Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 363 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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363 »Wenn Sie mir eine sofortige Pekuniäre Hilfe von etwa fünftausend Mark, wenn möglich schon heute, spätestens aber morgen, Mittwoch, den 12. d. M., zuteril werden lassen, so verpflichte ich mich, mit allen meinen Kräften', und gestützt auf meinen ungeheuren Einfluß auf die g.H-sa,mt>e Bewegung in ganz D e u t s ch l a n d u n d über s e i n e G r e n z en hinaus, gegen die gehässigen und fanatischen Strömungen zu arbeiten, u m Pogro me irn d Gew a'lt tä ti gk ei t en zu verhindern mW nur eine nationale Richtung zu verfolgen, damit auf dieser Basis Deutschland es möglich gemacht werde, in den Völkerbund eint re t e n zu k ö n n e n. Da ich kein Fanatiker bin und Gehässigkeiten sowie Pogrome vermeiden will, hat man mich beiseitezudrücken versucht; daher bitte ich Sie, da ich für diesen dringenden Zweck aller Geldmittel beraubt bin, mir umgehend solche zur Verfügung zu stellen; gern gebe ich Ihnen mein Ehrenwort und die eidliche Versicherung, in diesem Sinne zu arbeiten. Gern will ich Ihnen beweiskräftige Flugblätter und auch Broschüren ausarbeiten auf Grund der Kenntnis des Talmud und genauen Ltudiums des Alten Testaments. Auch die Kabbala kenne ich zur Genüge, um sie zur Beweisführung heranzuziehen." Es braucht wohl nicht -erst besonders betont zu werden, daß der.genannte Verein diesem Talmud- und Kabbalakenner Glicht die verlangten 5000 Mark gezahlt und ihm -überhaupt nicht geantwortet hat, sogar auf die Gefahr hin, daß dem Verein der Vorwurf gemacht werden könnte, -er sei schuld, daß es Deutschland unmöglich gemacht werde, in den Völkerbund einzutreten. Und einem solchen Manne ist die Leitung des politischen .Aufklärungsdienstes bei einem großen Teile der Brigade Lettow-Vorbeck übertragen worden! Wie uns mitgeteilt wird, hat es Herr Knauer in ausgezeichneter Weise verstanden, sich auf den Märtyrer der Aera Eichhorn in Berlin auszuspielen. Die Tatsache, daß er in seiner Eigenschaft als Hauptgeschäftssührer des antisemitischen „Deutschen Bolksbundes" in Berlin-Schöneberg wegen der Verbreitung der erwähnten judenhetzerischen und zum Pogrom aufreizenden Flugblätter verhaftet und elf Tage in Hast gehalten worden war, schmückte er in der Folge dahin aus, daß der d a m a l i g e Berliner Polizeipräsident Eichhorn ihn zum T o d e v e r u r t e i l t habe, daß er aber durch eine kühne List feine Flucht habe bewerkstelligen können. Wenn es aber möglich gewesen ist, daß eine Persönlichkeit von der Art des Herrn Knauer in den erwähnten Posten bei der Brigade Lettow-Vorbeck eingesetzt werden konnte, so darf man sich nicht wundern, daß aus den Kreisen dev Deutschen Reichswehr allerhand ähnliche erbauliche Dinge berichtet loerden, die sich auf dem Gebiete der antisemitischen Propaganda und der Pogromhetze bewegen. Sehr bezeichnend ist es auch, daß es erst des direkten Eingreifens des R-eichswehrnnnisters Noske bedurft hat, um diesen Mann aus seiner Stellung zu entfernen. Seine militärischen Vorgesetzten haben doch sicherlich von der wüsten antisemitischen Hetzpropaganda, die er in seiner dienstlichen Eigenschaft betrieb, Kenntnis erhalten, sie haben ihn aber offenbar ruhig gewähren lassen. Vielleicht bemüht sich aber der Herr Reichswehrminister Noske noch darum, festzustellen, werden JosePhKnauer in seine Stellung bei der Brigade Lettow- Vorbeck gebracht hat. Der betreffende höhere Offizier hat doch, ehe er dem Manne das betreffende Amt übertrug, sich vorher über dessen Politisches Glaubensbekenntnis informiert. Sollte er ihn, abgesehen davon, daß Knauer sich als ein angeblich von Eichhorn zum Tode Verurteilter interessant zu machen wußte, etwa deswegen bevorzugt haben, weil er wußte, daß er Antisemit ist und sich vorher schon in der ausgiebigsten Weise als antisemitischer Hetzapo'stel betätigt hatte? * Juden, Fveimarrrer und Sozialdemokraten. Ein Kapitel znr Bolksverdnmmnng. Bor uns, so lesen wir im „Vorwärts" vom 5. d. M., liegt eine der ungezählten Schriften, wie sie jetzt in Massen im deutschen Volk verbreitet werden, auf die näher einzugehen sich nicht lohnen würde, wenn man nicht in jeder Zeile sich herzlich über die ungeheure Borniertheit der Antisemiten freuen könnte. Es sind drei Aufsätze, die von der „Vergiftung des deutschen Volkes" handeln und in denen ein Herr Dr. Hoffmann sich redlich bemüht, die Gesinnung des deutschen Volkes zu vergiften. Wie wenig muß doch der Verfasser dem „Volk der Dichter und Denker" an Denkfähigkeit Zutrauen, wenn er es wagt, ihm -einen derartigen unlogischen Blödsinn vorzulegen. Wird auf der einen Seite behauptet, daß die Juden nach der Weltherrschaft streben und diese mittels ihres — natürlich immer gefüllten — Geldsackes zu erreichen suchen, so wird aus der folgenden Seite dem geduldigen Leser bewiesen, daß der Jude von Natur Bolschewist sei. Erheiternd wirkt ein Wort des Verfassers, in dem er sich als echten, rechten Spießbürger und. Bierbankphilister enthüllt: „Zu Pfingsten leben wir alle nicht mehr," sagte kürzlich ein politisch gut unterrichteter Herr und deutete aus die Tafelrunde eines größeren Biertisches. Man muß ihm recht geben." Nun, Pfingstenist vorüber, und wir alle leben noch; hoffentlich ist auch Herr Dr. Hoffmann noch nicht von -einem jüdischen Bolschewisten aufgefressen worden. Daß die Juden die Front zermürbt und damit die Niederlage Deuffchlands herbeigesührt haben, ist für den Skribenten eine Selbstverständlichkeit, die zu der anderen angeblichen Tatsache, daß sie die Urheber des Weltkrieges sind, in keinerlei störendem Widerspruch steht. Auch die Freimaurer müssen dazu herhalten, sich als „verkappte maßlose Verherrlicher des Judentums" bezeichnen zu lassen. Kühlmann, Lichnowski, Bethmann Hollweg — sie alle sind Freimaurer gewesen, sie alle haben den unglücklichen Wilhelm II. so lange betört, bis -er wirklich in die Falle ging und alljüdische Politik betrieben hat. Dadurch wurde es den Engländern eine Kleinigkeit, uns zu besiegen. Die Sozialdemokraten kommen recht gut dabei weg; sie sind nur der Vortrupp, dessen sich die bösen Juden zur Verfolgung ihrer Zwecke bedienen. Daß nebenbei für den sauberen Herrn Fritsch lebhaft die Werbetrommel geschlagen wird und der Sicherheit halber dem Schristchen eine Zählkarte beigelegt ist, feinur nebenbei erwähnt. Beiträge nimmt die Hauptstelle für Volksverdummung entgegen, deren Adresse wir unseren Lesern auf Anfrage bekanntzugeben gern bereit sind. * Aus Nürnberg wird geschrieben: Seit -mehreren Monaten herrscht in Bayern eine wilde Judenhetze. In Stadt und Land werden Hetzblätter und Plakate unbekannten Ursprungs verbreitet und daneben arbeiten sogenannte „Bünde" verschiedenster Bezeichnung, meist unter völkischem Deckmantel, daran, die Hetze gegen die Juden zu schüren. Der „Landesverband Bayern im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sieht sich daher nunmehr zu einer Flucht in die Oeffentlichkeit gezwungen. „Sie können uns beschimpfen, aber nicht erniedrigen", heißt es in den Aufrufen „An unsere Mitbürger" in den großen Tageszeitungen. „Es ist bekannt, wer hinter der Sache steht und die Millionen für : diese von außenher einheitlich organisierte Hetze liefert. Es sind ' dieselben antisemitisch-reaktionären Kreise, denen das Volk die wahre Schuld an dem Unglück des Vaterlandes beimißt, und die nun gewissenlos den öffentlichen Unwillen auf die Juden ablenken möchten. Wir flüchten uns an die Oeffentlichkeit und bitten alle anständigen Menschen, mit uns eine Macht zu bilden gegen eine Agitation, die nicht nur uns bedroht, sondern auch den öffentlichen Frieden. Nur gemeinsame' Arbeit und innerer Friede können Deutschland zur Gesundung führen." . Wie das Münchener Organ der Unabhängigen „Der Kampf" meldet, wird in den dortigen Kirchen eine heftige monarchische und antisemitische Agitation betrieben. Bezeichnend für das Niveau dieser seelsorgerischen Tätigkeit ist die folgende Stelle.aus der am vorletzten Sonntag in der Kirche zu Neufahrn bei Freising gehaltenen Predigt: