Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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widerspricht. Jni den jüdischen Religionsbüchern haben mm die Gegner der Juden bloß eine einzige Stelle gefunden, welche einen AMang an die heidnische Dämonologie besitzt, und zwar im 1. Buch Moses (6, 1—4), wo man liest: „Da sich aber die Menschen beginneten zu mehren auf Erden und zeugeten ihnen Töchter, da sahen! die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschon», wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten. Es waren auch zu den Zeiten Tyrannen auf Erden, denn da die Kinder Gottes die Töchter der Menschen beschliefen und ihnen Kinder zeugten, wurden daraus Gewaltige in der Welt und berühmte Leute." Diese Stelle wird nun so erklärt, daß man unter den ,.Kindern Gottes" Engel zu verstehen habe, die sich mit den Menschen vermischt hätten, deshalb gefallen und von Gott verstoßen worden wären. Gefallene Engel, zu denen, natürlich auch der Teufel als ihr Herr gehöre, seien aber ni-ckits als die Dämonen aller anderen nichtmonotheistischen Völker. Daraus habe sich dann der jüdische Götzendienst ergeben. Die Phrase „durchs Feuer gehen" sei nämlich «nichts anderes als eine Umschreibung des Götzendienstes, wie aus dem 5. Buche Moses (12, 13) hervorgehe, wo es heiße: „Du sollst nicht also an dem Herrn, deinem Gotte, tun, denn sie. haben ihren Göttern getan, alles, was dem Herrn ein Greuel ist und was er haßt, denn sie haben auch ihre Söhne und Töchter verbrannt ihren Göttern." Es ist eigentlich unlogisch, daß dieses Zitat von den Gegnern der Juden angezogen wird, denn es heißt ja haarstharf, daß Moses den Götzendienst verdammte. Solche Gebote und Verbote findet man indessen sehr viele und sie stimmen vollkommen mit der sonstigen Ueberlieferung dahin überein, daß die Juden«, oder besser gesagt die Hebräer, damals vom Götzendienste anderer Völker geradezu umbrandet waren., weshalb sie denselben auch kannten, daß sie aber infolge ihrer strengen Religionsvorschriften ihren Monotheismus von der Infizierung zu bewahren verstanden. Götzendienst und Magie sind Begriffe, die zusammengehören. Die ältesten Völker und auch die heutigen nnzivilisierten Volksstämme stellten fiidh die Welt als einen ewigen Kampf zwischen Menschen, Göttern und Dämonen vor. Die Beschwörung der überirdischen Gewalten ist Sache des Magiers oder Medizinmannes. Magie oder Zauberei ist eben jede aus Aberglauben entspringende oder auf Grund abergläubischer Vorstellungen erklärte Handlung. Die Juden kannten sehr wohl die hochentwickelte chaldäische Magie/ und bewunderten die astronomischen Kenntnisse dieses Volkes, sie lernten später die berühmte ägyptische Zauberei kennen und sie bekamen auch täglich heidnische Gebräuche der Nachbarvölker zu sehen, die Heiligkeit ihrer eigenen Religionsbücher wurde ihnen aber offiziell so eingebläut, daß sie Götzendienst und Zauberei für identische Begriffe und daher für eine Sünde gegen ihren einzigen Gott betrachteten. Tatsächlich stellt Moses auch die beiden Begriffe stets zusammen. Im Buche (10—12) lesen wir zum Beispiel: „Daß nicht unter dir gefunden werde, der seinen Sohn! oder Tochter durch Feuer gehen lasse, oder ein Weissager, oder ein. Tagewähler, oder der auf Vogelgeschrei achte, oder ein Zauberer, oder Beschwörer, oder Wahrsager, oder Zeichendeuter, oder der die Toten frage. Denn wer solches tut, der ist dem Herrn ein Greuel, und um solcher Greuel willen vertreibt sie der Herr, dein Gott, vor dir her." Solche Vorschriften beweisen allerdings, daß es damals genug Leute gab, die sich mit abergläubischen Dingen ab gaben, sie zeigen aber auch, daß diese Haltung den Vorschriften und der religiösen Lehre diametral entgegengesetzt war. Moses setzte auf den Götzendienst und daher nicht minder auf jede Zauberei die Todesstrafe durch Steinigung. So droht das 3. Buch (20, if und 27): „Und der Herr redete mit Moses 345 -- und sprach: Sage den Kindern Israel: Welcher unter den Kindern Israel oder ein Fremdling, der in Israel wohnet, seines Samens dem Moloch gibt, der soll des Todes sterben, das Volk im Lande soll ihn steinigen." Allerdings waren airch die Juden von einer religiösen Mantik nicht frei. Sie hatten ihre Wunder, sie glaubten an ein direktes Eingreifen des unsichtbaren Gottes gegenüber besonders begnadeten Menschen, wie es z. B. Moses war. Dieser vermockte Gott von Angesicht zu Angesicht zrr sehen. Die Wege, wie sich Gott kundtat, wurden desgleichen vielfach den heidnischen Religionen! entlehnt. Wenn z. B. im 1. Buche Samuel der Vers vorkommt: „Und er (Saul) fragte den Herrn!, aber der Herr antwortete nicht, weder durch Träume, noch durchs Licht, noch durch Propheten," so bedeutet das Wort „Urim" (Licht) wohl den Stein am Brustschilde des Hohenpriesters, welcher dem Edelstein auf den chaldäischen Götzenbildern gleicht. Anders wurde es freilich in der babylonischen Gefangenschaft. Dort lebten die Juden ol.ne das strenge eigene Gesetz mitten unter den heidnischen Siegern und wurden so mit deren magischen Künsten vertraut. Es entwickelte sich eine rege jüdische Literatur. Aber auch da noch schlug die Verehrung der eigenen Religion durch, so daß die Juden die fremde Dämonologie mit ihr zu verschmelzen versuchten. Dies gelang den jüdischen, Theologen!, und fortan finden sich and) m ihrem Volk allerhand Beschwörer und Zauberer. Es wäre indessen unrichtig, diese Magier Leute zu nennen, die auf den Aberglauben! der anderen spekulierten. Die spätere Magie ist in Wahrheit nämlich nichts anderes als die Wiege der modernen Wissenschaft. Die Mauren brachten mümlidj bk Geheimwisserscha f t e n in einer so vollkommenen Gestalt nach Europa, daß dieses in hellste Begeisterung und gläubige Bewunderung geriet. Selbstverständlich regten diese Resultate die europäischen Denker an und es entstand airch hier eine Literatur, die sich als buntes Gemisch ursprünglich europäischer mit orientalischer Magie darstellte. Da ist es nun gewiß interessant, daß die Juden auch hier ihre Religionsbücher so verehrten, daß sie nur in .diesen» geheime Offenbarungen finden wollten. So entstand die Kabbala, allerdings ein spezifisch jüdisches Werk, aber kein auf Aberglauben aufgebautes. Auf den Trümmern all dieser mittelalterlichen Werke erhob sich dann endlich im 18. und 19. Jahrhundert unsere moderne Wissenschaft. Lrnjsmms Liebeslied. (4. Forts.) Roman von S a m u c I M eise l s. ls Benjamin zum erstenmal von Jossel Schlüte in dessen väterliches Heim eincseführt wurde, ahnte er es nicht, daß ihm in kurzem ans diesen ernst-stillen Räumen der Frühlingshauch jugendfrischer Heiterkeit entgegenwehen werde. Bei seinem ersten Besuch begegnete er hier jener rauhen, das Zartgefühl verletzenden Indolenz, wie sie der Hochmut der Erwachsenen in Gegenwart von» Kindern häufig zeigt. Kalman Schlüte kümmerte sich um seine Anwesenheit gar nicht, sondern las ungestört weiter in irgendeinem frommen Buche, wobei er den Text mit einem behaglich gedehnten Singsang begleitete. Frau Zirele schaffte allerdings Backwerk und Früchte herbei, aber es war deutlich zu merken, daß sie es Benjamin gab, ohne ihn zu bewirten; sie gab es ihm, wie im Getto Altmütter an