Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-08 · Heft 32 (8.8.1919) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 32 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229422--75073-3287560
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

83. Jahrgang. Nc. 32 111£ BecUn, 8. Huguft 1919 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag r»on Rudolf Mosse Berlin. Diese Zeitungerscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch, Handel oder die Post (in Berlin und Vor» orten durch unsere vertriebssteÜen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. TInfmft * ^ic 3irben in der Provinz Posen. Von P a n l M o c f i l e §. . __ D i e Woche. — Siegmund Mahdaum. Von R-abbiner Tr. M. S a l v m v n sk i (Frankfurt a. d. Q.). — Thomas G. Mafarvk. Von-I. B. Münz (Wien). — Sederg-estell. Don .-V. K. -- Reisebrief. Von Nathan Cohn (Ch-arlottenburg). — Feuilleton: Benjamins Liebeslied. Roman von Samuel M e i s e l s. — Lesefrüchte. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage der „Allgemeinen Zeitung oes Judentums"): Berlin, Königsberg i. Pr., Tilsit, Ratibvr,' Salzbrunn, Hamburg, München, Tffenbach a. M., Frankfurt a. Bi., Bern, Wien. — Don Nah und Fern. Dir Juden in der Drovin? Kosen. Bon P a -u t M oc? ile s. as Charakterbild der Juden, ihre Bedeirtung für das Emporblühen der Länder, in denen sie Bewegungsfreiheit besaßen, ihre erfolgreiche Betätigung auf allen Gebieten der Wissenschaft, Industrie und Handel ist durch Haß tlnd Vorurteil so entstellt und verzerrt worden, daß nur wenige Geschichtsschreiber in ihren Darstellungen ein wahres nnd richtiges Bild von dem moralischen und wirtschaftlichen Wert der jüdischen Bevölkerung für die Gegenden, in denen sie in einer Anzahl lebte, die werte- und sittenbildenden Einfluß auszuüben vermochte, gegeben haben. Es ist allgemein als eine wahre und richtige Tatsache anerkannt worden, daß die Staaten, die Länder, die ihre Juden billig und gerecht behandelten, ihre Wirksamkeit nicht durch imgesetzliche und ungerechte Eingriffe und Bestimmungen erschwerten, im Gegensatz zu den Staaten, die eine ju«denfeindliche und gehässige Politik verfolgten, sich des Wohlstandes und der Blüte ihrer Unternehmungen zu erfreuen hatten. Ganz besonders läßt sich diese Feststellung in der Provinz Posen, die jetzt unter einer Bevölkerung von 2 Millionen Seelen etwa noch 25 000 Einwohner jüdischen Glaubens zählt, Nachweisen. Von dieser Zahl der Inden leben im Regierungsbezirk Posen rund 16 000 und im Regierungsbezirk Bromberg 9000, die nach dem Friedensvertrage unter die Gewaltherrschaft Polens gelangen und eine bisher, wenn auch nicht glückliche, so doch erträgliche und bezüglich ihres Lebens und Vermögens gesicherte Stellung innehatten. Eine rechtlose Behandlung, wie das Polenvolk sie unseren östlichen Glaubensbrüdern seit Beginn des Waffenstillstandes zutcil werden läßt, die weder Leben noch Besitztum schont, sie peinigt ilnd quält, war den Juden unter der bisherigen Regierung gottlob unbekannt. Besonders war der jüdische Kaufmann in dieser Provinz vermöge seiner Intelligenz, seiner Umsicht, seiner besseren Schulbildung für die größeren und ganz besonders für die kleineren Städte von unschätzbarem Werte. So kam es, daß in den meisten Städten jüdische Magistratsmitglieder und Stadtverordnete bestimmenden Einfluß auf die städtischen Angelegenheiten, auf die Schulverwaltungen ausübten und zum Segen ihrer andersgläubigen Mitbürger tätig waren. Die deutsche Bevölkerung evangelischer Konfession (die katholische Bevölkerung rechnet.sich in dieser Provinz durchweg zu den Polen) würdigte diese Tätigkeit rmd verband sich bei allen Wahlen, den städtischen wie den staatlichen,'mit der deutschen Bevölkerung jüdischen Glaubens, wodurch die Polen in die Minorität gedrängt wurden. In den Ortschaften, in denen die Inden das „Zünglein an der Wage" bildeten, trat bei den Wahlen eine Werbejagd um die Gunst der Inden ein, da jede der beiden Parteien durch die Stimmen dieser Wähler den Sieg erringen wollte. Selbstredend ließen sich die Inden von ihrem Deutschtum nicht abbringen und widerstanden den Lockungen der Polen aus reiner patriotischer Gesinnung. Nach beendeter Wahl vergaß der siegende Deutsche die wertvolle Mithilfe der Juden, während bei der unterlegenen Partei der Hast gegen sie, die ihr die Niederlage bereitet hatte, sich immer mehr verstärkte. Mit Einführung der Reichstagswahlen wurde der Gegensatz zwischen beiden. Parteien immer größer, und die Juden kamen zwischen zwei Feuer: dem deutschien Wähler aus der einen und dem polnischen auf der anderen Seite; beide bedrängten sie gar arg, aber auf die vaterländische Gesinnung der jüdischen Bevölkerung vermochte diese Bedrängnis, die meist mit Vermögensschädigung verbunden war, keinen schädlichen Einfluß auszuüben. Es kann darin ein Beweis dafür erblickt werden-, daß dem Juden das „Deutschtum" bei weitem höher steht als die Nationalität, die der Zionismus für seine Zwecke durch ein jüdisches Volkstum erzwingen will. Das geschah in der Provinz Posen, deren größter Teil der jüdischen Bevölkerung von den Inden abstammt, die durch die dreimalige Teilung Polens an Preußen gekommen sind. Die Juden der Provinz Posen sind tatsächlich deutsch mit Leib und Seele. Ihre Trauer um den Verlust ihrer Zugehörigkeit zmn Deutschen Reiche ist darum groß und kommt aus 'ehrlichster Gesinnung. Der Notschrei einzelner jüdischer Großgemeinden an die Friedenskommission war leider vergeblich, beweist aber die innere Erregung der jüdischen Bevölkerung der Provinz Posen und ihre Treue, mit der sie dem Deutschtum anhängt. Einen Dank haben die Inden nie verlangt und auch nie erhalten. Die evangelische Bevölkerung hat sich nicht abhalten lassen, dem durch den evangelischen Hosprediger Stöcker unseligen Andenkens inauguriertem Antisemitismus den Steigbügel zu halten, und hat dieser „Schmach des Jahrhunderts", dieser „Schmach der Menschheit" auch in der Provinz Posen zur Blüte verholfen, während die Polen zum größten Teil sich ihm sernhielten. Nur vor einer jeden Wahl besann sich die evangelische Bevölkerung auf die „lieben jüdischen Mitbürger", wie der letztverflossene Zar in seiner Not an seine „lieben Inden" sich zu erinnern die Gewogenheit hatte. Bor länger als dreißig Jahren hat deshalb der Schreiber dieser Zeilen in d i e s e „ein ^„respicejinem" als Garnung zügerusel^und sie ersucht, sich öei^Wahlen^nicht zu exponieren. Die Juden kamen zwischen fltoeffyattfSteine:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.