Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
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364 „Wohin -man sieht, ist nur Unglaube und Verführung. Judenbuben wollen sie in die Schule als Lehrer der christlichen Jugend stellen. Zu was wird das führen? Statt dem von Gott eingesetzten Herrscher zu folgen, folgen die Menschen jetzt den dahergelaufenen Judenbuben. Was hat denn die Revolution seit November gezeitigt und welchen Zweck hat sie? Es ist gar nichts erreicht worden, nur Unglück und Elend ist gekommen. Hat schon einmal ein Ungläubiger für seine Ueberzeugung den Tod erlitten? Noch nie. Dagegen erinnere ich an unsere heiligen Märtyrer. Hütet euch; der Wolf in Schafskleidern geht uni. Es ist alles nur Selbstsucht, alle sind nur auf das Geld aus. Die Judenbuben wollten an die Regierung kommen, um sich Geld zu erobern." Diese nicht gerade im Sinne des Evangeliums gehaltene Rede mißfiel den Kirchenbesuchern und es entstand unter den anwesenden Männern widerspruchsvolles Genmrmel. Da das den Geistlichen störte, rief er: „Wem cs nicht Paßt, der soll die Kirche verlassen." — * Aus Detmold wird uns geschrieben: Die An st e ll u n g e i n es Le h r er s j üd is che n Glaubens an der hiesigen Knabenbürgerschule.beschäftigte den Lippischen Landtag in seiner .letzten Sitzung. Bon antisemitisch-alldeutscher Seite war gegen die Berufung des jüdischen Predigers R ü l s als Lehrkraft eine Eingabe gemacht worden, in der die Anstellung eines Nichtchristen als Gewissensbeschwerung für die Eltern christlicher Schüler dargestellt wurde. Abgeordneter Brau n s beantragte namens des Ausschusses, über die Eingabe zur Tagesordnung überzugehen, da es heute kein Einsichtiger bestreiten könne, daß ein jüdischer Lehrer ein ebenso guter Jugenderzieher wie ein christlicher Lehrer sein könne. Einem antisemitischen Redner erwiderte der Abgeordnete S t a e r ck e, daß die Berufung der jüdischen Lehrkraft nicht durch die Schulgemeinden, sondern die staatlichen Behörden erfolgt ist. Es handle sich auch nicht uni eine evangelische, sondern um eine staatliche Schule. In dieser Zeit dürfe es keine konfessionellen Zurücksetzungen geben. Der Lehrer R ü l f erfreut sich bei Kollegen und Schülern größter Beliebtheit. Der Jude ist kein Staatsbürger zweiter Klasse mehr, er hat seine Pflichten gegen das Vaterland erfüllt und fordert seine Rechte. Pastor W e y s s e l bedauert die Anstellung eines jüdischen Lehrers an einer evangelischen Schule im Interesse des konfessionellen Friedens. Er sei kein- Antisemit, müsse aber für christliche Kinder eine christliche Erziehung fordern. Drake, Mitglied des Landespräsidiums, erklärt, daß sich die Staatsverwaltung niemals von der Rücksicht auf den Beifall einer Partei, sondern von Gerecht tigkeit leiten lassen werde. Der Lehrerverein in Lippe habe auch gegen die Anstellung Rülfs protestiert, aber nur, um zu verhüten, daß die i s r a e l i t i s ch e Gemeinde in Detmold diese Gelegenheit benutzen würde, sich einen unbezahlten Kultusbeamten zu halten. Es sei merkwürdig, daß von den Unterzeichnern der gegen den jüdischen Lehrer gerichteten Petition kaum einer sein Kind in eine Volksschule schicke. Nachdem Abgeordneter Staercke noch einmal betont hatte, daß weder religiöse noch schultechnische Bedenken sich aus der Tätigkeit des Herrn Rülf ergeben, und hervorhob, daß unter der Zahl der gefallenen Soldaten aus Lippe gleichmäßig viel Juden wie Christen und daß unter den Juden viele Freiwillige waren (Zwischenruf: Mehr wie unter den lippischen Antisemiten!), wurde über die Petition zur Tagesordnung übergegangen. * Die Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B. wendet sich an die deutschen Logen des 8. Distrikts mit folgendem zeitgemäßen Aufruf: Der furchtbare Krieg ist 'beendet. Ein demütigender, niederdrückender Friede ist unserem Vaterland auserlegt worden. Da uns die Hände gebunden sind, mußten wir uns dem Machtgebot der Feinde beugen. Vom Humanitätsgedanken unseres weltumspannenden Ordens aus empfinden wir Bne Brith den „Frieden" um so schmerzlicher, als er die Anbahnung einer Versöhnung und Verbrüderung der Menschheit in weite Ferne gerückt hat. Auch unserem deutschen Ordensdistrikt nimmt dieser Frieden viel. Zwei unserer westlichen Logen haben wir verloren, und weitere Verluste im Osten stehen uns bevor. Wir wenden unsere Gedanken in Liebe und Wehmut den Brüdern und den Logen zu, die gegen ihren Willen von Deutschland losgerissen werden. Wie wir sicher sind, daß sie ihre Ordenstzugehörigkeit nicht vergessen und uns ihre brüderliche Gesinnung treu bewahren werden, so geloben wir ihnen, die Treue zu halten und in brüderlicher Gesinnung zu ihnen zu stehen, wie immer die Zukunft sich gestatten mag. Das gemeinsame Band-, das ein Menschheitsinteresse gewoben hat, wird eine unzerreißbare Kette bilden. Der Krieg hat einen Trümmerhaufen geschaffen, in dem unendlich viel wirtschaftliche und moralische Werte begraben sind. Aus der Trübsal der Gegenwart führt uns nur eins empor: S e l b st a u f r i ch t u n g und Arbeit. Es gilt, alle Kräfte an den Wiederaufbau der Heimat, alle Energie an die Wiedergesundung unseres aus tausend Wunden blutenden Vaterlandes zu setzen. Deutschland, dessen Fleiß, Wissenschaft, Industrie und Kunst die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zog, kann nur dann wieder groß werden, nur dann den ihm gebührenden Platz im Rate der Völker wiedergewinnen, wenn alle Glieder des Volkes von dem unerschütterlichen Willen zur Selbstbehauptung durchdrungen sind. Die deutschen Juden und die deutschen Logen unseres Ordens werden sich in Reih und Glied stellen, um an dem Wiederaufbau Deutschlands werktätig mitzuarbeiten. In der Not des Vaterlandes sind es die „reinsten Grundsätze des Patriotismus", die unser Orden seinen Mitgliedern erneut einprägen will. Es sollen die Tugenden zur Bewährung gelangen, zu denen der Orden seit jeher erziehen will: Selbstlosigkeit, Opferfreudigkeit, Gemeinsinn. Durch Selbstaufrichtung und Arbeit werden die Sinkenden die Siegenden werden. Die M e n s ch h e i t s g e d a n k e n, die der Krieg umflort hatte, fanden in unserem Orden auch während der unseligen Kriegszeit eine ununterbrochene Pflegestätte. In Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht wollen wir mit jenem Optimismus und jener Willenskraft, die unsere Gemeinschaft durch alle Fährnisse erhalten hat, an die Arbeit gehen im neuen Deutschland für ein neues Deutschland. Berlin, Juli 1919. Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B. T i m e n d o r f e r. G o l d s ch m i d t. * Die ungarische Räteregierung ist endlich gestürzt und hat ihr unglückliches Vaterland 'verlassen. Damit hat eine tieftraurige Narreniposse das verdiente Ende gefunden. Es ist mit besonderer Genugtuung zu verzeichnen, daß es dabei zu keinem Blutvergießen kam und daß der Wog der Verhandlungen zur Lösung der ungarischen Frage genügte. Damit haben die Dolksboaustragten, die eine wahnsinnige Idee mit wahnsinnigen Mitteln verfolgten, wenigstens einen vernünftigen Abgang gefunden und mögen nun in Ruhe und Verborgenheit über die wirklichen Gesetze der menschlichen Gesellschaft Nachdenken. Wir stellen nun an dieser Stelle fest, daß die überwältigende Mehrheit der Juden gegen den neuartigen Kommunismus und seine Sowjets stets ausgetreten ist und zu seinen leidenschaftlichsten Feinden gehört. Es ist auch, wie Dr. Blochs „Wochenschrift" mit Recht bemerkt, gar nicht anders möglich, da die schwache Judenschaft seit jeher auf Ruhe, Ordnung und Gesetzlichkeit angewiesen fei. Man möge daher endlich aushöven, den Kommunismus den Juden in ihrer Gesamtheit in die Schuhe zu schieben. Es sind bloß einige von ihnen durch ihr Temperament und ihre Rednergabe zur Führung einer großen Bewegung gekommen, welche die ganze Welt erfaßt hat und darauf ausgeht, die krassen Ungerechtigkeiten dieses Krieges, des „Krieges der Christlichsozialen und Agrarier", auszugleichen. Wenn das aber geschehen soll, und aus jeden Fall auf gesetzlichem Wege geschehen soll, so mögen es alle anderen durchführen, nur nicht die Juden. Denn es ist eine alte Geschichte, daß die Teilnahme der Juden in der Leitung jeder Bewegung diese wegen des rasch erwachenden Antisemitismus nur behindert. Deswegen sind, wir froh, daß die Räteregierung verschwunden ist, und wünschen dasselbe von Rußland. Feststellen möchten wir auch noch, daß das Judentum des am schwersten bemakelten Szamuely, der sich erschossen hat, und des leider in Deutsch-Oesterreich zu „Gaste" weilenden Bela Kun eine