Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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355 stand Mahbaum als Dozent auf hoher Warte. Ja, er schätzte diese Seite chm vergönnten Schaffens so hoch ein, daß er vor Kollegen und Schülern in feierlicher Stunde bekannte, die Liebe zur Lehranstalt allein habe ihn auf ein sehr verlockendes Amt außerhalb Berlins verzichten lassen! Durch die Tat hat er bewiesen, wie sehr ihm Hochschule und Hochschüler ans Herz gewachsen waren. Das Institut hat er aus häßlicher Zwergenhaftigkeit zu Ansehen und Gedeihen geführt und in seinen Schülern sah er nach eigenem Bekenntnis, wie einst der Prophet, die Kinder, die ihm Gott geschenkt hat. Wie aber echte Vaterliebe aus Strenge und Zartheit sich bildet, so war sein inniges Verhältnis zu den Jüngern mit reiflichem Ueberlegen gepaart, einer selbst auferlegten Sprödigkeit, Herbheit, fast Rauheit, dem sehr angebrachten Bemühen, die Schüler nicht zu verwöhnen und zur Erschlaffung oder Verweichlichung zu führen. Doch konnte er auch feurig loben, ermuntern und beflügeln, und daß er redliches Streben getadelt hätte, wird ihm niemand nachsagen, dem ehrfürchtige Liebe aller über das Grab hinaus folgt. Unvergängliche Anregungen haben wir von ihm erhalten, mit seiner Kritik hat er stets den Nagel auf den Kopf getroffen, seine Urteilskraft war erstaunlich!, und wie er etwas sagte, das prägte sich tief ein. So hat wohl jeder seiner Schüler vieles von ihm anfbewahrt, das ihn begleitet und nie verläßt, als Schlüssel zu seiner Persönlichkeit, die in dankbaren Herzen weiterlebt. Wie wir in seine Nähe niemals ohne leises Beben traten und.jeder vor ihm sich demütig neigte, wenn sein Wille auch entschlossenen Widerstand entwasfnete, so fühlen wir alle »och jetzt nach vielen Jahren die Segnung der weihenden Hand, die er den Scheidenden aufs Haupt gelegt. Unser Lehrer hat bis.zum körperlichen Zusammenbruch gearbeitet, den er voraussah. „Zn jung, um zu sterben, zu alt, um zu werken", schrieb der Sechzigjährige an mich; und Goethes Wort, das er dem Vorsteher Siegmund Meyer als Schicksal irdischen Ruhms nachgerufen: „UnS hebt die Welle, verschlingt die Welle, und wir versinken", stand ihm mahnend vor der Seele. „Nimm mich zu dir, bevor ich mich selbst überlebe", betete er darum ergebungsvoll bei der Feier seines Amtsjnbiläums, und bald danach hat er sich vornehm und still zurückgezogen in den Frieden seiner Familie und dort freilich vollen Ersatz bei seiner treuen und opfermutigen Gattin, in der Liebe seiner Kinder gefunden, bis zur Strinde seines Heimganges. Möge allen, die um ihn trauern, Gottes Trost zuteil werden! Seine Schüler werden ihm eine Verehrung 'bewahren, die einer von ihnen dem Meister -gelobt hat: „rabbi bechochmo, alufi buderech erez. — Bist du auch vor der Welt mein College, an Weisheit wirst du immer mein Lehrer bleiben!" Thomas G. Masaryk. P latos Wunsch ist in Erfüllung gegangen, zum Lenker eines Staates wurde ein Philosoph erwählt. Der Präsident der Tschechoslowakischen Republik ist ein Ethiker. und Soziologe von internationalem Ruse. Es ist für ihn höchst charakteristisch, daß er auch als Politiker ein Ethiker ist und das Verhältnis der Ethik zur Politik sich ihm nach dem Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft reguliert. Die Ethik ist ihm die Wissenschaft von der Lebensführung des Menschen als geselligen Wesens; eine Ethik, die darauf nicht achtet, ist ihm keine wahrhaft praktische Ethik, sowie er in Anbetracht dieser Lebensführung keinen Unterschied zwischen ethisch und politisch in dem weiten Sinne anerkennt, in dem ihn unsere anarchische Zeit gern macht. Wenn z. B. Cavour gesagt hat: „Wenn wir für uns das getan hätten, was wir für Italien unternommen haben, wären wir gewiß große Schufte", so sagt Masaryk, daß für uns die Niederträchtigkeit der Handlungen dieselbe ist und bleibt, ob sie für uns oder für das Vaterland oder für welchen Zweck auch immer unternommen werde. Die jesuitische Moral vieler Machthaber kann nur einer Weltanschauung entspringen, die das moralische Chaos bedeutet. Bei aller uneingeschränkten Wertschätzung des französischenglische.!^ Positivismus huldigt Masaryk einem philosophischen Ethizismus, der aber nicht ohne religiöse Färbung ist. Die Folgerungen seiner philosophischen Ueberzeugung vornehmlich ans soziale und politisch-nationale Gebilde, als die zunächst ethisch beeinflußbaren Gebiete, übertragend, arbeitet er auf eine philosophische Vertiefung der Religions- und Nationalitätsidee und auf Nachbesserung sozialer Doktrinen hin. Sv ist sein außerordentlich anregendes Buch über den Selbstmord als soziale Massenerscheinung der modernen Zivilisation mit offenem Hinweis auf die Möglichkeit der Versittlichung der menschlichen Gesellschaft durch Abschaffung der Zustände, welche die erschreckliche Zunahme der Selbstmörderziffer bedingen, wie Irreligiosität und mangelhafte Bildung, ge- , schrieben. Er läßt hier ergreifende, herzbewegende Töne erklingen, die allenchalben ein mächtiges Echo weckten. Er weist darauf hin, daß die Wissenschaft nur den Kopf zu befriedigen vermag, aber fürs Leben und Sterben: nicht genügt. Darum befriedige sie nur zur Hälfte, sie biete keinen moralischen Hält, vermöge die Massen nicht zu leiten; dazu sei die Religion berufen, freilich nicht die Religion und die Kirche, an die wir nicht mehr glauben und der wir nicht mehr vertrauen. Er klagt in beweglichen Worten, daß das Alte weggeworsen wird, ohne daß der Versuch gemacht wird, es durch etwas Neues 311 ersetzen, Gott auf andere Weise zu suchen nnd zu finden. Er bezeichnet es als einen ungeheuren Fehler unserer Zivilisation, daß in allen unseren Schulen, den unteren und den hohen, nur der Verstand ausgebildet wird, daß sie der ethischen Lebensführung keine Aufmerksamkeit zuwenden, sie der Kirche überlassen, als ob dieser Leuchtturm noch immer fest und ungebrochen dastände. Eindringlich weist er darauf hin, daß zwischen Religiosität — Religion im subjektiven Sinne — und Wissenschaft kein notwendiger Antagonismus besteht. Es wird wohl niemand allen Ernstes behaupten wollen, daß Männer wie Locke, Newton, Pascal, Leibniz, Kant und viele andere keine Religion gehabt hätten, falls es wahr ist, daß gerade das religiöse Gefühl den Menschen am meisten adle und über das Tier erhebe. Nächst der Irreligiosität hat Masaryk noch manches andere an unserer Kultur auszusetzen. Er trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt, daß die Schulbildung nicht die praktische Ausbildung ersetzt, die der Mensch überall im Leben gewinnen kann und soll. Die Frucht des Auseinandergehens von Leben und Schule sei die Halbbildung. Man sehe sich nur unsere absolvierten Hochschüler an. Am Gymnasium lernen sie die klassischen Sprachen, bis zu einem gewissen Grade die Literatur ihres Volkes, Mathematik und etwas Naturwissenschaft, an der Universität liegen sie ihrem Fachstudium ob, machen ihre Prüfungon in Philologie, Jurisprudenz oder sonst einem Fache und treten nun ins Leben, bringen aber für dasselbe nichts, reim, gar nichts mit. Im Leben sollen sie vor allein Charaktere sein — dazu wurden sie nicht ausgebildet; sie sollen Staatsbürger sein — sie wissen aber nichts von Politik, nur das, was ihnen die Zeitungen vorkauen; das praktische Bedürfnis schuf die Parlamente, dieses Bedürfnis erforderte ein stets allgemeineres Stimmrecht und legte jedem politische Pflichten auf, die von Tag zu Tag wachsen — aber trotzdem kümmern wir uns wenig darum, ob wir für unsere Psiichten nnd Aemter gehörig vorgebildet werden. Allein dies war