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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-08 · Heft 32 (8.8.1919) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 32 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 360 (sequence 12)
Language
German
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360 Mann seine Kunden wohl zu fesseln wußte und stets das Neueste * und Beste vorlegen konnte. — Den Spruch: „Geben Sie mir das Teuerste, was Sie haben, denn ich» bin nicht reich genug, um das.. Billigste zu kaufen", hatte er sich gut gemerkt und ihn klug zu verwenden gewußt. Seine kleinen Söhne mußten die eingekauften Waren dann im Laufe des Tages bei den Kunden abliefern, und die kleinen Burschen schleppten oft schwer an den Ballen und Paketen, die sie trotz Wind und Regen, Sturm und Sonnenbrand pünktlich ablieferten. Da gab es dann zum Lohn bei den gütigen Damen einen kleinen Imbiß; eine Tasse Kaffee oder Tee wurde dem Boten gern gereicht, der dann mit neuem Eifer wieder weiterwanderte und sich der freundlichen Gaben stets erinnerte. Der seltene Fall ist nun hier eingetreten, daß der Gutsituierte sich mit Freude und Stolz seiner einfachen Jugend erinnert und sich und anderen gern diese harten Tage ins Gedächtnis zurückrust. Als das Bernheimer- Palais eröffnet war, das große Publikum sich verlaufen hatte und wieder ruhigere Tage gekommen waren, da bat der Kommerzienrat mehrere alte Damen seiner Kundschaft, ihn doch auch zu besuchen, und es wurde ein bestimmter Tag verabredet. Als die Matronen die pompöse Treppe erstiegen und des Staunens und Bewundernd kein Ende fanden, führte der Kommerzienrat sie au das große Fenster gegen den Lenbachplatz. Wie überrascht aber waren die Damen, als sie hier ein zierliches. „Tischlern deck dich" fanden, mit Tee, Kaffee und guten Leckerbissen beladen. Mit liebenswürdigen Worten lud der Kommerzienrat nun die Damen ein und sagte, daß er nicht ohne Absicht gerade hierher das Tischchen Habe stellen lassen, hier, wo man direkt vom Fenster aus die Stelle sehen könne, wo seines Bakers Bude gestanden habe und die. Damen vor vierzig Jahren eingekauft hatten, llnd nun freue es ihn, sich der damals erwiesenen Güte erinnern zu dürfen, und bitte, auch bei ihm einmal eine Tasse Tee und kleinen Imbiß zu nehmen; er fürchte aber, es werde den Damen nicht so schmecken wie ihm .damals, vor langer, langer Zeit." In den fünfziger Jahren, als Kaulbach die Wandgemälde im Neuen Museum in Berlin schuf, unterstützte ihn der jüdische Maler Muhr als Gehilfe. Am 20. November 1800 schreibt Berthold Auerbach von Berlin ' an Wilhelm v. Kaulbach in München: „In Betrachtung der hohen geschichtlichen Bedeutung Ihrer Produktionen gibt, mir das freundschaftliche Wohlwollen, das Sie mir; zuwendeten, die angenehme Verpflichtung, Sie auf etwas aufmerksam zu machen, zu dem mich nicht nur ein persönlicher Kultus, bestimmt, sondern glücklicherweise die Ueberzeugung allgenrein-geschichtlicher , und logischer Notwendigkeit. Nach der Darstellung, die öffentliche - Blätter von dem großen Bilde der Reformationsepoche geben, das Sie, verehrter.Meister, eben jetzt unter der Hand haben, vermisse ich die große epochebildende Erscheinung Spinozas. Sollten die öffentlichen Darlegungen ungenau und Ihr umfassender Blick auch diese erhabene Gestalt bereits an entsprechender Stelle gesetzt haben, so ist mein Brief überflüssig, und Sie sehen darin weiter nichts als das Bestreben, der allgemein-geschichtlichen Erkenntnis und dem besonderen Interesse für Ihre künstlerischen Produktionen Folge zu leisten. Wäre Ihnen indes in der Tat die Gestalt Spinozas entgangen, so brauche ich Ihnen nur den Namen ins Gedächtnis zu rufen, uni Sie zu veranlassen, den Schöpfer der neuzeitlichen Philosophie, den Schleiermacher den Göttlichen nennt, jetzt, da es noch Zeit ist, in die gebührende Position zu bringen. Es bedarf gewiß keiner weiter motivierenden Allseinandersetzung. — Es freut mich sehr, daß ich mm, da ich mich in Berlin angesiedelt habe, bald lind andallernder der persönlichen Begegnung mit Ihnen mich erfreuen darf! Ob nun dieser mein Brief überflüssig war oder nicht, ich hoffe doch bald eine Antlvort von Ihnen zll erhalten. — Haben Sie die Güte, llnseren Freund Pfeusfer sowie Ihre Familie bestens von mir zll grüßen. Mit freundschaftlicher Hochachtung Ihr aufrichtig ergebener Berthold Auerbach." 1863 schreibt Kaulbach an seine Gattin alls Berlin: „Die Abende bin ich abwechselnd bei Schüller, Raczynfki, auch bei Parthey, sogar bei dem Verfasser des „Barfüßele", Aller buch. Er ist ein gescheiter, kleiner Jude, der mich auf das köstlichste unterhält, voll Witz ulld Humor; aber auch mit einer nie zu sättigenden Eitelkeit ist er behaftet, wie alle, die zum Stamme Sem gehören." Breslau. R e g i it a N e i ß e r. Lltrrsrilchr Mitteilungen. — Eine hochwillkommene literarische Erscheinung ist die zwölfte Auflage von Jacob Burckhardts „Die Kultur der Renaissance in Italien", die irnfer im unablässigen Bemühen mit dieses Werk bewundernswerter L u d w i g G e i g e r noch kurz vor feinem Tode zum Abschluß bringen konnte. (Alfred Kröner Verlag in Leipzig, 1919; geheftet 21 Mark, gebunden 28 Mart und Tellerungszuschlag.) Im Jahre 1860 zum erstenmal erschienen, hat Geiger seit 45 Jahren den ihm noch zu Burckhardts Lebzeiten anvertränten Schatz verwaltet llnd gemehrt; er war bereit, sich auch fernerhin in seinen Dienst zu stellen. Dieser Hingabe gebührt warmer Dank, sie ist ein rühmliches Beispiel entsagungsvoller Gelehrtenarbeit, die lediglich der Sache zugute kommen will. Das Burckhardtsche Werk kommt Menschen verschiedensten Bildungsgrades in die Hände und dennoch erhält jeder sein Teil. Der Fachmann findet in den zahlreichen, zum großen Teil von Geiger stammenden und jetzt wieder vermehrten Exkursen oder neu geordneten Anmerkungen sowie in beiv der letzten Ausgabe beigegebenen Nachwort ihm dienliches Material; der gebildete Laie wird sich durch die gedankenreiche Darstellung immer wieder belehrt lind erhoben sehen. Ein schönes Wort Burckhardts mag sich jeder Deutsche, auch der jüdischer Konfession, ins Stammbuch schreiben, weil es an Dinge rührt, die uns hellte stark bewegen. Es heißt: „Man wird Viele einzelne Kontraste lind Nuancen zwischen den Völkern Nachweisen können, die absolute Summe des Ganzen aber zll ziehen, ist menschliche Einsicht zu schwach. Die große Verrechnung von Nationalcharakter, Schuld und Gewissen bleibt eine geheime, schon weil die Mängel eine zweite Seite haben, lvo sie dann als nationale Eigenschaften, ja als Tugenden erscheinen. Solchen Autoren, welche den Völkern gern allgemeine Zensuren, und zwar bisweilen im heftigsten Tone schreiben, muß man ihr Vergnügen lassen. Abendländische Völker können einander mißhandeln, aber glücklicherweise nicht richten. Eine große Nation, die durch Kultur, Taten und Erlebnisse mit dem Leben der ganzen neuen Welt verflochten ist, überhört cs, ob man sie anklage oder entschuldige; sie lebt weiter mit oder ohne Gntheißen der Theoretiker." Eine Warnung vor allzu schneller Beurteilung und Verurteilung kultureller Erscheinungsformen stellt das gesamte Werk Blirckhardts dar durch den Geist, in dem es geschrieben ist, deshalb kann es als durchaus zeitgemäß gelten und manchem „Kulturpolitiker" der Gegenwart zum eingehenden Studium Zwecks methodologischer Nacheiferung empfohlen werden. * M a r M a n r >e n b r e ch e r : „Wie Völker sich alls ihrer -tiefsten Not erheben". Ern Vortrag. Langensalza, Bevlag «von Wendt & Klauwell. Preis 1,25 Mark. Unter den Beispielen, die der Verfasser hier aus der Geschichte anführt, um an ihnenzu zeigen, wie Völker die Zeit ihres Niederganges überwanden, findet sich zwischen der Betrachtung der Lage Roms nach der Schlacht bei Cannae und der Preußens nach dem Zusammenbruch von 1806 eine solche über die Lage der Juden in der Babylonischen Gefangenschaft, weshalb wir das Werk an dieser Stelle erwähnen-. — Sein Urteil, wodurch es den Juden damals gelang, sich aus ihrer tiefen Erniedrigung wieder zu erheben, ist uns interessant genug, mit hierher gesetzt zu werden. Nach einer Betrachtu.ng über das Volkstum der Inden» 'fährt er'fort: „Diese Züchtung zum Volkstum war die Tat, mit der jene Juden sich aus ihrer tiefsten Not erhoben. Es war eine rein geistige Leistung, fernab von allen politisch-nlilitärischen Freiheitskämpsen. Nicht daß diese Juden ein feiges Volk gewesen wären, waffenentwöhnt, loie später die Karthager im Kampfe gegen die Römer. Sie haben sowohl, in der »makkabäischeu Zeit wie auch noch in den Aufständen der Römer gezeigt, welch rasender Leidenschaft und hingebender Todestreue sie fähig waren. Und eben noch, bei der wilden Verteidigung Jerusalems gegen die Babylonier, hatten sie ihre kriegerische Fähigkeit aufs höchste bewiesen. Aber nun waren jie zerbrochen, verschleppt, unansbrechbar, fest in der Hand der lveltbeherrschenden Feinde. An staatlichmilitärische Gegenwehr war nicht zu denken. Da schlug.die heiße Kraft um in den geistigen Willen. Sie schufen, nicht einen, Staat; sie schufen eine geistige Ri acht, eine neue Frömmigkeit, einen neuen Gottesgedanken. Und damit sind sie siegreich geblieben für alle Zeit." Breslau. » Dr. Willy Cohn.

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