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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-08 · Heft 32 (8.8.1919) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 32 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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35Ö bereit und mein Weih, Chane-Scheindel, ist bereit, und alles, was zu uns gehört, führen wir mit uns." — „Natürlich wirst du alles mitnehmen." — „Aber die Wassermühl' hinter der Stadt, die kann ich doch nicht mit mir schleppen." — „Freilich, die kannst du nicht mit dir schleppen." — „Hör" nur, Kalman," sagt nun Elje, „ich habe mich mit meinem Weib darüber beraten, und wir sind übereingekommen, daß es das Gescheiteste und Klügste wäre, wenn du sie ankaufen möchtest." Da lacht Kalman sein chassidischstes Lachen. „Gott ist mit dir," sagt er, „was sprichst du? Wie soll ich die Wassermühl' ankaufen?" — „Bist du denn kein Kaufmann, daß du nicht weißt, wie man eine Wassermühl' ankauft?" — „Ich Hab kein Geld." — „So verkauf' den Laden und gib mir ein Angeld, den Rest wirst du mir in Teilzahlungen zurückerstatten." — „Wer bürgt dir dafür, daß ich zahlen werde?" — „Ich bürge für dich. Ich setze mein Vertrauen in dich, setze du das deine in Gott, und die Sache wird gehen." — „Gut," sagt darauf Kalman, „komm morgen, so sag' ich dir Bescheid." Elje geht, und Kalman läuft zum Rabbi und erzählt ihm von Eljes Angebot. Doch der Rabbi schweigt und gibt ihm keine Antwort. Am zweiten Tage kommt Elje wieder in Kalmans Laden. „Guten Morgen, Kalman." — „Guten Morgen, Elje." — „Was tut sich?" — „Was soll sich tun?" — „Man sitzt im Laden." — „Natürlich sitzt man." - Und wie ist's mit der Wassermühl'?" — „Komm morgen, Elje, ich Hab' noch keinen Entschluß gefaßt." Elje geht, und Kalman läuft wieder zum Rabbi und erbittet sich seinen Rat. Doch auch heute erhält er keine Antwort. Am darauffolgenden Tage stellte sich wieder Elje Krummholz in Kalman Schlütes Laden ein. „Guten Morgen, Kalman." — „Guten Morgen, Elje." — „Nu, wie ist's mit der Wassermühl'?" — „Komm morgen, Elje, ich Hab' immer noch keinen Entschluß gefaßt." Und Elje geht, und Kalman läuft abermals zum Rabbi und fleht ihn an, ihm mit seinem heiligen Rat beizustehen. Diesmal aber fährt ihn der Rabbi zornig an: „Tu, wie du verstehst!" Da versteht Kalman, daß er es tun. soll, und noch am selbigen Tag wird der Kaufkontrakt unterschrieben. Elje wandert nach Palästina aus, und Kalman übernimmt die Wassermühle weit hinter der Stadt. Nach einrgen Jahren kehrte Elje aus Palästina zurück, denn er hatte im Heiligen Lande nicht das gesunden, was seine Seele suchte. Aber dem Häuschen Rabbi Dowbers, schräg gegenüber erhob sich ein schmuckes Haus mit weißgelb getünchter Vorderseite und zinnoberrotem Blechdach. „Da sieht man des Rabbi Meistergriff," schloß der Chassid seine Erzählung; „Kalman bittet um einen Rat, und der Rabbi antwortet: ein Rat — ein Rad." Das waren die „chassidischen" Beziehungen zwischen Haus und Häuschen. Viertes K a p i t el. An einem schönen Augustmorgen, als Benjamin das Bethaus verließ, gesellte sich zu ihm Menachem der Schammes und ging mit ihm eine Strecke Weges zusammen. Benjamin war bisher mit Menachem persönlich nie in Berührung gekommen, und dies war nur natürlich, denn es fehlten hier alle Voraussetzungen, die zur Herstellung eines Kontakts mit dem Diener des Rabbi, dem treuen Torwächter des Allerheiligsten, unerläßlich waren. Erstens zählte Benjamin nicht zu den Getreuen des Zaddiks; er war gewissermaßen außerordentlicher Hörer im Hause des Rabbi und wurde dort auch nur als Schulgenosse des rothaarigen Awrum geduldet. Und dann brachte es die Stellung Menachems mit sich, daß jede persönliche Verbindung mit ihm nicht anders als durch Barzahlungen, durch regelmäßige oder unregelmäßige Abgaben, zu erlanget: war. Menachem wär, wie gesagt, der treue Torwächter des Allerheiligsten, er hütete die Pforten der Gnade und öffnete sie nur gegen einen entsprechenden Einlaßpreis. Benjamin aber hatte noch nie an die Pforten der Gnade gepocht, er war überhaupt ein nichtsnutziger Außenseiter, von dem man nichts hatte und von den: nichts zu erwarten war. ' Deshalb hatte ihn Menachem immer links liegen oder links stehen lassen, ohne sich um ihn zu kümmern. Heute aber schritt er an seiner Seite und sprach mit ihm wie mit einem guten alte:: Bekannten. „Dir ist eine große Ehre widerfahren, Benjamin, und du weißt es nicht," sagte Menachem. „Nein, ich weiß es nicht," sagte Benjamin gleichmütig. „Der Rabbi hat dich gelobt, gelobt hat er dich, verstehst du, und wenn der Rabbi jemand lobt, so kann es nur von Nutzen sein." Benjamin horchte auf. „Der Rabbi hat noch nie mit mir gesprochen; wie kommt es, baß er über mich gesprochen hat?" „Man sprach gerade von Awrum und seinem Lerneifer, ' und wie es schon so gewöhnlich ist, sprach man auch von den anderen jungen Leuten, die in unserer Gemeinde als „gute Lerner" bekannt sind; man nannte bald diesen, bald jenen, und auch dein Name wurde genannt. Und als dein Name genannt wurde, sagte der Rabbi, wie es schon seine Gewohnheit ist, mit fester und deutlicher Stimme: Benjamin ist ein Vaterskind. Verstehst du, ein Vaterskind, hat er gesagt." Benjamin schwieg. Menachem sah ihn prüfend an. „Freut es dich denn gar nicht, daß der Rabbi dich gelobt hat?" Die Worte klangen wie ein Vorwurf. „Gewiß freut es mich, ich dank' Euch, daß Ihr es mir erzählt habt," antwortete Benjamin rasch, als gälte es, etwas Versäumtes nachzuholen. „Nun rat' mal, wer eigentlich dsinen Namen zuerst genannt hat?" „Wahrscheinlich Kalman Schlüte," sagte Benjamin, ohne zu überlegen. Menachem stutzte. ^,Wie kommst du gerade auf 'den?" Eine leise Röte stieg Benjamin ins Gesicht. Er erkannte sofort, daß er unüberlegt gesprochen hatte. „Ich weiß es selber nicht," stammelte er, „ich weiß es wirklich nicht, warum mir gerade Kalman Schlüte einfiel . . . Ich dachte mir, Jossel Schlüte und ich sind gute Bekannte, Ihr wißt doch, zusammen bei Mendel gelernt . . . und jetzt lernen wir im Bebh-hamidrasch. . . wir verkehren miteinander . . . sein Vater kennt mich ... ich dachte, er wird's — er kann's gewesen sein." «.Forts«,uns solgt.) Lrlrkrüchte. In dem trefflichen Buche „Erinnerungen an Wilhelm v. Ka ul back) und fein Halls", gesammelt von Josefa D ü r ck - Ka n l b a ch (Del- Phin-Berilag, München 1918 erzählt die Herausgeberin, geboren 185 l, aus ihrer frühen Jugend: „Ich denke noch mit Vergnügen an die längst vergangenen Tage, als ich mit meiner Mutter „in die Stadt" gehen durfte . . . Nun aber gehen wir zum Bernheimer. Aber, bitte, nicht zu dem großen Bernheimer von heute, sondern ans beit Dultplatz, wo soeben die Dult (ein Jahrmarkt, der sich alljährlich zweimal auf dem jetzigen Maximilians- und Lenbachplatz abspielte) stattsindet, zur Freude der Kinder und zum Ergötzen des Atters. Auf diesen Jahrmarkt kamen von nah und fern die verschiedensten Kauf-leute mit ihren Waren und legten sie in rot ausgeschlageneir offenen Buden den Münchener Frauen vor die begehrlich blickenden Augen. Für damalige Zeit war eines der reichhaltigsten Lager au Teppichen, Kleiderstoffen und Leinwand die Bude von Bernheimer (Vater des jetzigen Kommerzienrates), der als rühriger, intelligenrer

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