriums ist seit Anfang bestrebt, Ausschreitungen gegen alle nationalen Minderheiten mit allen- Mitteln zu verhindern. Sie hat den Juden völlige nationale Autonomie gewährt. Im ukrainischen Kabinett haben die Juden ihre Vertreter. In der ukrainischen Pariser Delegation sind die Juden durch zwei Delegierte, Mar-golin und Sarche, vertreten. In Ostgalizien erfreuten sich die Juden während der ukrainischen Herrschaft völliger Gleichberechtigung und weitgehender nationaler Selbständigkeit. Die ukrainische Regierung legt den allergrößten Wert darauß das Vertrauen und die Mitarbeit der jüdischen Bevölkerung bei dem staatlichen und wirtschaftlichen Aufbauder Ukraine zu gewinnen. Ukrainischer Pressedienst. Gez. Dr. Lewitzki." i * Erschütternde Nachrichten kommen aus Lettland-. Die allmähliche Zurückziehung der reichsdeutschen Truppen hat den an ihre Stelle getretenen lettischen Soldaten der Regierung Ulmanis endlich die Gelegenheit gegeben, ihre militärische Tüchtigkeit in Judenpogromen zu erweisen. In den letzten Tagen ist es in Friedrichsstadt zu Ermordungen und Verletzungen' jüdischer Einwohner, insbesondere aber zu einer großen Anzahl von Notzuchtverbrechen und Räubereien gekommen. Da die Regierung Ulmanis in den letzten Wochen vor ihrem Sturz im April wiederholt in' amtlichen Proklamationen, die sie im ganzen Lande anschlagen ließ, zu Jüdenhetzen ausgefordert hat, so wird es ihr nicht gelingen können,, -die Verantwortung für diese Vorfälle von sich abzuwälzen. Die Ereignisse in Friedrichsstadt sind so ungeheuerlich, daß selbst der Lettische Volksrat sich veranlaßt gesehen hat, eine Untersuchungskommission mit der Ermittelung über die Vorfälle zu betrauen. * Maffenprotestkundgebimgen in Holland gegen die Pogrome in Polen. Holländische Zeitungen, u. a. „Nieuwe Rotterdamsche Courant", veröffentlichen folgenden Protest gegen die Pogrome in Polen, der von folgenden Herren unterzeichnet ist: S.v.d. B e r g h, Pros. Dr. Bavinck, Dr. L. L. van Beresteyn, Pros. Dr. L. E. I. Br o uw er, H. P. Berlage, Dr. F r e d e r i k van E e d e n, D. Fock, Pros. Mr. Dr. A. van Gijn, Prof. Dr. W. Hamburger, Mr. van Jdsinga, H. H. Kann, H. van Kol, Pros. Dr. I. G. Kapt e y n, Oberräbbirrer A. van L o e n, Prof. Dr. H. A. L o - r en tz, Pros. Mr. I. Oppenheim, Oberrabbiner A. S. Onderwijzer, Prof. Dr. L. S. Ornstein, Henri Polak, Dr. W. Roohaards, Js. Ouerido, Mr. L. E. V i s s e r: Mit Entrüstung haben wir Unterzeichneten, Bürger der freien Niederlande, Kenntnis genommen von der Art und Weise, wie in dein kürzlich befreiten Polen die Juden behandelt werden. Als Bürger eines Landes, das seit Jahrhunderten seine teuer erworbene Freiheit als sein kostbarstes Gut betrachtet, sein höchstes Recht und seine höchste Pflicht, als Bürger eines Landes, wo die Juden zu allen Zeiten in Freiheit gelebt haben und wo die Mitwirkung der jüdischen Bürger an Wohlfahrt und Fortschritt allzeit mit Freude -und Genugtuung begrüßt worden ist, als Bürger der Niederlande haben wir vor allen in der Reihe der Kulturvölker das Recht, lauten Protest zu erheben gegen die greulichen Pogrome, denen die Juden in Polen ausgesetzt sind. Nicht nur als nieder-ländische Bürger: als Menschen protestieren wir gegen die Schändung der einfachsten Menschenrechte, die gegen die Juden Polens getrieben wird. Menschen, auch polnische Juden, haben ein Recht daraus, wenn sie ruhige Bürger sind, in Ruhe zu leben, nicht aber in fortlaufender Bedrohung mit Totschlag oder Plünderung ihrer armseligen- Habe. Menschen, auch. polnische Juden, haben -das Recht, wenn sie angeschuldigt werden, auf Verteidigung und gehöriges Rechtsversahren; wenn fte angefallen werden, auf Schirm durch die Obrigkeit. Wir wissen sicher, trotz der unwahren Widersprüche von polnischer Seite, daß den polnischen Juden keinerlei -Schutz durch ihre Obrigkeit geworden ist. Aus der polnischen Regierung lastet diese erste Pflicht. Erfüllt sie sie nicht, bleibt sie tatenlos bei Pogromen und Plünderungen, so ist sie verantwortlich für die Schandtaten, die unter ihren Auspizien betrieben werden. Die Freiheit Polens ist in Niederland, wo man die Freiheit ehrt, mit Freude begrüßt worden. Wenn aber dies, die Art und Weise ist, wie das polnische Volt seine Freiheit gebraucht, wenn Bedrängung und Verfolgung der Mitbürger anderer Raffe und anderen- Glaubens die Weise ist, wie das polnische Volk seine Selbstverwaltung auffaßt, so müssen wir warnen vor der Anerkennung. Polens a>l?s eines freien Volkes- und ankämpsen geg-en die Gleichstellung im Völkerbund mit -anderen freien Völkern-, aus die Polen Anspruch macht. Ein Volk, das aus Glaubens- oder Rassehaß unschuldige Bürger bedrückt und mit Füßen tritt, ist des Namens eines, fr-eien Volkes -nicht würdig." Ueber die Kundgebungen in Rotterdam und Amsterdam erfahren «wir noch folgendes: In Rotterdam hat im Tivoli am 24. Juli eine Kundgebung stattgefunden, in der Herr Dr. F r i e d e m a n n referierte. Die Rede wurde mit großem Beifall und mit Ergriffenheit .ausgenommen und ist -ausführlich im „Nieuwe Rotterdamsche Courant" abgedruckt. Am Sonntag, den 27. Juli, versammelten sich in Amsterdam Delegierte aller jüdischen Gemeinden Hollands, die holländischen Rabbiner, Vertreter der „Alliance Jsraelite Universelle", des „Nederlandschen Zionistenbondes", der „Jewish Territorial Organisation" und der Zentralorganisation der niederländischen Inden. Schwarz umränderte Plakate, die überall in der Stadt angeschlagen waren, forderten zur Teilnahme an der Kundgebung auf. In 40 Synagogen fanden um 1 Uhr mittags Trauergottesdienste statt, und gleichzeitig wurden in allen christlichen Kirchen Amsterdams Gebete für die Toten abgehalten. Sodann wurde ein großes Meeting im größten Saale Amsterdams, dem des Coneert-Gebouws, abgehalten. Dort -sprachen die Oberrabbiner Onderwijzer und van P a l a ch e, der Rektor des Seminars zu Amsterdam, Waagenaar, Vertreter der Organisationen und der Abgeordnete der Ersten Kammer Men des, die sich alle mit außerordentlich scharfen Worten gegen die Polen wandten. Desgleichen fand eine zweite Riesenversammlung vieler Taufender unter freiem Himmel statt, wobei folgende Resolutionangenommen wurde: „Die Versammlungen sprechen ihre Entrüstung, und ihren Abscheu aus über die Mißhandlungen, Beraubung und Unterdrückung, von der die Juden -in Osteuropa und besonders in Polen, Ukraine und Rumänien betroffen werden; sie erblicken im Friedensvertrag eine Bürgschaft für di.e religiöse und politische Freiheit und die nationalen Rechte der Juden in Osteuropa, und sie sprechen als ihre Erwartung aus, daß- -der Völkerbund in strenger Auslegung der Bestimmungen des Friedensvertrages die Rechte -der Juden handhaben und -mit -allen ihm zu Dienste stehenden Mittelnden Ausschreitungen in Osteuropa -ein Ende machen wird."