Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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343 Moritz Dorn. (Zu seinem 70. Geburtstage.) m 6. Ab (2. August d. I.) vollendet M oritz Dorn, der 44 langjährige Vorsitzende des „Esra", des ältesten Vereins der deutschen Juden zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien, sein 70. Lebensjahr. Der Jubilar entstammt einer -alten deutsche-jüdischen Familie, die ursprünglich in Friedeberg in der Neumark ansässig war und dort mehrere Generationen hindurch mit Erfolg Landwirtschaft betrieben hatte. Im ersten Drittel des vor igen Jahrhunderts übersiedelte jedoch Joseph Dorn nach Berlin, wo ihm am 25. Juli 1849 (6. Ab 5609) unser Jubilar, Moritz Dorn, geboren wurde. Nach Absolvierung des Gymnasiums begab er sich auf Reisen, besuchte Frankreich und England und brachte längere Zeit in London zu, wo er im Hause des Chiefrabbi Nathan A d l e r ein gerngesehener Gast war. Nach Deutschland zurückgekehrt, bewirtschaftete er einige Jahre ein eigenes Gut in Pommern, ward dann Bergwerksbesitzer in Ungarn und steht gegenwärtig an der Spitze einer großen Berliner Jmmo'biliengesell schaft. Moritz Dorn erfreut sich in Berlin einer großen Volkstümlichkeit, die er seiner ausgedehnten Wohltätigkeit verdankt. Jeder Notleidende ohne Unterschied der Konfession darf getrost an seine Tür pochen, sicher, da ein Almosen zu erhalten, das ausreicht, sich einmal satt zu essen. Die Verteilung geschieht unter weitgehender Aufsicht des Wohltäters, der sorgfältig darüber wacht, daß würdige Arme vom Personal nicht wie gewöhnliche Bettler behandelt werden. Nebst der Wohltätigkeit in der Art des altjüdischen A'lmosengebens ist Moritz Dorn auch als Spender großer Beträge und als Wohltäter im modernen Sinne rühmlichst bekannt. In noch höherem Grade als in Berlin ist Moritz Dorn im übrigen Deutschland in seiner Eigenschaft als langjähriger Vorsteher des ,-Esra" bekanntgeworden. Der uns zugemessene Raum gestattet nicht, DovN's Verdienste um den. „Esra" ausführlich darzulegen-. Er ist gegenwärtig das älteste Mitglied des Zentralkomitees des Vereins, dem er schon im Jahre 1889 beigetreten ist und in welchem er drei Jahre lang das Amt des ersten Schriftführers versah. In dieser Eigenschaft führte er die damals schon sehr ausgedehnte Korrespondenz des Vereins und ersparte ihm die Kosten für eine bezahlte Kraft. Auch als er. 1892 an Stelle desausgeschiedenenRittergutsbesitzers M a x I tz i g auf Schepitz bei Exin zum Vorsitze n den des „Esra" gewählt wurde, blieb Dorn sein eigener Schriftführer imb Sekretär, besorgte eigenhändig die stets wachsende Korrespondenz, überwachte und leitete die Expedition der Mitgliedskarten und opferte dem „Esra" alle seine Mußestunden, bis schließlich die Ausbreitung des Vereins die Errichtung eines Bureaus zur unabweisbaren Notwendigkeit machte. Neben den Geschäften des „Esra" leitet Dorn noch die im Jahre 1897 von ihm mitbegründete „Jmportgesellschaft Palästina", welche sich hauptsächlich mit dem Vertrieb der in jüdischen Kolonien Palästinas erzeugten Weine beschäftigt. Ferner ist er Vorsitzender und gleichzeitig Schatzmeister der 1870 entstandenen „Amicitia", eines Vereins zur Erteilung deutschen Elementarunterrichts an junge Ostjuden, gehört der Kommissio w zur Ernennung von Ehrenbeamten der Berliner Jüd ischen E Moritz Dorn Gemeinde an, ist Mitglied des Talmud-Vereins und wirkt segensreich auch in verschiedenen anderen Vereinen und Wohlfahrtseinrichtungen. Zugleich besitzt unser Jubilar einen ausgedehnten Freundes- und- Bekanntenkreis, der sich auf die besten Kreise der Berliner Gesellschaft erstreckt. Offiziere, höhere Staatsbeamte und zahlreiche christliche Gelehrte verkehren in seinem gastlichen Hause und lernen da den aufrechten Juden kennen, und schätzen. Dieser eigenartige freundschaftliche Verkehr eines gesetzestreuen, selbstbewußten Juden mit hochgestellten', meist kirchlich gesinnten Christen, von denen mancher vom Antisemitismus gewiß mehr als einen bloßen Hauch hat, beweist, daß Bekennermut das beste Hausmittel gegen den Judenhaß ist. Mit dem 2. August überschreitet Moritz Dorn die Schwelle des Greisen alters. Er ist aber völlig rüstig und durchaus imstande, seine zahlreichen Aem'ter — berufliche wie freiwillig übernommene — auszufüllen. Möge ein gütiges Geschick diesem prächtigen Manne gestatten., noch viele Jahre in bisheriger Rüstigkeit zu schaffen und zu wirken! I. Tu ross. Judentum und Christentum. Von Stadtrabbiner Dr. Behrens (Göttingenl ine Minderheit, welcher Art sie auch sei, hat die Pflicht, sich zu verteidigen. Dazu wird sie regelmäßig durch äußere Einflüsse und durch inneres Bedürfnis gedrängt. Sie lernt dadurch mehr denn je ihrer eigenen Kraft 'vertrauen und ihren Lebenswillen an spornen. Das Judentum hat immer unter dem Bann dieses Zwanges verharrt, selbst in den Tagen der Freiheit. Auf den Höhepunkten seines geschichtlichen Verlaufs konnte es nicht oft sich rühmen, daß man leidenschaftslos seine Leistungen erwog und anerkannte. Es sah sich darum vielfach genötigt, sich bald mit den philosophischen Lehren, bald, wenn auch seltener, mit der Religion seiner Umgebung auseinanderzusetzen. Die gelehrten Werke, die wir diesem Streben verdanken, stellen das Rüstzeug zum Waffengange dar, den man uns niemals erließ. Die engere Berührung mit der Religion anderer Bekenntnisse, zu der der Umschwung in der Geschichte des neuzeitlichen Judentums führte, erforderte aber auch Verteidigungsmittel, die auf wissenschaftlicher Grundlage die Unterscheidungslinien zwischen Judentum und Christentum klar und scharf ziehen. Gewiß ist es wahr, daß wir in den letzten Jahrzehnten viel zu sehr unsere Kräfte zur Abwehr nach außen erschöpften und viel zu wenig innere Arbeit leisten konnten. Gar zu leicht wird dadurch der Anschein erweckt, als ob zwischen orthodoxem Judentum und Christentum Unterschiede beständen, zwischen freiem Judentum aber und Christentum die Grenzen sich verwischen. Der uns aufgedrängte Kampf um die Gleichberechtigung mag den Glauben Hervorrufen, als ob es uns nur um eine Pflicht der Pietät gegen das Erbe der Väter oder auch um einen trotzigen Eigensinn ginge. Daß dem nicht so ist, daß nicht von einer Annäherung des freien Judentums an das Christentum die Rede sein kann, hat mit erfrischender Deutlichkeit D i e n e m a n ist) in seinem Büchlein „I u d e n - t u m u n d C h r i st e n t u m" nachgewiesen. Im Hinblick darauf, daß es an gelehrten Untersuchungen über diesen Gegenstand nicht fehlt, konnte das Buch sich auf y I. Kauffinann, Frankfurt a. M. 1914. 8°, 56 S.; erscheint soeben im gleichen Verlag in zweiter Auflage.