Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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342 Lnrdrnssukgabrn des Judentums. Don Sanitätsrat Dr. Scherbel (Lissa i. P.). en Friede n haben wir nun! Er ist zwar nicht schön, aber - es ist doch Friede, wenn es auch im Osten noch immer wetterleuchtet. Die tiefen Wunden der Völker können jetzt vernarben, und die Weltkrankheit, die der ungeheuerliche SXx\cc\ hinterlassen hat und die sich in Streiks, Revolten und dergleichen angenehmen Dingen mehr, gleich wie in Krämpfen, austobt, loird znr Heilung kommen, wenn sich die Menschheit ans sich selbst besinnen lind die bolschewistische Suggestion mit eisernem Witten von sich abschntteln wird. Diese bolschewistische Suggestion hat mit den Juden und dem Judentum nichts zu tun, wenn man es mtcf) auf gewisser Seite eifrig und unbelehrbar immer wieder behauptet, weil man es so für seine Zwecke braucht, und die Eisner und Trotzki weisen jede Gemeinschaft mit dem Judentum und jedes Eintreten für die Juden von sich. Ein trauriges Geschick aber will es, daß die Juden, dieser „Schlemihl" unter den Völkern, immer von neuem in das Kriegs-getüm-mel hineing-erissen werden, -da, wo es am dichtesten ist, und daß die Juden in Malizien, in der Ukraine und im Sowjet-Rilßland selbst nach Abschluß des Weltkrieges noch nicht zur Ruhe kommen können. Und sie wollen doch mix Frieden und lechzen nach Ruhe und Frieden, wie der gehetzte Hirsch nach einem Trunk aus der kühlen, sris chen Wald quelle. I s r a e l Zang w i l l sagte kürzlich in einer Rede für den Weltfrieden im Pavillon-Theater zu London: „Wir Juden, deren nationaler Gruß „Scholamn" (Frieden!) ist, können nur unser Haupt verhüllen, wenn wir sehen, daß die größten Vertreter der Christenheit die einzige Gelegenheit vorübergehen ließen, um in der Welt Scholaum zu machen." Gibt es noch ein Volk, das in seinem heiligen Schrifttum, durck seine Propheten, in seinen Gebeten den Frieden so verherrlicht, seine Segnungen» so gepriesen hat wie die Juden! Kaum eine Seite in seinem täglichen Gebetbuche, wo es nicht beißt: „Gib Frieden uns, deinem Volke Israel und der ganzen Menschheit." Und wenn der fromme Jude am Freitagabend aus dem Tempel gekommen ist und seine Kinder gesegnet hat, dann singt er ein traulich klingendem Friedenslied. Es ist wahr, wir finden auch sonst in der Weltliteratur viele Lobhpmen auf den F r ie d e n , aber mit nicht geringerer Begeisterung wird auch der Krieg gerühmt. Von letzterem heißt es in „Wallensteins Tod": „Der Krieg ist schrecklich, wie des Himmels Plagen, Doch er ist gut, ist ein Geschick wie sie." Und derselbe Schiller sagt in der „Jungfrau von Orleans": „O schöne Blume des Siegs, die gleich die edlen Himmelsfrüchte Fried' und Versöhnung trägt." Aber er fügt bald darauf hinzu: „Eine Versöhnung ist keine, die dam Herz nicht ganz befreit. Ein Tropfen Haß, der in dem Freudenbecher zurückbleibt, macht den Segenstrank zum Gift." Erinnert das nicht an unsere Zeit? Wo ist die Versöhnung geblieben, die, nach den Worten des neuesten Propheten Wilson, der jetzige Friede bringen sollte? Ist jemals ein ehrenvoll unterlegenes Volk härter behandelt, sind ihm je grausamere Friedeusbedingungen auferlegt worden, die seinen Lebensnerv gl lähmen, ja die Wurzeln seines Daseins zu ertöten drohen, als jetzt dem edlen deutschen Volke, der Nation der Dichter und Denker, den Männern, von denen die Engländer in den Kämpfen in China einst sagten: „Mm Germans to the front" („Die Deutschen an die Spitze")? Derartige Grausamkeit, die sogar so weit geht, daß man den abgezehrten Frauen und Kindern die letzten Milchkühe wegnimmt — und das sind die Kulturvölker, welche die Liebe predigen —, findet man bei den Juden, dem Volke des „Rachmonus", der Barmherzigkeit, des Mitleids und der Mildtätigkeit, nicht. Und doch wagen es antisemitische Blätter jetzt wieder, von dem Rachegott der Juden und der jüdischen Grausamkeit zu schreiben, und wollen sogar die Greuel der Pogrome damit entschuldigen. Einmal findet sich sogar ein Hinweis, als ob K a r l Emil Franzos mit besonderer Vorliebe die Grausamkeit bei den Juden geschildert hätte. Das ist durchaus unzutreffend. Nicht die von den Juden, sondern die an ihnen begangenen Grausamkeiten sind in den Werken« von Franzos wiedergegeben. In seinem Buche „Die Grausamkeit" I schreibt Hans Rau: „Unter den deutschen Autoren» die mit vollendeter Kunst die Grausamkeit schildern, nimmt Karl Emil Franzos eine hervorragende Stelle ein. Dieser Schriftsteller, der sich insbesondere durch seine Sittenbilder aus „Halbasien" große Verdienste erworben hat und ju den größten Erzählern unseres Volkes gehört, hat in seiner Skizze „Die Gezwungenen" die geistige Grausamkeit in der höchsten Potenz dargestellt. Ein jüdischer Pole, der für seine nationale Gesinnung von der russischen Regierung nach Sibirien verschickt worden ist, schildert die von ihm erduldeten Leiden. Nach zehn Jahren des furchtbarsten Jammers wird er „begnadigt", nachdem man ihn gewaltsam zum Christen gemacht hat. Aehnliche tiefergreifende Schilderungen finden. wir in den Erzählungen „Lateinische Mädchen", „Mein Onkel Bernhard" u. a. von Franzos." Also mit der Grausamkeit der Juden ist es nichts, und selbst das Schächten, das von unseren berühmtesten Physiologen, Aerzten und Naturforschern verteidigt wird, darf dafür nicht als Beispiel herangezogen werden. Und trotz alledem dürfen dK Juden die Augen nicht verschließen vor den großen Gefahren, die sie gerade jetzt, wo man überall nach einem „Sündenbock" sucht, bedrohen. Mehr als ie müssen sie zusammenhalten, alles Trennende in den Hintergrund treten lassen ilnd die zerrissenen geistigen Fäden unter den Juden der Welt wieder zu knüpfen suchen, nicht um die „Weltherrschaft" zu erringen, sondern um wieder aufbauen zu helfen, was an Werken der Kültilr, Zivilisation und Menschlichkeit durch den Krieg vernichtet worden ist. Das ist die erste -und wichtigste Friede n s anfg a b e für das Judentum. Das Wort „Kol Ji.sroel cliawerim" muß jetzt, wo der Friede die Mauern niederreißt, welche die Zwietracht zwischen den Völkern der Erde gezogen hat, wieder zur Geltung kommen. Palästina, das Land der Väter, wird vielleicht eine Zentrale der Hilfe werden, von wo aus die Stimme der gedrückten und gequälten Juden, wie auf weltumspannenden Aetherwellen, leichter zu den Mächtigen der Erde gelangen und, gleich einem elektrischen Strome, ihre Herzen bewegen, rühren und erwärmen wird. Aber mehr noch wird wirken der Geist sozialer Gerechtigkeit und Humanität, welcher der jüdischen Religion innewohnt. Ihn znr Erkenntnis auch nichtjüdischer Kreise zu bringen, wird eine Hauptaufgabe der Apologie, ernster Abwehrarbeit und aufklärender Tätigkeit sein müssen. Geschieht dies in sachlicher, ruhiger und verständiger Weise, dann werden mit der Zeit auch die Uebelwollenden und Feinde des Judentums sich überzeugen lassen, und der gute Wille wird bei ihnen über das Vorurteil triumphieren. Denn zuletzt siegen nicht Kraft und Stärke und Haß, sondern die weltbezwingenden Ideen der Wahrheit, des Rechts und der Liebe. h Verlag Hermann Barsdorf, Berlin W 30.