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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-08 · Heft 32 (8.8.1919) · p. Seite 353

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 32 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 353 (sequence 5)
Language
German
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itt allen Einzelheiten ansgearbeitet. Wäre dieser zur Annahme gelangt, so würde dies eine schwere Katastrophe bedeutet haben, da die amerikanischen und englischen Kreise die Anerkennung einer gleichgestellten jüdischen Nationalität .und der jüdischen Sprache als gleichberechtigter Amtssprache guthießen. Der gegenwärtige Vertrag findet in formeller Beziehung nicht unseren Beifall, er ist jedoch in seiner Gesamtheit als glücklich zu bezeichnen. Er rennt offene Türen ein, die wir bereits selbst geöffnet haben, und nötigt uns Konzessionen ab, die wir unzweifelhaft selbst zu machen bereit wären. Hingegen .gewährt uns der Vertrag ein Vorrecht, das wir selbst nicht in Ausspruch genommen hätten, nämlich die Einführung der Polnischen Sprache in die jüdischen konfessionellen Schulen. Ohne diese internationale Garantie hätten wir dies schon aus Gründen religiöser Toleranz nicht durchsetzen können, noch wollen." K. f. d. O. * Die Alliierten Rotten Polen für 25 Jahre besetzen. Der „Goniec Krakowski" bringt die sensationelle Meldung, daß in den Kreisen der Alliierten das Gerücht verbreitet sei, wonach die Alliierten in Polen für die Dauer von 25 Jahren die Administration übernehmen wollen, weil in Polen Unordnung herrsche und jede einzelne Provinz auf eigene Faust Politik treibe. Es ist charakteristisch zu bemerken, daß, während -die polnische Presse beim Vertrage über den Schutz der Minoritäten über Mißachtung der polnischeu Souverän ikät Jamnrer klagen ausstieß, sie dieses Gerücht, das Meifellos die Souveränität Polens in weit höherem Maße betrifft, ruhig hinnimmt und die verschiedenen Zeitungen klarzuwachen versuchen, wie gut imb nützlich eine Administration durch die Alliierten für einen großen Teil der Verwaltung sein würde. * Minister Soloweitschik über die Lage der Inden in Litauen. Einem Mitarbeiter des Wilnaer „Tog" gegenüber äußerte sich, nach einem Bericht der Jüdischen Pressezentrale Zürich, Minister Soloweitschik über die derzeitige Lage der litairischen Juden. An der Spitze aller jüdischen Angelegenheiten des jetzt am Ausbau des litauischen Staates regen Anteil nehmenden Judentums steht das Ministerium für jüdische Angelegenheiten, dessen Hauptaufgabe darin besteht, die jüdisch-nationale Autonomie durchzuführen. Bis dahin trachtet der Minister das jüdische gesellschaftliche Leben zu demokratisieren, die kulturelle Not der jüdischen Massen zu befriedigen, die ökonomische Lage zu verbessern und die jüdisch-nationalen Rechte zu verteidigen. Zwecks Organisierung der jüdischen Gemeinden werden in Kürze proportivnelle Gemeindewahlen vorgenommen werden. Nach deren Organisierung soll eine konstitutive Konferenz einberufen werden, die einen Vertreter in die Regierung zu entsenden haben wird, da der Minister sich als einen bloß provisorischen Vertreter ansieht und der Konferenz sein Mandat zur Verfügung stellen wird. Die Frage der jüdisch-nationalen Autonomie findet derzeit bei der Regierung keinen Widerstand. Dagegen ist die rechtliche Lage der Juden in Litauen keine glänzende, besonders was die Bekleidung öffentlicher Stellen betrifft, uno zwar deshalb, weil der jüdischen Intelligenz die litauische Sprache und Kultur fremd sind. Ties bessert sich jedoch von Tag zuTag. Im Kultusministerium befindet sich eine spezielle Inspektion für jüdische Schulen, die das ganze jüdische Bildungswesen leitet. Dies ist das exekutive Organ. Im August, soll eine Konferenz der jüdischen Lehrer einberufen werden, die ein Schulsekretariat als gesetzgebendes Organ zu wählen haben wird. Auch beim Ministerium für Arbeit und soziale Hilfe organisiert sich eine Inspektion als exekutives uno ein Sekretariat als gesetzgebendes Organ, denen die soziale Fürsorge der jüdischen Bevölkerung obliegen soll. Der Minister hat sich mit den wichtigsten jüdischen Organisationen Skandinaviens in Verbindung gesetzt, im Herbst eine Konferenz einzuberusen, um das jüdische Handwerk auf rationeller Grundlage wieder auszubauen. Da die Juden hauptsächlich in Städten wohnen, wird der Minister verlangen, daß die Wahlkreiseinteilung derartig festgesetzt werde, daß die Juden in der Konstituante eine entsprechende Zahl von Vertretern erhalten. Mit dem Antisemitismus verhält es sich verschieden. In Südwestlitauen ist das Verhältnis zwischen den Juden und Christen ein sehr gutes und kommen Fälle von Antisemitismus überhaupt nicht vor. Trauriger steht es im Nordosten; dort ist der Antiseinikisums stark verbreitet (Poniewiesch), und zwar -um so schärfer, je mehr man östlich und nordöstlich kommt, d. h. in Ürtö, wo der Großgrundbesitz überwiegt und die Bevölkerung mehr polvnisiert ist. In letzter Zeit hat auch eine regere Beteiligung der Juden am litauischen Militärdienst eingesetzt. Die letzte'Mobilisierung der Intelligenz ergab fast 50 Prozent Juden. Pässe werden in litauischer Sprache ausgegeben, während der Auszug der Vorschriften litauisch, polnisch, weißrusstsch und jüdisch wiedergegeben ist. Die ökonomische Lage beginnt, wenn auch nur langsam, sich zu bessern: die Arbeitslosigkeit nimmt ab, die Städte beginnen wieder zu bauen, ein Teil der Fabriken nimmt die Arbeit wieder auf, die Lebensmittelpreise steigen nicht — alles Zeichen, daß die äußere Gefahr bereits vorüber ist. Seitdem die nationale freiheitliche Bewegung der Litauer eine bestimmte politische Form angenommen hat, haben die fortschrittlichen Elemente der jüdischen Bevölkerung, die die Gemeinsamkeit ihrer Interessen mit der litauischen Demokratie anerkennen, Hand in Hand mit dem arbeitenden Litauen für die Befreiung dieser Gebiete zu kämpfen begonnen. Nach einem Ueberbkick über die Lage der Juden zur Zeit der Okkupation und der Gegenwart fuhr Dr. Soloweitschik fort: „Die Juden glauben, daß sie dank der historischen Tradition und der svzialökonvmischen Struktur mit dem Lande nicht wie Fremde verbunden sein werden, sondern wie cm lebendiger Teil der Gesamtbevölkerung des Vaterlandes." Dr. Soloweitschik berührte sodann die antisemitische Agitation, die die finsteren und feindlicher Elemente gegen die Juden führen und die ihre Grundlage darin haben, daß der abnormen- Bedingung halber jede Art Handel als Spekulation und alle Juden als Spekulanten betrachtet werden. Dies wird von verschiedenen Elementen ausgenutzt, die bei ihrer Agitation von seiten der Regierung keine Störung erleiden. „Mit Rücksicht auf did großen Interessen des Staates", schließt die Deklaration, „muß die Negierung alles beseitigen, was die enge Verewigung der Juden mit der übrigen Landesbevölkerung stört" # Ein Jndengemetzel in Odessa. Das Rumänische Preßbnreau in Bukarest meldet aus Kischinew: Aus Odessa emgetrofsene Flüchtlinge erzählen, daß in Odessa ein großer Pogrom statt-gesunden hat. Die Truppen des G>ene.rals Gregoriew, die Odessa besetzt halten, hüben eine erbitterte Verfolgung der Juden begonnen. Das Judenviertel in Odessa wurde zerniert, worauf sich ein Gemetzel erhob, dem nicht ein einziger Jude entrann. (?) Sodann wurde das Judeuvierte-l in Brand gesteckt -und dis Feuersbrunst dauerte drei Tage und Nächte an. Unter dein Eindrücke der furchtbaren Ereignisse hat die jüdische Bevölkerung der ganzen Ukraine eine Trauer von 14 Tagen angeordnot, der sich die Juden von Beßarabien angeschlossen haben. Die Nachricht klingt sehr rumänisch, wir geben sie nur unter Vorbehalt wieder. * Die interalliierte Kommission in Palästina. Der Gouverneur von Jerusalem erließ am 7. Juli eine Kundi gebung, in der es n. a. heißt: j Im Hinblick auf das baldige Eintreffen der Kommission, die von! den Alliierten nach Palästina entsandt wurde, um sich über die Bestrebungen und Wünsche der Bewohner sowie über die Gestaltung der zukünftigen Verwaltung des Landes zu informieren, wird den Einwohnern die Abhaltung ruhiger Versammlungen gestattet, um ihre diesbezüglichen Wünsche zu äußern. Die Negierung wird der BevWernng bei dieser Arbeit mit allen Mitteln behilflich sein. Erwünscht ist, daß die Führer der Gemeinden mit den grundlegenden Prinzipien des Mandatsystems vertraut werden, wie sie von den Alliierten in den Friedensvertrag von Paris ausgenommen worden sind. (Gemeint ist der betreffende in den „Times" vom 8. Mai veröffentlichte Paragraph.) Es ist wichtig zu betonen, daß die Friedenskonferenz beschlossen hat: 1. Die vom türkischen Reich befreiten Gebiete erhalten die Ratschläge und Hilfe der Großmacht, welcher das Mandat übertragen wird. 2. Das Mandat wird der Macht übertragen werden, die am weitesten fortgeschritten und dadurch berufen ist, eine solche Aufgabe zu übernehmen., d. h. einer Großmacht. Das Verständnis für diese Prinzipien wird sicherlich bestimmte Teile, der Landesbewohner daran hindern, Forderungen nach voller Autonomie oder nach Ablehnung jedes Mandats seitens einer Großmacht aufzustellen: Forderungen, die zweifellos vom Völkerbund abgelehnt werden, würden. /

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