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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-01 · Heft 31 (1.8.1919) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 31 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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344 biiv Darlegung der eigentlichen unterschiedlichen Wesensmerkmale beider Religionen beschranken. Mit sachlicher'Ruhe, aber auch mit allem berechtigten Freimut geht der Verfasser ans Werk. Vornehm und leidenschaftslos bemüht er sich, -dem Christentum gerecht gl werden, frei von dem Wunsche, es anzugreifen oder das Verdienst herabzu setzen, das Millionen durch seinen Einfluß Beselignng finden und empfinden ließ, llnter dieser Voraussetzung darf er sicher sein, Interesse zu erwecken. Denn so gefaßt, kann dieses Thema unmöglich allein den Kundigen, den Theologen oder den Forscher vom Fach, beschäftigen. Das Büchlein führt uns sogleich an das Zentrum, von dem aus die auseinanderstrebenden Duellen ihren Ansgang nehmen, und übergeht die Fragen, über die eine Debatte Nieder nötig noch fruchtbringend wäre. Zwischen den einzelnen Bekenntnissen der christlichen Religion mögen tiefe (Gegensätze klaffen, aber bis hinein in den freigerichteten Protestantismus mit seinen Umdeutungen von (Glaubenssätzen bleiben doch die unantastbaren Dogmen, auf denen die Geschlossenheit des Christentums sich ausbaut. Es ist ein sehr glücklicher Gedanke, die Betrachtung an diese Anschauung zu knüpfen imb ihr die Geschlossenheit der jüdischen Religionsanschauung gegenüberzustellen. An der Lehre vom Menschen scheiden sich die Geister. Das Christentum verkündet die Erbsünde, die mit dem ersten Geschlecht ins Leben tritt. Das Judentum läßt die Sterblichen frei und unberührt von Schuld aus der Hand des Schöpfers hervorgehen. Durch diese Lehre steigert es sein sittliches Gefühl der Verantwortung zu höchster Kraft, ruft es zu voller harmonischer Entfaltung aller seiner Gaben, gibt es der Religion und dem Leben ihre Rechte am Menschen. Ist die Sünde dem Judentum etwas Voriubergehendes, das getilgt und überwunden werden mui?, so ist sie dem Ehristentum geradezu ein Zentralpunkt, um den sich wesentlich seine Lehren kristallisieren. Sie nimmt in seinem Empfinden und Vorstellen einen unverhältnismäßig breiten Raum ein, dessen Ernst gewiß nicht verkannt werden soll. Aber sie drängt zu dem Glauben, daß das Heil nur ruht in der Gnade Gottes, nicht aber auch in der tätigen Mitwirkung des einzelnen, was wiederum dem Judentum wesentlich ist. Die Passivität des einen und die Aktivität des anderen zwingen aber auch zu einer grundverschiedenen Bewertung der Kultur. Das Leben beherrschen durch die Religion, lehrt nur das Judentum, das sich frei weiß von jeder Weltflucht, von jeder Weltverneinung, von jedem Zwiespalt und jedem inneren Widerspruch, der daraus erwachsen wüßte. Das Christentum bedarf der Erlösung, und es gewährt sie nur durch einen Mittler, durch den Opfertod Jesu, durch die Heilstatsachen, die in den Sakramenten als Selbstzweck sinnenfällig wirken und durch ihre geheimnisvolle Sprache öder Absicht der Erneuerung und Heiligung des Lebens Vorarbeiten wollen. Diese Botschaft ist dem Iudentum durchaus wesensfremd: es verlangt nach jener Versöhnung, an der zwei Mitwirken, ein Gott in seiner Gerechtigkeit und Gnade und Liebe und ein Mensch, der reuig büßend um Vergebung unmittelbar an seinen Gott sich wendet und dadurch seinen Willen nach Selbstheiligung und Vervollkommnung vertieft. Ter Tag der Versöhnung ist ihm darum die ergreifendste Feier, die eine Religion ersinnen konnte. So steigert das Judentum die sittliche Kraft des Menschen empor und pflanzt ihm die Hoffnung ein auf eine Zeit der Zukunft, in der das gleiche Ziel alle Welt durchdringt und beseelt. Der messianische Gedanke des Judentums, dreier unverwüstliche Glaube an den sittlichen Aufstieg des Menschengeschlechts, diese frohe Botschaft der Lebensbejahung, kann nie sich abschließend vollenden, während im Christentum die Erscheinung einer einzelnen Persönlichkeit als ein für allemal abgeschlossenes Ereignis sich begreift. Hier scheiden, sich abermals tiefgreifend die Religionen. In den Mittelpunkt der jüdischen Lehre kann nie eine einzelne Persönlichkeit treten wie im Christentum, und sei sie noch so sehr alles Irdische überragend wie Christus. Das Judentum bewahrt sich so vor jeglicher Erstarrung seiner Lehrmeinungen und lebt des Glaubens, den schon seine alten Weisen ausgesprochen, daß kein Geschlecht ohne bedeutsame Männer führerlos dahin»- treibt. Das Judentum kennt keine Kirche, die allein Heil und Seligkeit zu vergeben hat; der Begriff Synagoge hat sich nie zu dieser Anschauung verengt, so wenig wie das Judentum das Gesetz je als eine Last oder Fessel empfunden hat, sondern als eine Anleitung zur sittlichen Emporsteigerung des einzelnen, zur Ahnung der Gottesnähe, zur Erwirkung der Gottesgemeinschaft. An diesem Vätererbe sestzuhalten um unsertwillen und um der Menschheit willen, das ist unsere Ausgabe. Indem wir Gerechtigkeit gegen andere üben, begreifen wir den hohen Wert unserer Religion, wie wir dem Büchlein Dienemanns entnehmen. Das Merkchen ist leichtfaßlich, und verständlich gehalten, im besten Sinne volkstümlich geschrieben. Run ist notwendig, daß es weniger erhoben und desto mehr gelesen wird, zumal von den Gebildeten unter uns. Das Judentum wird man nicht hochmütig abtun, wenn man es einmal von so hoher Warte aus durch unbefangene, leidenschaftslose Vergleichung mit dem Christentum schätzen, werten und lieben lernt. Darum, meine jungen Freunde, leset ernst und nachdenklich Dienemanns Buch! Es hat euch viel zu sagen. Irrende wird es leiten. Schwankende ausrichten, und der Einsichtige wird es einsehen. Dir Juden und drr pderglaubr. Von U. T Q> r t ü r u g a. en Inden wird von gegnerischer Seite immer wieder vorgeworfen, daß sie sich mit Unrecht als das erste rein monotheistische Volk bezeichnen und daß sie seit jeher dem Aberglauben! ergeben waren. Man führt als Beweise rücksichtlich der Gegenwart verschiedene Gebräuche und Anschauungen der sogenannten orthodoxen Juden an und betont, daß die Kabbala ein spezifisch jüdisches Werk sei, daß also die Juden das ganze Mittelalter hindurch Magie getrieben, hätten. Was indessen das Altertum anbelange, so erzählten viele römische und griechische Geschichtsschreiber, daß im ganzen großen römischen Reiche zahlreiche jüdische Zauberer und Wahrsager umhergezogen wären. Im übrigen! fände man ihre Könige und Weisen im beständigen Umgänge mit Magiern und Beschwörern. Im ersten Buche Samuel nehme Saul Zuflucht zur Hexe von Endor. Achas brachte Menschenopfer dar (2. Chron. 28, 3), während es von Manasse heiße: „Und er ließ seine Söhne durchs Feuer gehen im Tal des Sohnes Hinoms und wählte Tage, achtete auf Vogelgeschrei und zauberte und stiftete Wahrsager und Zeichendenter und tat viel, das dem Herrn übel gefiel, ihn zu erzürnen" (2. Chron. 33, 6). Diese Tatsachen können allerdings nicht bestritten werden, wenn man vielleicht auch der Genauigkeit halber konstatieren muß, daß König Saul den Zauberern und Hexen sonst sehr schlecht gesinnt war; allein es ist falsch, daraus zu schließen, daß die Religion der Juden mit diesen Dingen etwas zu schaffen gehabt habe. Um die Frage richtig zu beantworten, müssen wir uns erst über die Definition des Begriffes Aberglauben im klaren, sein. Als Aberglaubenwird jede Annahme bezeichnet, die entweder keine Berechtigung in einer bestimmten Religion hat oder der naturwissenschaftlichen Auffassung einer bestimmten Zeit

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