Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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gruppe des Zen tralvereins D eu sicher Staatsbürger jüdischen Glaubens, ausgesprochenen Hoffnungen haben sich in reichern Mähe erfüllt. Die Beteiligung an den Veranstaltungen in unserem Heim war sehr rege, eine Anzahl junger Männer und junger Mädchen trat unserem Verein bei. Außer den bereits früher erwähnten Zirkeln hielt Herr Rabbiner Dr. Bo gelstein einen sehr gut besuchten Kursus über „Jüdische Ethik". Es fanden allster den üblichen Diskussionsabenden über Tendenzfragen, Freitagabendveranstaltungen, Zeitungsreferaten, einer Purimfeiex. folgende Einzelvorträge statt: 1. Professor Dr. B. Löhr: lieber Israels Monotheismus. 2. Stadtrat Tr. L i ch t: Ueber Konstantin Brunners Buch „Der Judenhaß und die Inden". 3. Rabbiner Dr. Winter: Ueber seine Erlebnisse als Feldgeistlicher. 4. Rabbiner Tr. I a k v b o v i t s : Ueber Sozialismus und Kommunismus im jüdischen Schrifttum. 5. Rabbiner Dr. Vogelstein: Ueber Pessachgebräuche. 6. Dipl.-Jng. Adler: Ueber jüdische Meister in der deutschen bildenden Kunst der Gegenwart (mit Lichtbildern). Außerdem ein Hosmannsthal-Abend. Auf Veranlassung des Kreisvorstandes zur Förderung der Jugendpflege beteiligte sich unser Verein an den Darbietungen auf dem Walter-Simon- Jugeiidspielplatz mit Vorführungen Hans Sachsscher Komödien. Der Kreisvorstand verschaffte uns auch in diesem Jahre eine materielle Beihilfe von seiten der Staatsregierung. Eine anl 16t März erfolgte Generalversammlung erhöhte die Zahl der Vorstandsmitglieder von 9 auf 11. Wir hatten die Freude, unter den Besuchern der Veranstaltungen eine Anzahl Mitglieder ans früherer Zeit zu begrüßen, die viele Jahre im Felde gestanden haben und unversehrt heimgekehrt sind. Leider befinden sich immer noch einige Mitglieder in Kriegsgefangenschaft. Wir hoffen, daß sich das Leben des Jugendvereins im kommenden Winter im vergrößerten Heim weiter günstig entwickeln wird und daß wir für die Verbreitung des Wissens vom Judentum erfolgreich wirken können. — Die vorn Verein ins Leben gerufene S ch ü lergruPPe gedeiht auf das beste und hat in den fünf Monaten ibres Bestehens eine rege Tätigkeit entfaltet. Es fanden 40 Veranstaltungen verschiedener Art statt. Folgende Vorträge wurden au den wöchentlichen Diskussionsabenden gehalten: 1. Heinz Lichtenstein: „Die Reliaion als erhaltendes Moment im Judentnm", 2. Hans Zolki: „Unsere Ziele" 3. Friß Eichelbaum: „Heinrich Heine" (mit Rezitationen von Errra Cohn), 4. Erwin Lichten stein: „Jüdische Geschichte b's 311111 Ende der Makkabäerberrschaft". 5. Hans Vogelstein: „Die Entstehnna des Christentums". 6. Hertha Vogelstein: „Die Bergpredigt nnd ihre jüdischen Quellen", 7. Referendar Ernst Weckselmann: „Der K.-C.". ft. Hans Lest: „Die Inden unter der Römerherrschaft", 9. Max Vogelstein: „Chassidismus". 10. Rosa Dawidowitz: „Tie Entstehung des Talmuds". 11. Hans Vollnow: „Bedeutende Männer des 18. Jahrbunderts (Friedrich 17.. Lenina, Kant, Goethe) in ihrer Stellung zum Zudeutuiu", 12. Friß Eichelbauin: „Die deutschen Juden und di? innere Politik". 13. Frist Fabian: „Saadsa und seine Zeit". 14. Erwin Licktenstein: „Zionismus". Ferner fanden nenn Bibelabende statt, an denen die beiden ersten Bücher Mosis in Auswahl gelesen und b. ivrochen lonrden. Purim und Bestach wurden durch gesellige Abende gefeiert, die durch Vorlesung des Esther-Buches und der Haggadah eingeleitet wurden. Zum Abschluß fand' eine größere gesellige Veranstaltung statt. Im Mai und Juni wurde ieden Sonntag gewandert, und zwar wechselten erste und zioeite Schülerarupve mitrriT‘vi?vr ab. Die 'weste Schülerarupve (10 bis 14 Fahre) machte nur halbtägige, die erste (14 bis Ift Jab re) ganztägige Ausflüge. An den Sonntagen vor Vurim und Pestach wurden in der zweiten Schülerarngve diese Feste besnrocheu. Zn den Pfingstferien fand eine ivohlomnuTTe viertägige Nehrungs-Tour statt, an der 14 Schüler und Slhüserinnen teiln.abmen. Herrn Dr. Vogelstein. der in liebensw"rdia'w Weise die Leitung der Wanderung übernahm, sei' auch an Nt'irv Stelle der herzliche Dank aller Teilnehmer ausgesprochen. Die Wanderung verlwf bei vrächtig"m Wetter und glänzender Stimmung ausgezeichnet und wird sicherlich allen Teilnehmern in schöner Erinnerung bleiben. Im Sommer werden die Wanderungen fortgesetzt, und im Herbst, voraussichtlich im September, wird die allgemeine Tätigkeit wieder ausgenommen werden, hoffentlich ebenso erfolgreich wie in den verflossenen Monaten. B. V. Trlstt, 1. August. In einem hiesigen Weinlokale spielten sich vor kurzem recht bezeichnende Szenen ab. Ein jüdischer Herr saß mit einer Dame germanischen Stammes an einem Tisch, während an einem Nebentisch, an dem Offiziere 1er Marine und Landtruppen saßen (darunter auch solche von den Tilsiter Dragonern) fortwährend gegen die jüdischen Gäste des Lokals Provozierende Redensarten sielen. Darauf ging der besagte jüdische Herr an einen der Offiziere heran, stellte sich vor und bat ihn, mit ihm einmal aus dein Lokal herauszukommen, um eine Klärung der Sachlage herbeizuführen. Draußen entschuldigte sich der Offizier ob des herausfordernden Verhaltens, das er und seine Tafelrunde an den Tag gelegt hätten. Die beiden Herren einigten sich friedlich. Da erschien plötzlich ein baumlanger Marineoffizier auf dem Korridox, trat -den jüdischen Herrn derb auf den Fuß, stieß ihn beiseite und sagte zu seinem. Kameraden: „Schämst du dich nicht, daß du dich mit d ie s e in I u d e n l ü m m e l unterh ü l t st?" Während dieser Szene hatten sich drin Offiziere nicht gescheut, der allein sitzenden Begleiterin des jüdischen Herrn darüber in heftigen Tönen Vorwürfe zu machen, daß sie als Germanin mit „diesem Judenlümmel" verkehre. Als das Lokal geschloffen wurde, warteten die Offiziere unten auf der Straße auf die im Lokal anwesenden Juden- und rempelten sie dann weiter in der unverschämtesten Weise an. Diese Szene -hatte ein Nachspiel auf der Polizeiwache, bei dem die Namen der Offiziere festgestellt wurden. Innerhalb dieser Jndenbelästigungen wurden natürlich die bekannten alldeutschen und reaktionären Vorwürfe laut, nach denen die Inden schuld daran sein sollen, daß wir den Krieg verloren haben. In einem anderen Falle ging in demselben Weinlokale die Judenhetze in der Weise vor sich, daß in auffälliger Weise Flugblätter antisemitischen Kalibers von Hand zu Hand gingen. Dieser Fall dürfte ein gerichtliches Nachspiel haben. — Ratibor, 1. August. Ein treffendes Kennzeichen für das gute V e r h ä -t t n i s der K o n f e s s i o n e n in unserer Stadt bilden die AusDhrungen, die der „Oberschlesische Generalanzeiger" unserem scheidenden Rabbiner Dr. Diene mann widmet. Das Blatt schreibt: „Nabbiner Dr. Dienemann, der Seelsorger der hiesigen Jüdischen Gemeinde, wurde nach Offenbach a. M. berufen und wird am 1. November d. I. Ratibor verlassen. Dr. Dienemann amtiert als Nachfolger des verstorbenen Rabbiners Dr. Blumen thal seit 1903 in Ratibor. Sein Scheiden wird nicht nur in der Gemeinde, um deren Wohlergehen sowohl in seelsoraer sicher wie karitativer Hinsicht er sich große Verdienste erworben hat. sondern auch in den anderen Kreisen der Stadt bedauert werden. Tr. Dienemann hat es ebenso wie sein Vorgänger vortrefflich verstanden, den konfessionellen Frieden in Ratibor zu wahren. Sowohl mit den Amtsbrüdern der christlichen Kirchen gemein den wie mit der Bewohnerschaft der Stadt überhaupt hat -er teils invollsten Einvernehmen gelebt und durch Wort und Tat dazubeigetragen, daß auch di>e Genieiiideinitglieder unter sich seinem Beispiele nacheise rten. Mit dem eifrigen Seefforaer verliert zudem die Shnaaogenaenieinde aucheinen guten Kanzelredner. Nicht minder hat er sich auch als Redner in unzähligen Vorträgen über konfessionelle und wirtschaftliche Fragen bestens betätigt." Daß in unserer Gemeinde der Abgang unseres verdienten Rabbiners allgemein bedauert wird, ist selbstverständlich. Bad Salzbrunn, 1. AuaIIst. Wie in verschiedenen Kurorten wird auch hier von gewissenlosen Hetzern versucht, Stimmung gegen die hier zur Erholung weilenden jüdischen Mitbürger zu machen. Zuerst wandten sich die Antisemiten in einem anonvmen Schreiben an das Arbeiterorgan Niederschlesieus, die „Schlesische Bergwacht". Das Schreiben war, wie dieses Blatt mitteilt, von den wüstesten Pöbele re n angefüllt. Als d ieser Versuch, die Arbeiter für i hre Pogrom - gelüste zu gewinnen, mißlang, wurden gefälschte Plakate angeklebt, unterzeichnet mit dem Namen eines gar nicht existierenden ..Vereins der Freunde Israel", in denen behauptet wurde, daß in Waldenburg die Vertreter der Arbeiterschaft in heimlichen Sitzungen Judenpogrome beschlossen hätten, und die Juden aufaefordert wurden, Salzbrunn zu verlassen, da dort in. kurzer Zeit ein Pogrom zu erwarten sei. Natürlich war das Ganze ein großer Schwindel. Die Arbeiterschaft steht solchem Treiben völlig fern und hat Aushetzungsverfuche stets zurückgewiesen. M. Hamburg, 1. August. Herr Dr. Ivan Michael, einer unserer geschätztesten Aerzte, ist nach kurzer Krankheit im besten Mannesalter aus dem Leben geschieden. Trotz seiner großen ärztlichen Praxis hat der Verblichene sich in ehrenamtlicher Tätigkeit in der Gemeinde ausgezeichnet, namentlich hat er sich um die Entwickelung des Schulwesens große Verdienste erworben. Seit vielen