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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-08 · Heft 32 (8.8.1919) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 32 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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354 Indem hiermit die Erlaubnis erteilt wird, für diesen Zweck ruhige Versammlungen abzuhalten, werden die Vorsteher der Gemeinden aufgesordert, Vorkommnisse oder Kundgebungen zu verhindern, die gegen die Ordnung und das Gesetz verstoßen oder den Zweck haben, die Unzufriedenheit mit der herrschenden Macht hervorzurufen. | Sirgmmrd JHaybaum. | Von Rabbiner Dr. M. Salomo-n-ski (Frankfurt a. d.-O.). re Abberufung unseres betagten, ehrwürdigen Lehrers nach langen Leidensjahren, die der Hoffnung auf Genesung keinen Raum gaben, hat seine Schüler und Getreuen mit sehr großem Schmerze erfüllt, wie nur ein Plötzlicher und schwerer Verlust ihn hervorruft. Alle Regungen 'der Dankbarkeit und Liebe, Bewunderung und Ehrfurcht, nur scheinbar verebbt, durchströmen das Bewußtsein mit alter Gewalt, und das Wogen dieser Gefühle läßt eine ausgeglichene Würdigung nicht zu. Doch -wenn als Wirkung innersten Bewegtseins erhöhte Empfänglichkeit sich einstellt, dann finden auch die Andeutungen -dieses kurzen Nachrufes Widerhall bei allen, die ihn erkannt und sich zu ihm bekannt haben. Nur durch die Vertiefung der Klage führt der Prophet, dessen Echa sich an den Bestattungstag unseres Lehrers anschließt, die Kinder Israel unserer Zeit noch zum Begreifen des einstigen Unglücks, und weil er an das Nichts die Hoffnung anbaut. Wenn Bibelsätze abgeschätzt werden sollten, dürfte man darum sagen, daß der Gedanke „Haschiwenu" die fünf vorangehenden Kapitel aufwiegt. In ähnlichem, nur wenigen verliehenem Vermögen, aus dem Verlorenen, Geringen oder nicht Beachteten Werte zu schassen, liegt Maybaums Bedeutung. Das Geheimnis seiner Lebens- und Lehrerfolge war der Fleiß. Ein rastloses und kaum wieder zu findendes An-sich- Arbeiten, das unüberwindliche Hindernisse bewältigte! Alles an ihm, auch das Unbedeutende, war Leistung. Was scheinbar mühelos ihm von der Lippe strömte — es sei vorerst nur an den Vortrag seiner Gebete gedacht war schwer erkämpftes Gut. Hier gab es kein Leiern, Herunterschnurren oder Abhaspeln, es war das vollkommenste Ausschöpsen der Idee und ihrer möglichen Form. Und erst recht gilt das von seinen Predigten, die jedes Vergleichsmaß überragten, wie neidlos zngeflanden werden muß, in denen jede Wendung, jedes Wortspiel aus dem Leben geschöpft war, und wenn er von seiner alten, schönen Wohnung in der Burgstraße zu den Spreefischern sich gesellte, um ihre Sprache zu erkunden. Darum füllte auch die bloße Ankündigung einer Maybamnschen Predigt selbst die entlegenste Synagoge mit seinen Verehrern und Gegnern, die buchstäblich aus allen Stadtvierteln zusammenliefen, um keines seiner Kanzelvorträge verlustig zu gehen. Wenn dann sein blitzendes Auge über der Zuhörerschaft ruhte, mit welcher erwartungsvollen Stille harrte alles aus den ersten leisen Hauch seines beseelten Mundes, der unmittelbar das innigste Verbundensein mit der Gemeinde -herstellte. Alle lauschten entzückt und gefesselt dem Bann seines Wortes bis zu den wirklichen Kennern, die mit genießendem Behagen sich zurücklehnten oder vorbeugten und nach Schluß der Andacht geduldig warteten, um noch einmal den Mann zu sehen, der das vermochte. Wenn man bedenkt, daß trotz der edelsten Popularität seines Stils mancher nur von äußerlicher Schönheit gefangen genommen wurde, weil er- Wesen und Kerngedanken nicht ganz aufnahm, so muß man Maybaum um so mehr bewundevn, der unbeirrt vom Reiz billiger Triumphe, wie er so oft mahnend sagte, für den einen sprach, -der wirklich etwas von der Sache verstand. Wie hat er es angefangen? Dadurch, daß er mit der „Ehrfurcht vor der Gemeinde", von der er in seiner Homiletik spricht, Ernst machte, immer sub .specie aeternitatis predigte und niemals dem prickelnden Reiz der Tagesfragen Zugeständnisse machte, bei dem der Geist der Schrift vernachlässigt, eingezwängt wurde oder unterlag. Seine immer neue und überzeugende Ausdeutung des Gotteswortes, die interessante Art, wie er es einleitete, die sorgsame Meißelung, Festung, nein, man muß sagen, die unendlich feine Ziselierung der Rede, umran-kt vom Blütenduft reichsten rabbinischen Wissens, eben die Kunst im kleinen haben bewirkt, daß der sonst Kanzelreden, stark schwächende Druck, obfchon er im Grunde oft Besseres bietet als der Vortrag, wenn wir an sein Predigtwerk denken, noch helles Begeistern gewährt, mit den Jahren nicht verblaßt ist und den Gedächtnisstarken einen Beleg vom Fleiße des Verfassers gibt, denn Vortrag und Manuskript entsprechen einander verbo tenus. Zwei Beispiele kann ich dafür anführen, wie dauernd die Einwirkung seines Wortes geblieben ist und gerade von Laien gewertet wurde. Zwei bekannte Philologen haben mir unabhängig voneinander gesagt, daß Maybaums Predigten ihnen in kummervollen und kvankheitsbeschwierteni Nächten Trost und Aufrichtung gegeben haben', und ein Dtediziner hat mir erklärt, daß, so viele seiner guten Schüler er auch gehört und als solche erkannt habe, keiner dem Meister ganz gleich gekommen sei. Mit beiden Bemerkungen hat er das Rechte getroffen. Es hat, soweit ich urteilen kann, keiner in der Vollendung ihn erreicht, aber ein Abglanz seines Wesens, wie verschieden auch immer, ist in den Predigten der Schüler erkennbar. Kam jemand, wie ich das mehrfach zu verzeichnen hatte, auf Maybaums Predigtknnst zu sprechen und suchte in seinem Lobe etwas Bestimmtes anzudeuten, so konnte er, und das will viel sagen, nachweifen, welche Rede ihm vorschwebte. Ganz besonders trifft das noch heute bei seinen Kasualreden zu, die, um mit seiner homiletischen Forderung zu reden, wahre Kabinettsstücke sind un!d, ohne zu Munde zu sprechen, ohne Aufwand von Worten stets das Richtige trafen und vielfach! bewirkten, daß die Beteiligten wußten und behielten, was er ihnen ans Herz gelegt hatte, und nicht nur sagten: es war schön! Maybaum hatte sich in die Eigenart der Berliner Gemeinde, in ihre Kreise, Gruppen, Stände und Kasten mit bemerkenswertem Geschick schnell eingelebt, er hatte viel Sinn für die besondere Gedankenrichkung, Wesensart und Färbung der einzelnen Parteiungen und fand sich mit großer Klugheit in die hierdurch bedingte Stellungnahme, ohne seinen liberalen Urberzeugungen untreu zu werden. Er war ein Rabbiner, der sich, ganz gleich von welcher Stelle, noch nicht alles bieten ließ; er war kein Jasager, er hielt auf Autorität und Standeswürde und strebte sehr erfolgreich danach, daß die noch immer beklagenswerte Lage der religiösen Führer der Gemeinden sich höbe. Er beschränkte sich weislich auf den engeren Kreis rabbinischer Aufgaben, wollte nicht bei all und jeder Sache sein, aber wenn er sich für etwas einsetzte, zumal auf dem Gebiete der Wohltätigkeit, dann verstand er Erfolge zu zeitigen. So viel über Maybaums Bedeutung als amtierender Rabbiner und Prediger. Ganz besondere Verehrung aber schuldet ihm die israelitische Gesamtheit für sein gesegnetes Wirken an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, an der er säst fünfundzwanzig Jahre die wichtigen Gebiete der Homiletik, Methodik und des Midrasch aufs beste vertreten und durch wertvolle Arbeiten beireichert hat. Von diesen steht das homiletische Werk so unerreicht da, daß seit seinem fast dreißig Jahre zurückliegenden Erscheinen kein zweiter ernsthaft den Versuch gelwagt hat, die in ihm enthaltenen Grundsätze zu bekämpfen oder verbessern zu wollen. Mit dem gleichen Eifer und Gelingen, die ihn im öffentlichen Wirken auszeichnetem,

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