Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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sich vererben von Generation zu Generation, so «gleichen sie Israel selbst, das, geläutert durch manche Leidenszeit, niemals unterging und ewig, trotz aller Anfeindungen, eine Leuchte bleiben wird für die Kulturmenschheit. Es sei mir gestattet, noch einiges aus der Geschichte Mergentheims anzuführen, denn man befindet sich hier auf historischem Boden. Hier war der Sitz des Deutschmeisterordens, der viele Jahrhunderte die Lande regierte und der den Juden durchaus wohlgesinnt.gewesen ist. Hiervon legen das Alter wie die Größe der hiesigen wie der umliegenden jüdischen Gemeinden, die während der Ordensherrschaft aufblühten, ein beredtes Zeugnis ab. Viele Erinnerungen an jene Zeit, wie das alte Schloß, Schloßkirche und Schloßpark, sind hier vorhanden. Eine andere Erinnerung, auf die man hier stolz ist, ist die an den Dichter Eduard Mörike. Mörike wohnte von 1844 bis 1851 in Mergentheim; das damalige Wohnhaus ist mit dem Bildnis des Dichters geschmückt. Ich möchte noch die geschätzten Leser, noch mebr aber die verehrten Leserinnen, in Anbetracht der jetzigen Wirtschaftsverhültnisse auf Mörikes „Haushaltungsbuch", das er gewissenhaft in Einnahme und Ausgabe geführt und mit Randzeichnungen versehen hat, Hinweisen. Eine getreue Nachbildung des Originals ist von Walther Eggert-W'indeck (Stuttgart, Strecker u. Schröder) herausgegeben worden. Das Buch hat tatsächlich aktuelles Interesse: Eine Weck (große Semmel) kostete 3 Kreuzer (etwa 5 Pfennig); Fleisch kaufte er für 6 Kreuzer, Wurst für 3 Kreuzer, Brot für 9X. Kreuzer, Wein für 8 Kreuzer, „Schwebelhölzchen" für 1 Kreuzer. Auf seinen vielen Ausflügen in die Umgegend gab er je 3 bis 4 Kreuzer aus. Gesamtausgabe Februar 1846 15,8 Gulden (etwa 12 Mark), .März 11,36. Eines Tages schwelgte Mörike sogar in Schokolade und „Butterteig", wofür er ganze — 4 Kreuzer anlegte. Ein Schlaraffenland war es. Wie ein Märchen aus alter Zeit klingt es zu uns herüber. Wie ein echtes Märchen mit den üblichen Anfangs-Worten: „Es war einmal!" rr%t sZ 1,111 ■1 ""T ■ ~ lörnjamins JlifbrstirD. (5. Horts.) Roman von 2 a m u c l Mo i s el s. ls der Rabbi gegangen war, erhoben sich auch die Chassidun, segneten ebenfalls den gerechten Richter unb — der Bann war gebrochen. Die Zungen lösten sich, man tat sich in kleine Gruppen zusammen, man sprach laut und viel von dem Berstorbenen, rühmte seine Gottesfurcht, seinen Lebenswandel, seine Gelehrsamkeit und verfehlte auch nicht, auf das hohe Ansehen hinzuweisen, das er beim Hügel-Rabbi genoß. An demselben Abend erzählte einer der Ehassidim folgende Begebenheit: Es war vor vielen, vielen Jahren, da war Kalman Schlüte noch ein armer, armer Mann, dem kein Geschäft hatte glücken wollen. Er besaß damals jenseits des Flusses eine Kurzwarenhandlung, einen düsteren kleinen Laden, der sich vor den Käufern zu verstecken schien. Die Käufer aber ließen ihn in seinem Versteck, ohne seine Ruhe zu stören, und so vergingen oft Tage, daß der Laden kein anderes als das vergrämte Gesicht seines Inhabers zu sehen bekam. Es war nur natürlich, daß Kalman den Rabbi bestürmte, seinen Handel und Wandel zu segnen. Es half ihm nichts, die Pforten der Gnade waren geschlossen, und der Rabbi willfahrte seinem Willen nicht. Kalman aber sagte sich in seinem frommen Herzen, daß jegliches Ding seine stunde halle, und daß auch für ihn eine Zeit des Segens kommen werde. So wappnete er sich denn in Geduld und harrte besserer. Zeiten in dem düsteren Laden, der verlassen dastand, wie eine Nachthütte im Kürbisgarten. Einmal bei einem Neumondsfestmahle, bei dem es gar lustig herging, legte der Rabbi seinen Arm auf Kalmans Schulter, und seine heiligen Augen ruhen voller Milde und Güte auf ihm. „Nu, Kalman," sagt der Rabbi, und viel Weichheit liegt in seiner Stimme, ,,nu, Kalman, bist du noch immer kein Rothschild?" — „Rabbi," sagt Kalman, „ich bete täglich wie König Salomo: Armut und Reichtum gib mir nicht. Ich halte es mit unserem Erzvater Jakob, der sich nur Brot zu essen und Kleider anzuziehen wünschte." Sv antwortet Kalman. Der Rabbi aber wendet sein heiliges Antlitz >veg von ihm, als zürnte er ihm ob seiner erneuten Zudringlichkeit. Und dann beginnt der Rabbi eine Geschichte zu erzählen; und es ist, als zöge er Kalman mit sich in weitentlegene Gebiete, in Bereiche, die fernab liegen von Geschäftsläden und Kurzwarenhandlungen und dem ganzen Krimskrams des grau-gräulichen Alltags. Der Rabbi erzählt die Geschichte von zwei Brüdern, eine lange Geschichte mit vielen Wechselfällen und wunderbaren Begebenheiten, ergeht sich dann in geheimnisvollen Reden über das Wesen der Bruderschaft, ihre Wurzeln und ihre Kronen, und offenbart schließlich Weisheiten, die aus dem Tiefsten der Tiefe geschöpft sind. „Jetzt aber merke dir das eine," sagt der Rabbi, indem er sich wieder an Kalman wendet, „so einer ein Bruder ist, wird er auch ein Bürge für seinen Nächsten sein. Das ist es, was König Salomo sagte: Der Freund liebet allezeit, und ein Bruder wird in der Not gefunden. Manchmal kommt ein Bruder zum anderen, um sich von ihm Rat zu holen, und weiß nicht, daß ein Rad in die Welt eingesetzt ist, ein Rad, das immer kreist, immer in Bewegung ist, und weiß nicht, daß jede Speiche, die unten ist, das Recht hat, einmal nach oben zu gelangen. Einem Mühlrad gleicht die Welt, einem Mühlrad, das vom Wasser getrieben wird, und die Mühlö geht und geht, und mahlt und mahlt — und wer es versteht, der wird gesegnet." Hier unterbricht sich der Rabbi und befiehlt, einen lustigen Gesang anzustimmen, ein „Fröhliches", wie er sich ausdrückt. Kalman aber versteht nichts von alledem, was der Rabbi ihm gesagt hat, dennoch bewährt er dessen Worte tief in seinem gläubigen Herzen. Nun hört aber, wie sich eine Sache macht. Eines Tages tritt Elje Krummholz in Kalman Schlütes Laden. Elje war erst von kurzem ein reicher Mann geworden, nach dem Tode eines Onkels hat er ein großes Barvermögen und eine Wassermühle weit hinter der Stadt geerbt. Ein reicher Mann, wird er in der Gemeinde sehr geachtet, wie cs schon so der Lauf der Welt ist. Unser Kalman aber läßt eine Rangordnung zwischen sich und dem reichen Elje nicht gelten; für ihn bleibt er, der er stets gewesen, ein Bruder, ein Chassid, dessen Wert kein Reichtum mehren, keine Armut mindern kann. Also Elje Krummholz tritt in den Laden. „Guten Morgen, Kalman", sagt Elje. — „Guten Morgen, Elje", sagt Kalman. — „Was tut sich?" — „Was soll sich tun?" — „Du sitzt im Laden?" — „Wo denn soll ich sitzen?" — „Und das Geschäft geht nicht?" — „Wie immer." — Nun scheint es, daß sie sich nichts weiter zu sagen haben; sie schweigen. Nach einer Weile nimmt Elje wieder das Wort. „Weißt du, Kalman, daß ich mein Land, meine Geburtsstadt und mein Vaterhaus verlasse und nach Erez Jisroel auswandere?" — „Ich hab's gehört," antwortet Kalman. — „Siehst du, Kalman," sagt Elje weiter, „alles ist in Bereitschaft, ich bin