Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 350 Antisemitismus auf der einen, Boykott von der anderen Seite. Durch letzteren wurde die Begründung vieler Polnischer Geschäfte veranlaßt. Der Waren- und Getreidehandel, der bis dahin in jüdischen Händen lag, wurde ihnen größtenteils durch die neuen Geschäfte, denen polnische Banken reichliche Mittel gewährten, entrissen; die evangelische Bevölkerung, dllrch die antisemitische Bewegung in Erregung gebracht und erhitzt, suchte das Geschäft des Polnischen Christen für seine Ein- und Verkäufe auf, weil der Haß gegen dein Juden noch größer war als der gegen den Polen. Aber wie so oft zeigte sich cmri) hier die Wahrheit des Wortes, daß der Haß ein Teil jener Kraft ist, die das Böse will, aber das Gute schafft. Biele Juden der Provinz Posen, besonders die jüngeren und jungen Leute, sahen sich durch Nahrungssorgen gezwungen, den „Staub der bisherigen Heimat von ihren Lüsten zu schütteln" und ihr Glück teils überm „großen Teich", teils in den „Großstädten" des Reiches zu suchen. Wer heute die Großgeschäfte in Berlin, Hamburg, Breslau, Königsberg usw. aufmerksam mustert, wird finden, daß ihre Besitzer zum sehr großen Teil aus der Provinz Posen stammen. Der Fleiß, die Umsicht, der Wagemut, kurz: die Intelligenz der „Iungens aus der Provinz" hat es bewirkt, daß das erweiterte Gebiet ihrer Tätigkeit sie zu Besitzern von großen Warenhäusern und Fabriken gemacht hat. Aber auch in religiöser Beziehung si.nd diese aus Polen, so wird die Provinz Posen als Ganzes genannt, stammenden Inden ein Ferment für die Glaubensgenossen, unter denen sie leben, geworden. In den jüdischen Berwnltnngen sind diese „Eingewänderten" vielfach zu finden und betätigen sich dorr nicht zum Nachteil der jüdischen Bevölkerung. I,n> den Gotteshäusern sind auf der Kanzel, am Betpnlt „Posener" zu finden. Unter den Lehrern der Hochschulen, der öffentlichen und Religionsschulen sind sie zahlreich vertreten. Bon denjenigen Juden, die an Sabbat- und Festtagen das Gotteshaus aufsuckien und den „Segen über die Thora" sprechen, stammt die Mehrzahl ans dieser Ostprovinz. Selbst die I'ttdische Reformgemeinde in Berlin zählt unter ihren Mitaliedern zahlreiche Personen, die alls der Provinz Posemdorthin gekommen sind. So hat der „Iug nach der Großstadt" die Städte der Provinz um dengrößten Teil der^jüdischen Bevölkerung gebracht, und der künftige Herrscher, der Pole, kann nur dllrch eine milde lind gerechte Regierung die noch an» lässigen Juden, die besten Steuerzahler, die kenntnisreichste und rllhigste Bevölkerung, die ihm, richtig behandelt, an dem Aufbau des neuen Staates nn!d einer gedeihlichen Wirtschaft Helsen kann, im Lande sesthalten. Wie sehr die einst so blühenden jüdischen Gemeinden in der Provinz Posen durch diese Abwanderung zilsammengeschmolzen sind, wie sich die Stellerkraft der städtischen Bevölkerllng dadurch vermindert hat, geht alls folgenden Zahlen hervor. Im Regierilnasbeürk Posen gibt es jetzt nur noch vier Städte, die eine jüdische Bevölkerung von mehr als 500 Seelen ausweisen. Es sind dies: Posen mH rund 5500, Lissa mit 800, Kenrpen und Ostrowo mit je 700. Der Regierungsbezirk Bromberg zählt in Bromberg selbst rll'nd 1300, in Hohensalza lInowrazlnw) 900. in Gnesen 700 und in Schneidemühl nicht ganz 600 jüdische Seelen. In allen anderen Städten schwankt die Zahl der jüdischen Bewohner zwischen 400 und unter 100. Wie schon bemerkt, sind die Nrnrgroßväter der jetzigen jüdischen Bevölkerllng alls dem einstmaligen Polenreich, „der Rot gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", in diese Provinz gekommen. Unter der Bevölkerung, die Prellßen dllrch die erste Teilung Polens im Jahre 1772, dllrch die 1793 erfolgte zweite und 1795 fortgesetzte dritte Teilung erhielt, waren viele Juden, die sich den Anordnungen der neuen Regierung nolens volens fügen mußten, Preußen gelvorden. Wohl haben sie oft an die zeitweise gute Behandlung — verwöhnt waren sie nicht —, die ihnen einzelne polllische Könige haben ange-deihen lassen, gedacht; wohl haben sie sich des ihrer Mitte entstammten „Eintagskönigs" Saul Wahl mit Wehmut erinnert, aber im Laufe der Zeit handelten sie entsprechend dem Gebote: „Befördert das Wohl des Staates und der Stadt, wohin ich euch habe führen lassen, denn in ihrem Wohl besteht auch euer Wohl." Sie, die Juden in Polen, assimilierten sich schnell. So erzählt Professor Berliner, daß 1793 ein Reb Hirschel auf dem Marktplatze seines Hemratstädtchens Qbersitzko (Regierungsbezirk Posen) noch eine fulminante Rede fließend in polnischer Sprache gehaltenhabe. Es waren, aus ihnen aber doch treue preußischi-deutsche Untertanen geworden, die ihr Leben, Gut und Blut im Weltkriege für die Verteidigung, des Vaterlandes opferten. Hoffen wir, daß auch das neue Polen an jene Zeiten denken und seinen alten, jetzt wieder neuen Untertanen eine gerechte und menschliche Behandlung, die auf den Gesetzen von Recht und Gerechtigkeit basiert, wird angedeihen lassen, daß Menschen-- und Nächstenliebe die neue Regierung abhalten wird von ähnlichen Schandtaten wie die jetzt leider so vielfach an unseren Brüdern im entfernteren Osten verübten und daß sie sich, bemühen wird, durch humane Gesinnung und Ausübung der Gesetze den Beweis zu erbringen, daß sie zu den Kulturvölkern gezählt zu werden verdient. Unseren in dieser Provinz noch lebenden Glaubensbrüdern sei aber zugerufen: „Allgegenwärtig ist Gottes Blick; er schaut das Böse und das Gute! biattT’ sw" DU' vb ."UH Siehe! er schläft nicht und er schlummert nicht, der Hüter Israels!" Dir Wache. Berlin, 4. August t919. ie Deutsche Nationalversammlung hat vergangenen Donnerstag nach einer Dauersitzung von fast zwölf Stunden ihre wichtigste Aufgabe, die Verabschiedung der neuen Verfassung, gelöst. Mit 262 gegen 75 Stimmen, bei einer Stimmenthaltung, wurde das Verfassungswcrk, dessen Schöpfer, nebenbei bemerkt, im wesentlichen unser Glaubensgenosse Professor Hugo Preuß ist, genehmigt und in diesem historischen Augenblick neuer deutscher Geschichte eine Fahne in den Farben Schwarz-Rot-Gold aus dem Gebäude der Nationalversammlung aufgezogen. Die Mehrheit setzte sich aus Sozialdemokraten, Demokraten und Zentrum zusammen; gegen die Verfassung stimmten die beiden Rechtsparteien und die Unabhängigen. Das Ergebnis wurde mit lebhaftem Beifall begrüßt. Von besonderem Interesse sind für uns Juden diejenigen Artikel der Reichsverfassung, die laut der in der zweiten Lesung erfvlgten Abstimmung die religiösen Grundrechte regeln. Im Artikel 132 ist die Glaubens- und Gewissensfreiheit festgestellt, die Gedankenfreiheit ist herausgelassen. Dm Antrag der Unabhängigen auf vollständige Trennung von Kirche und Staat wurde gegen die Stimmen der Antragsteller abgelehnt. Die Frage der Religivnsgcsellschastcn wurde dahin entschieden, oaß die Religionsgesellschaften Körperschaften des öffentlichen Rechts bleiben, soweit sie bisher solche waren, und daß anderen Religionsgesellschasten gleiche Rechte zu gewähren sind, wenn sie durch die Zeit ihres Entstehens und die Zahl der Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten. Ein Antrag Heinze-Kahl, daß auch Verbände öffentlich-rechtlicher Religionsgesellschaften öffentlich-rechtliche Körperschaften sein sollen, wurde abgelehnt. Der Antrag der Sozialdemokraten, daß die Rechte der Mitglieder von Religionsgemeinschaften nicht von geldwerten Leistungen abhängig gemacht werden dürfen, wurde abgelehnt. Ebenfo der Antrag Heinze-Kahl, wonach auch die auf Her-