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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-15 · Heft 33 (15.8.1919) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 33 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
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365 Erdichtung ist. Bela Kun ist der Sohn eines Dorfnotars in Siebenbürgen; Tibor Szamuelh war Mitarbeiter christlichsozialer und klerikaler Blätter undwar daher wenigstens den Antisemiten in seiner Gesinnung und seinen Gefühlen näher als den Juden. # Der „Jüdische Volksrat Posen" wendet sich an die Juden der Provinz Posen mit folgendem Aufruf: Indern Der Frieden ist geschlossen; er hat über das Schicksal der Provinz Posen zugunsten der neuerstandenen Republik Polen entschieden. Viele Tausende von Juden, die lei-t Jahrhunderten im Lande ansässig sind und hier ihre liebgewordene Heimat gesunden haben, sind nunmehr polnische Staatsbürger geworden. Wir Juden haben in Europa kein eigenes Land; wir erstreben hier teine Herrschaft. Unser Schicksal ist es, seit Jahrtausenden in Ländern zu wohnen, die von Völkern anderen Stammes beherrscht werden. Ueberall aber hat das jüdische Volk, seinen Religionsgesetzen und seiner tausendjährigen Tradition folgend, seine Anhänger zur loyalen und treuen Befolgung der Staatsgesetze, zur Förderung des Staatswohles aufgefordert. Auch wir haben seit dem ersten Tage unserer Tätigkeit erklärt, daß wir nur den Spruch der Friedenskonferenz für maßgebend erachten und dem Lande treue Bürger sein werden, in das uns dieser Spruch bringt. Hier wie überall werden nur diese Losung, befolgen und, getreu der alten Satzung unseres Volkes, an dem Wöhle des Staates Mitarbeiten, in dessen Mitte wir leben. Wir bilden in Polen mehr als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. 3n weiten Gebieten des jetzigen Polen war unter russischer Herrschaft die freie Betätigung der Juden durch drückende Gesetze und böswillige Verlvaltungsmaßnahmen unterbunden. Wir begrüßen es daher für unsere Volksgenossen, namentlich für die jüdischen Massen in Kongreß- Polen und Galizien, mit inniger Freude, daß uns Juden durch internationale Verträge die Rechte einer nationalen Minderheit gewährt sind. Damit ist unsere wichtigste Hoffnung erfüllt. Wir sind der Ueberzeugung, daß die verbündeten Regierungen unter. Zustimmung von Polen das Selbstbestimmungsrecht der religiös-nationalen Minoritäten in weiser staatsmännischer Erkenntnis gerade deshalb in die Friedensürkunden ausgenommen haben, weil nur durch diefi Rechte einem Staate mit gemischt-nationaler Bevölkerung die ruhige, ungehemmte, friedliche innere Entwicklung gewährleistet werden kann. Der neue Rechtszustand wird es allen Juden ermöglichen, ihre religiös-nytionalen, insbesondere ihre kulturellen Interessen selbst zu pflegen, ihre Persönlichkeit und Menschenwürde dadurch zu steigern und so allesamt wertvolle, produktive Glieder des Staates zu werden. Die Verheißungen, die der Friedensvertrag uns gewährt, sind von der Naczelna Rada Ludowa uns gegenüber schon in der mehrfach hier erwähnten Kundgebung vom 13. Dezember 1918 ausgesprochen und allgemein in der Kundgebung der Naczelna Rada Ludowa vom 30. Juni 1919 bekräftigt worden. Wenn diese Verheißungen zur vollen Wahrheit im- Leben werden, dann wird die Republik Polen selbst den größten Nutzen haben. Ueberall dort — das hat namentlich der Weltkrieg und sein Ausgang gelehrt —, wo Juden sich wirtschaftlich und kulturell frei entwickeln, haben sie in hohem Maße zu den aufbauenden Kräften des Landes gehört und sind ihm zum Segen geworden. - - Wir wollen keinen Staat im Staate bilden. Unser Gemeinsam, der sich so oft bewährt hat, gilt dem Staate, in dem wir leben. Posen, Juli 1919. Jüdischer Volksrat Posen. O Eine englische Kommission nach Polen. Das Jüdische Preßbureau in Stockholm berichtet: Der Unterstaatssekretär Greenwood erklärte im englischen Parlament, daß die Regierung die Absendung eines oder zweier Kommissäre nach Polen beschlossen hat, die die Anklagen bezüglich der Pogrome untersuchen sollen. Der Name der Delegierten wird in den nächsten Tagen bekanntgegeben. Sie werden im engen Einvernehmen mit der amerikanischen Kommission, die jetzt in Warschau weilt, arbeiten. Da die Msendung dieser Kommission definitiv beschlossen ist, betrachtet die Regierung vorläufig jede weitere Aeußerung bezüglich der jüdischen Lage in Polen für unerwünscht. Die Aufgaben dev Morgenthau-Komimisfion. Mr. Mergenthau, der jetzt in Warschau die amerikanische Kommission leitet, hat einem Korrespondenten der „Times" erklärt, daß die Kommission sich nicht das Ziel gesetzt hat, ein Urteil abzugeben, sondern Mittel zu finden, -eine Verständigung Zwischen Juden und Polen anzubahnen. Die Kommission konstatiert, daß die jüdischen Führer sich als versöhnlich und zuverlässig gezeigt haben. Die Kommission beabsichtigt, auch Lodz, Wi-lna, Grodno und Lemberg zu besuchen. Polnische Moral. Der Krakauer „Ezas" veröffentlicht ein Programm von Maßnahmen, die zum Schutze der polnischen Minderheiten in Ostgalizien getroffen werden sollen. Hiernach soll der Landtag in zwei nationale Kurien — polnische undukrainische — eingeteilt werden, die ein eigenes Budget besitzen und für Kultur und Wohlfahrt ihrer Volksgenossen selbständig sorgen. Verordnungen über gemeinsame Angelegenheiten soll das Plenum beschließen. Für Verordnungen, die das gegenseitige Verhältnis der Nationalitäten ändern, ist die Zustimmung der, nationalen Kurien erforderlich. Es ist charakteristisch, daß die polnische Presse dieselben! Forderungen am schärfsten bekämpft, sobald sie für die jüdische Minderheit aufgestellt werden. Greuel in den polnischen Konzentrationslagern. Der Abgeordnete des polnischen Parlaments Farbstein berichtet haarsträubende Dinge über das Gefangenlager in Storzalkow, welches er unlängst besucht hat. In diesem Lager sind einige Tausend unschuldige Leute (Juden und Nichtjuden), die aus Galizien deportiert wurden, ohne zu wissen, weshalb sie verhaftet sind. Das Aussehen der Gefangenen ist schrecklich, sie sind halbnackt, bekleidet mit schmutziger Wäsche oder ganz ohne solche, barfuß, ausgehungert. Im Spital sind 800 Schwerkranke, darunter 200 mit Flecktyphus, die fast keine Hilfe bekommen. Die Kranken liegen dicht nebeneinander, ohne Betten, auf Strohsäcken. — Die Gefangenen werden bei jeder Gelegenheit mit eisernen Ruten geschlagen. Manche sind' ohne Grund erschossen worden. Der Kommandant des Lagers, Leutnant Malinowski, hat dem Deputierten gegenüber gar nicht versucht, diese Greuel abzuleugnen. Er hält sie für zweckmäßig. Ms der Deputierte vor der Abreise den Kommandanten ersuchte, die Ges'angenen, die ihm gegenüber Aussagen gemacht haben, nicht zu bestrafen, erklärte der Kommandant zynisch daß er solche Zusage nicht geben könne. * Judenpogrome in der Ukraine. Die Pariser „HumamtS" vom 24. IM veröffentlicht wahrhaft erschütternde Berichte über Hinmetzelungen und Mißhandlungen, von Juden in der Ukraine, über die Zerstörung ihres Eigentums und über die rohesten antisemitischen Gewalttätigkeiten. Die Zeitung schreibt a. a. folgendes: „Alle Dementis, welche über Judenmpssakers in der Ukraine veröffentlicht worden sind, sind vollkommene Lügennachrichten. Eine vertrauenswürdige Persom welche soeben ans Rumänien und Beßarabien .zurückgekommen ist, hak dem jüdischen Konritee bei den Friedens- Verhandlungen Berichte übermittelt, welche nicht in Zweifel gezogen werden können. * Hiernach sind in den letzten sechs Monaten Zehntausende von Juden getötet und Hunderttausende beraubt, geschlagen und mißhandelt worden. Die Tage der furchtbarsten mittelalterlichen Inquisition sind wieder 'auferstanden, denn die Massakers sind von den grausamsten Torturen und von den entsetzlichsten physischen und moralischen Quälereien begleitet. Die Pogrome dauern noch jetzt an und bedrohen die dortigen Inden mit vollständiger Vernichtung." Der Bericht veröffentlicht dann die Namen einiger ukrainischer Städte, zugleich mit den Angaben über die furchtbarsten Untaten, die sich in ihnen ereignet haben. Schließlich schreibt das Blatt:

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