Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
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346 Sabbatnachmittagen ihren Enkelkindern Obst und Zucker zu geben Pflegten. Sara-Lea, des Hauses Töchterchen, saß sittsam mit einem Stickrahmen am osfenstehenden Fenster llnd schien sich! mehr für die Passanten auf der Straße als für ihre Arbeit zu interessieren. Jossel Schlüte aber, der sonst Redselige und Redegewandte, konnte diesmal im Beisein, seines Vaters eine gewisse Scheu nicht überwinden und unterhielt sich! mit Benijamin nur im Flüstertöne. Alles das wirkte auf Benjamin fast deprimierend. Er fühlte sich in diesem biederen Familienkreise, der anscheinend ans dem engbegrenzten Zirkel traditionell-er Sitte nicht herauskam, wie in Banden geschlagen. Ihn dünkte es so kalt in diesem Heim dds wohlhabenden Kalman Schlüte, so eiskalt; ihn fröstelte. Dieser Eindruck ward jedoch bald verwischt. Schon beim zweiten, Besuch umfing Benjamin im Hause Schlütes eine wohlige, wonnige Wärme, llnd bei den darauffolgenden Bcsnchen füllten sich die Räume mit eitel Sonnenschein. War's glücklicher Zufall oder lvustte Benjamin den richten Zeitpunkt zu wählen - genug, so oft er kam, war Kalman abwesend und Mutter Zirele in der Küche beschäftigt, und Jugend konnte sich sonach ungehindert zur Jugend gesellein und alle ihre Nichtigkeiten und Wichtigkeiten nach Herzenslust allslassen. Das Beisammensein war besonders anregend und gemütlich, seitdem Sara-Lea, als Dritte im Bunde, an den Unterhaltungen teilnahm. Niemand hätte es zu sagen vermocht, wieso es kam, daß Sara-Lea in den von Jossel Schlüte geschaffenen Freundichastsbund miteingeschlossen wurde. Eines schönen Tages saß sie zusammen mit Benjamin uvfo Jossel am Tische, kameradschaftlich und vertraulich', als wäre es immer so gewesen, als hätte es nimmer für sie ein Sittsamsitzen und einen Stickrahmen und ein offenstehendes Fenster gegeben. Auch ihr Bruder und Benjamin fanden es ganz in der Ordnung, daß Sara-Lea neben ihnen am Tische saß, an ihrer Unterbaltnng sich beteiligte, ihren altklugem Reden lauschte und gleichsam als Entgelt artig lind unbefangen mit ihnen scherzte. Obwohl hierorts eine unkluge Erziehung, die die Jugend aller Arglosigkeiten und Einfältigkeiten beraubte und im ilnrgen Gemüt alle Ouellen natürlichen Frohsinns verstopfte, schon die Kinder im Rosenkleide das Distanzhalten zwischen den Geschlechtern lehrte, kam es Sara-Lea und Benjamin dennoch nicht zum Bewußtsein!, daß ihre treuherzigen Vertraulichkeiten gegen den ortsüblichen Brauch und die strenge Sitte des Schlüteschen Hauses verstießen. Es lag viel Unbekümmertheit in diesem Freundschaftsbund, der zustande kam, ohne daß sie sich des Wie und Wann bewußt geworden wären; es lag ein beseligendes Gefühl in diesem Sichnäherkommen, ein Gefühl des Befriedigtseins, des Beruhigtwerdens, wie Hierin ein stillgehegter frommer Wunsch kraft seiner Jnteuisität von selber v\v Erfüllung gegangen wäre. Sara-Lea brachte einen leichten Ton in ihre schwerfällige Unterhaltung, gab ihnen das Lachen wieder, das sie innerhalb der grauen Wände des Lehrhauses fast verlernt hatten, und begnadete sie mit jener sorglosen Heiterkeit, die ihrem Alter viel angemessener war als der von» Schule und Haus gewaltsam gezüchtete Lebensernst. Da Sara-Lea mit Vorliebe Polnisch sprach und Benjamin als Bursch vom Lande sich in dieser Sprache gewandt genug allsdrücken konnte, so floß gerade zwischen ihnen die Unterhaltung munter fort. Im polnischen Schrifttum war Sara-Lea ziemlich bewandert, denn sie befand sich gerade in dem Zeitabschnitt des Lebens, wo die Bildunigsgier für gewöhnlich in maßlose Lesewut umzuschlagen und alles Gedruckte, ohne Rücksicht auf dessen Wert oder Unwert, wahllos zu verschlingen pflegt. Mit viel Eifer und nicht ohne Stolz gab Sara-Lea ihre Literatur kenntnisse zum besten; sie sprach mit Benjamin von den Dichtern, die sie kannte, von den Büchern, die sie gelesen. Mitunter las sie etwas aus einem Buche vor oder sie deklamierte mit feierlichem Schwung irgendeine Ballade von Mickiewicz oder irgendein Gedicht aus den biblischen Gesängen Kornel Ujejskis — und Benjamin lauschte unt> fühlte sich fortgerissen von dem Strom traumgewordener Wirklichkeiten, und ein neuer Himmel und eine neue Erde taten sich vor ihm auf, eine Welt voll singender, strahlender Herrlichkeiten, eine Welt, von der in den staubigen 'dicken Folianten nichts geschrieben stand ... Nach solcher Erholungskur im Haufe Schlütes pflegte Benjamin sein? Schritte nach dem Häuschen Rabbi Dowbers zu lenken. Da er sich angeregt, seine Sinne allem Schönen und Freudigen geöffnet fühlte, flüchtete er fast unbewußt aus dem Reiche der Poesie in das Reich der Phantastik, um der kalten Atmosphäre seiner engeren Umgebung so lange wie möglich fernzubleiben. Benjamin gehörte nicht zu denen, die in Rabbi Dowbers Worten die Stimme Gottes vernahmen und in seinen Taten die Wunder des Allmächtigen sahen. Er wußte es, daß seine Bäter und Vorväter den Ehassidismus als Irrlehre zu verdammen pflegten und den Wunderrabbi mitsamt seinen Chasstdim bestenfalls als betrogene Betrüger hatten gelten lassen, und er dachte nicht daran, seinen Familientraditionen untreu zu werden. Aberwenn er in die offenen leuchtenden Augen des Rabbi blickte, ging es wie ein leises Ahnen durch sein Gemüt, daß dieser Mann wohl ein Wundertäter war, ein Trostsp?nder und Sorgenbrecher, ein Mann, dem die göttliche Gabe ward, in der Nachtschicht Geborene in das Licht des Lebens zu führen und in verdüsterten Herzen Flammen der Begeisterung zu entfachen. Im Hause Rabbi Dowbers fand Benjamin immer viele Ehassidim versammelt, die Wundermären erzählten und Lieder sangen und mitunter, wenn durch Wundermär und Lied die Stimmung mächtiglick' schwoll, einen heiligen Tanz aufführten. Hier fand Benjamin Aufheiterung und Zerstreuung, auch hier durfte er nach Herzenslust in des Traumlands Gefilden wandeln und eine neue Welt schallen, eine Welt, von der in den stanbigdicken Folianten nichts geschrieben stand . . . Zuweilen überkam Benjamin auf d?m Heimweg ein Gefühl des Unbehagens, wenn er rückwärtsschallend den beiden Häusern einen Dankesgruß zusandte. Ja, warum standen die beiden Häuser so dicht beieinander,? Warum mllßten sie denn Nachbarn sein? Konnte nicht das eine „Alls dem Hügel", am entgegengesetzten Ende der Stadt das andere stehen? Benjamin hatte das Gefühl, daß zwischen diesen beiden Hällsern irgendwelche Beziehllngen vorhanden sein müßten, llnd dieses Gefühl erfüllte ihn mit Trau^ Ja, was in aller Welt störte ihn das? Was kümmerte es ihn, in welchem Stadtwinkel Kalman Schlüte sein Wohnhaus hatte? Tat es ihm vielleicht leid, daß das Schlütesche Haus nicht in der nächsten Nähe von Onkel Chajims Wohnung sich befand? Das konnte ihm nicht leid tun . . . denn das weißgetünchte Haus verkehrte das Gesetz der Anziehung, indem mit der Entfernung die Anziehungskraft wuchs. Nein, das gelbgetünchte Halls stand schon am rechten Platze, nur die Nachbarschaft des hockenden Häuschens Rabbi Dowbers paßte Benjamin nicht. Warum ihm die Nachbarschaft nicht paßte, warum er darüber zuweilen mißmutig, ja traurig wurde,