Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229422--75075-3287562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
351 - kommen beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschasten -durch 'die Landesgesetzgebung abzulösen sind. Dagegen wunde mit geringer Mehrheit der Antrag «der Deutschnationalen angenommen, daß bis zum Erlaß eines Reichsgesetzes die bisherigen Staatsleistnngr'n bestehen bleiben. In der Sitzung deir Nationalversammlung vom 26. Juli besprach der Abg. Haas e allerlei antisemitische Machenschaften, die jetzt unter den Truppen vorbereitet und zum großen Teil in 'wohlorganisierten Geheimbünden gespeist werden. Hier knüpfte Reichswehrminister Noske an und versicherte, daß gegen die Indenhetze mit aller Energie eingeschritten würde. Er führte dabei aus: D'e antisemitische Hetze s ch ä tz e . i dh a l s s e b r aesährlick ein. weil es bei der Erreäbarkeit Vieler Menschen und der Geneigtbeit au Gewalttätigkeiten leicht au Ausschreitungen kämmen kann. Deutschlands Anseben in der Welt würde weiter beeinträchtigt werden, wenn wir au allem Unbeil auch noch Pogrome erleben würden. Der antisemitischen Hetze in Berlin nackzuaeben. ist nickt leicht, weil die Polizei nicht so funktioniert, wie es wünschenswert wäre. Der Ursprung mancher antisemitischen Hetzblätter ist ebenso schwer festznstellen wie der von svartacistischen Blättern. Wo sich eine Handbabe bietet, wird zu gepackt werden. Jede a n t i s e m i t i s ck e Hetze in d e r T r ir p p e v e r u r - t ei l e ich auf das e n t s ch i e d e n st e n n d b i n dagegen e i n - geschritten. Erst in den letzten Tagen habe ich einen Mann wegen antisemitischer Hetze entfernt. Alle Truppenführer sind angewiesen, der antisemitischen Propaganda und Pogromhetze entgegenzuwirken. Wir zweifeln nicht an dem guten Willen des Herrn Reichswehrministers, der antisemitischen Propaganda in der Truppe entgeaenzuwirken: allein die Fälle häufen sich, wo gegen seine Grundsätze verfahren wird, wie z. B. seitens des Hauptmanns Lenste in Briefen i. Westpr., des Führers der 11. Kompagnie des dortigen Infanterieregiments 61. Wie das „Berliner Tageblatt" mitteilt, mißbraucht dieser Mann den Dienstunterricht dazu. daß er seinen Leuten den Inhalt eines antisemitischen Buches von Dinter erzählt und die Lektüre dieses Buches empfiehlt. Einem Rabbiner. der sich bei ihm wegen Verbreitung antisemitischer Flugblätter bei der Truppe beschwerte, erklärte er, daß er jede Untersuchung in dieser Angelegenheit ablehne, und daß er in 'einer antisemitischen' Tätigkeit bis zum äußersten gehe. Hoffentlich widmen die zuständigen Stellen dem Treiben dieses famosen Herrn Hauvtmanns die gebührende Beachtung, damit nicht die ausländische Presse, wie kürzlich die „Daily News" über „den ersten Pogrom in Berlin", allerhand Mordsaeschichten auch über antisemitische Treibereien der Reichswehr verbreitet. Im Zusammenhang damit erwähnen wir hier auch das von der Reichsregierung soeben herausgegebene Weißbuch über die Vorgeschichte des Waffenstillstandes. das geeignet ist, i'ber die Ereignisse, die zum Waffenstillstand führten, völlige Klarheit zu geben, auch geeignet ist, jeder Legendenbildung vorznbengen, insbesondere der von den Deutschnationalen imb Antisemiten immer wieder ausgestellten Behauptung entvegenznwirken, daß die Revolution, an der auch eine geringe Anzahl Inden beteiligt war, erst den Zusammenbruch veranlaßt babe. Aus den veröffentlichten Aktenstücken, die sich ans die Zeit vom 14. August bis zum 11. November 1918 beziehen, wird dokumentarisch bewiesen, daß der Zusammenbruch Vichts weiter als eine Folae des verlorenen Krieges war. Die Urkunden geben die Beratungen und Verhandlrmgen nieder, die zwischen der Regierung und der Obersten Heeresteitnng stattgefiunden haben, nachdem diese auf Grund des militärischen Umschwunges im Juli und im August 1918 zu dem Schluß gekommen war, daß der Feind trotz der gewaltigen Leistungen unserer Heere nicht mehr durch einen Sieg zum frieden genötigt werden könne. Wir sehen in großen Zügen das Entwicklungsbild, dessen Ausgangspunkt die Kaisersitzung in Spa am 14. August 1918 ist. Der Entschluß des Kaisers lautete bereits damals: Es müsse auf einen geeigneten Zeitpunkt geachtet werden, wo wir uns mit den Feinden zu verständigen hätten. Schon am 10. September tritt eine teilweise Aendernna ein. Hindenburg erklärt sich nunmehr mir der Vermittlung einer neutralen Macht zur Herbeiführung einer Aussprache ohne Aufschub einverstanden. Die Versuche führen nicht zum Ziel, Bulgariens Zusammenbruch verschärft die Lage wesentlich. Ende September tritt die Aktion in ein neues Stadium. Das Weißbuch zeigt das Drängender Obersten Heeresleitung, die einen sofortigen Abschluß des Waffenstillstandes fordert. Mar von Baden wird Reichskanzler, will aber Zeit für seine Friedensaktion gewinnen. Er macht auf -die Folgen eines Friedensschrittes in diesem Zeitpunkt aufmerksam, Hindenburg erklärt aber, daß die Oberste Heeresleitung auf ihrer Forderung der sofortigen Absendung des Friedensangebots bestehen bleibt. In der Nacht vom 3. znm 4. Oktober geht die Note ab. Am 5. Oktober kommt Wilsons Antwort. Mer nach der zweiten Note des Präsidenten dreht sich das Verhältnis zwischen der Obersten Heeres- und der Reichsleitung. Die scharfen Bedingungen waren bekanntgeworden, und die Oberste Heeresleitung versucht nun eine Verschiebung der Verantwortlichkeit. Es folgen die Erörterungen über die Möglichkeiten eines weiteren Kampfes. Die Oberste Heeresleitung drückt sich immer ungewiß und unklar aus. Es bleibt nichts anderes übrig, der beschrittene Weg muß fortgesetzt werden, und es folgt der Abschluß des Wafsenstillstandes. Im letzten Stadium bestehen keine Meinungsverschiedenheiten der Regierung mit der Obersten Heeresleitung mehr. Hindenburg gibt noch die Punkte an, in denen eine Erleichterung versucht werden -muß. Er fnnkt aber am 10. November, daß trotzdem abzuschließen ist. Damit schließen die Urkunden. Auch der vom Reichsfinanzminister E rzbe r g e r in offener Sitzung der Nationalversammlung an die Adresse der Alldenffcken gerichteten großen Rede sei hier Erwähnung getan. Bekanntlich behaupten die Deutschnationalen und ihr Anhang, „der schmachvolle Friede sei ein Werk der Juden", und suchen so mit der sie allein treffenden Schuld an dem Krieg und seinem unglücklichen Ausgang andere zu belasten. Bei Erzberger sind sie jedoch an den Unrechten gekommen. Er bat den alldeutschen Antisemiten im eigenen Namen und ohne Absicht auch für die Inden eine wuchtige Abfuhr vor Deutschland und vor der Geschichte erteilt. . In seiner historischen Rede, die wir festhalten müssen, heißt es unter anderem: ..Wir muffen dem den ticken Volke sagen, wie es zwei Jahre aewissentos geführt wurde. Hätte es diese Bedingungen besser gewußt, so hätte es einfach den Frieden erzwungen. Ende September war die von ehrlichem Millen des Deutschen Reichstages getragene Friedenspolitik auf einen verständigen Ausgleich durch die Agitation erledigt. Die Hoffmmg, die auch die anderen Völker hatten, wurde mit einem Schlage vernichtet. Deutschland ist mit offenen Augen in den Tod hineingerannt. So kam das Jahr 1918. Jeder Versuch. diese Seite zur Vernunft zu bringen, wurde mit militärischen Mitteln niedergeschlagen. Die Antwort war, man möge noch ein Weilchen warten, und dann kam Ende September der militärische Au sammenbruch." ,.Wir haben die Vermüwortung übernehmen müssen für das, was Sie verbrochen haben. Wir werden aber niemals zugebe-n-, daß . Sie versuchen, ans der Verantwortung, die auch Ihre Schuld ist. unsere Schuld zu machen und uns heuchlerisch mit Hohn und Haß zu übergießen. Ter F r rede nsv er trag ist die Schlußrechnung eines Krieges. Wer den Krieg verliert, vertiert den Frieden. Wer aber hat den Krieg verloren? Diejenigen, die mit unvernünftigem, trotzigem, veMend-etem und verbrecherischem Eigensinn sich der Möglichkeit eines -ehrbaren Friedens entgegenstellten. Und wenn Sie zehnmal durch Ihr lautes Nein Ihre Hände in Unschuld waschen