Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
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356 der Weg der Entwicklung aus allen ähnlichen Gebieten. Dazu kommt, daß die jungen Leute Ehemänner und Väter werden, aber keine blasse Idee von Erziehung haben, von dem, was das Familienleben erheischt. Noch so gut geregelte Schulen, in den.cn man überdies „mehr aus die Disziplin der Lehrer als der Schüler" achtet, taugen nichts, wenn sie den praktischen Anforderungen des Lebens nicht genügen, und unsere Schulen entsprechen diesen Anforderungen absolut nicht. Geradezu schreiend ist aber das Mißverhältnis zwischen unserer intellektuellen und moralischen Ausbildung. Menschen, die fast zwanzig Jahre in die Schule gehen, lernen und lernen immer wieder, aber um ihr Gemüt und ihre Willensbitdung kümmert sich niemand. Was Wunder, daß ihnen Einheit und Harmonie abgehen, daß ihr ganzes Wesen Halbheit und Zerfahrenheit ist! Das unvermeidliche Resultat der durch das im großen Stile betriebene Popularisieren der Wissenschaften und dift Lesegier des Publikums um sich greifenden Disharmonie zwischen Verstand und Gemüt ist Mangel an Seelenruhe, Unzufriedenheit, Lebensmüdigkeit. Alle höheren Anlagen und Kräfte erlahmen und liegen wie in einem tiefen Schlafe; alle jene geheimnisvollen Mächte in der Seele, die in uns und um uns her ein Reich der Sitte, eine geistige Weltordnunh schaffen, die das Wesen der innern-wahren Menschen bilden, sterben nach und nach, und der Mensch fühlt mit einem Schmerze, der sein Innerstes zerreißt, dieses allmähliche Sterben seines besseren Selbst. Seine Seele hungert, er hat keine Nahrung für sie: lvsgerissen von seinem Mittelpunkt, wird er wie ein leckes Schiff ohne Steuer und Ruder auf deip trostlosen Lzean dieses Alls hin und her geschleudert. Wie kann dieser Lebensmüdigkeit der Boden äbgegraben werden? Fast alle Theoretiker und Praktiker suchen die Nebel der modernen Gesellschaft durch wirtschaftliche und politisckft Reformen ]u heben. Die allgemeine Aufmerksamkeit ist entschieden auf diese Versuche gerichtet, und man hofft auch allgemein sehr viel von ihnen. Masaryk vermag aber diese Hoffnung nicht zu teilen, wenn es sich ihm auch von selbst versteht, daß die bestehende drückende Rot und das entwürdigende Elend, das nun einmal errstiert,. beseitigt werden müssen. Die Politischen und wirtschaftlichen Verhältr.'isfe eines Volkes'sind ihm eben nur die Außenseite des Geisteslebens^ sie sind ihm durch dieses bedingt. Die Versuche und Kämpfe unserer Parlamentarier, Politiker und Nationalökonomen kommen ihm daher oft recht kleinlich und nichtig vor. Er führt für seine Ansicht, die zumal den praktischen Politikern höchst ketzerisch erscheinen dürfte, ein vom nichtjüdischen Standpunkte aus großartiges Beispiel aus der Geschichte an: Ehriftus. Die Nömerwelt war zil seiner' Zeit so ziemlich in derselben trostlosen Verfassung wie die heutige Gesellschaft: wie jetzt, so herrschte auch damals eine krankhafte Selbstmordneigung, die Menschen fühlten sich nnzilsrieden lind unglücklich, die Sehnsucht nach einem Erlöser war allgemein. Wer erlöste die Menschheit? Kein Politiker, kein Nationatökonom, kein Sozialist oder Demagog. Es ist wahrhaftig großartig, zu sehen, wie Christus in jener politisch und sozial so aufgeregten Zeit jeglicher Politik sich enthielt. Wie leicht hätte es für ihn sein müssen, die Gemüter durch politische und sozialistische Aufreizungen zu gewinnen! Aber er dringt auf Besserung des Charakters, auf Vertiefung und Verinnerlichung des religiösen Gefühls; er will, daß die Menschen g u t werden, denn er weiß, daß sie nur dann Rllhe für ihre Seelen finden würden. Da die Uebel der modernen Gesellschaft nach Masaryks Ueberzeugung in letzter Instanz durch die zunehmende Irreligiosität verursacht sind, so ergibt sich ihm mit zwingender Notwendigkeit, daß sie nur dann radikal geheilt, nur dann mit Stumpf und Stiel ausgerodet werden können, wenrt die Irreligiosität und die mit dieser zusammenhängende Halbheit beseitigt wird. „Wir müssen uns hingeben lernen", ruft uns unser Gottsucher zu, „uns fehlt die wghre und echte Liebe. Mir glauben zwar lieben zu können, wir glauben, daß wir der zartesten Gefühle fähig sind, aber das ist nicht wahr: krankhafte Sentimentalität und wahres, echtes, warmes, lebendiges und ursprüngliches Gefühl sind nicht identisch." Einige Forscher, wie Treitschke, Renan u. a., glaubten, man solle das Volk religiös erziehen, die Gebildeten sollen freibleiben dürfen. Masaryk bemerkt dazu: „Das heißt.die bestehende Halbheit sanktionieren und geschieht übrigens ohnedies; oder soll man eine streng abgesonderte Aristokratie der Bildung schaffen? Wo fängt die Bildung an und wo hört sie auf?" Konsequenter sind diejenigen, die mit der Vernichtung der positiven Religion nur eine wissenschaftliche, einheitliche Weltanschauung fordern. Es ist aber sehr fraglich, ob eine wissen-,, schastliche Weltanschauung sich zum Gemeingut eignet; denn man bilde sich ja nicht ein, man könne eine solche mit Leichtigkeit erwerben, um sie zu besitzen. Wissen wird schwer errungen und verdaut. Es ist aber auch die Frage, ob man die Religion ohne weiteres weg'lassen soll und kann. Masaryk ist, wie wir sahen, der Ansicht, daß der Mensch zum Leben die Religion ebenso braucht, wie er zum Atmen die Luft braucht. Die geschichtliche Entwicklung deute auch darauf hin, daß sich neben dem Denken das religiös-sittliche Leben und Fühlen entsprechend entwickelt. Comte begehe evr.exi großen Fehler, wenn er in seiner positivistischen Philosophie den Fortschritt auf religiösem Gebiete nur bis zu einer gewissen Grenze zulasse und von da ab alles religiöse Leben einfach über Bord werfe. Den Schlüssel zur definitiven Lösung der sozialen Frage besitzt nach Masaryk nur der, der nicht müde wird zu verkünden, daß wir eine Religion brauchen. Er ist davon durchdrungen, daß das Christentum als die erlösende Religion anzusehen ist. Allein nun entsteht die schwer zu beantwortende Frage, welche Form des Christentums die Menschheit zu erlösen vermag. Der Katholizismus? „Er ist", so lehrt Masarvk, „für uns unmöglich geworden." Wer anderer Ansicht ist, der würde die geschichtliche Entwicklung ignorieren, es dem Vogel Strauß gleichtun. Soll die Welt also protestantisch werden? Masaryk -antwortet darauf mit einem bedingten Ja. Er läßt die Wahl offen zwischen der ursprünglichen Lehre Christi, der Religion des Urchristentums und irgendeiner der vielen protestantischen Sekten. Und diese christliche Sekte würde* eigentlich mit einer neuen Religion auswarten, sofern sie den Anforderungen der fortgeschrittenen Zeit Rechnung tragen müßte. Unsere Zeit ist nach der Ansicht unseres Gottsuchers für eine neue Religion wie geschaffen: „Geradeso wie zur römischen Kaiserzeit ist die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert: die Menschjen fühlen sich unglücklich, die Unzufriedenheit und der Wunsch nach einem Erlöser ist allgemein. Ganz besonders günstig wäre aber für die Ausbreitung der neuen Lehre die allgemeine Nervosität, die pathologische Aufregung, -in der sich die moderne Gesellschaft befindet; wie alle Religionen, würde auch die neue Lehre mehr auf psychologischem als auf logischem Wege ihre siegreiche Bahn zurücklegen." Ich fürchte indes, daß Masaryk einen schönen Traum träumt. Unserer Zeit ist jene Kindlichkeit und Naivität völlig abhanden gekommen, die für die Schaffung einer neuen Religion eine unentbehrliche Voraussetzung bildet. Dazu kommt, daß eine nicht auf der Höhe der intellektuellen Bildung stehende Religion den Keim zum Kulturkampf in sich birgt und somit der Weg zur Bildung voll-