Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
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-341 täte zugrunde legende Idee ist. Polens Zukunft hängt vom staatsbürgerlichen Bewußtsein alter seiner freien Bürger, geeinigt durch Recht und Gerechtigkeit, von -einem gemeinsamen Staatsinteresse geleitet, ab. Polen darf sicher sein, daß es seine jüdischen Staatsbürger zu jeder Zeit zur freudigen Mitarbeit bereit finden wird. Ein Regime der Gewaltpolitik, der offenen und geheimen Beigünstigung von Pogromen und Gewalttätigkeiten wird dieses Ziel niemals eirreichen. Die -gesamte Kulturwelt verfolgt mit besonderem Interesse die Entwicklung der Verhältnisse in diesem schwer geprüften Lande. Möge dieser Traktat ein Wegweiser für die polnische Nation werden zum gemeinsamen Woihle des neuerstandenen Polens und seiner jüdischen Bevölkerung.. * Die polnische Agrarreform und die Juden. Das Jüdische Pressebnreau in Stockholm meldet: Ter Polnische Landtag hat ein Gesetz über die Agrarreform aniicnommcn. Dieses Gesetz beschränkt den Privatbesitz von Grund und Boden im eigentlichen Polen auf das Marimnm von 180 Hektar nnd in den anderen Gebieten auf das Maximum von 400 Hektar. Dieses Gesetz, das von den Nationaldemokraten und anderen Reaktionären anss heftigste bekämpft wurde, wurde mit den Stimmen der Bauern, Sozialisten und Nationaljnden angenommen. Die Stimmen der jüdischen nationalen Abgeordneten waren ansschlaggeben, da die Mehrheit aus einer einzigen Stimme bestand (183 für, 182 gegen). Die Rabbiner Holpern und Perlmutter absentierten sich von der Sitzung. Rach der Abstimmung dankten die Bauerndeputierten den jüdischen nationalen Abgeordneten in herzlicher Weise für die Unterstützung und drückten die Hoffnung ans, daß dieser Schritt dazu beitragen werde, die Beziehungen zwischen den Juden und Polen zu verbessern. * Der K. f. d. O. wird aus Warschau berichtet: Die von Wilson eingesetzte K o m m i s s i o n zur U n t e r s u ch u n g der Judenfrage -in Polen unter Führung von Morgenthan ist bereits hier eingetroffen. Sie besteht ans zwölf Personen. Ihr Arbeitsprogrannn und ihre Vollmachten sind sehr weitgehende. Sie wird auch andere Städte Polens und Litauens, speziell die Orte, in denen Pogrome stattgefnnden haben, besuchen, weshalb man schon heute mit einem dreimonatigen Aufenthalt der Kornmission in Polen rechnet. Der Ministerpräsident Paderewski beauftragte das Ministerium des Aeußern, der Kommission die Arbeit möglichst zu erleichtern. Sämtliche Ministerien und Amtsstellen wurden angewiesen, alle nötigen Dokumente und Daten zur Verfügung zu stellen. Mit den vorbereitenden Arbeiten sind der Leiter des englischen Referates im Ministerium für Aeußeres, H. Zultowski, und der gegenwärtige Leiter des jüdischen Referates in diesem Ministerium, A. Wotowski, betraut worden. Außer den Einladungen, die seitens des Ministeriums des Aeußern all eine ganze Reihe von Persönlichkeiten aller jüdischen Parteien und Richtungen bereits ergangen sind, werden auch noch andere Persönlichkeiten, jüdische wie nichts üdische, insbesondere verschiedene Fachmänner und Experten der einzelnen Ministerien und Aemter, eingeladen werden. Die Reihenfolge und die Rainen der Einzuladenden wird die Kommission selbst bestimmen. Man ist hier auch aus die Aussagen des Leiters der amerikanischjädischen Lebensmittelkommission, Dr. Bogen, von dem der amerikanische Gesandte in Warschau, H. Gi'bson, behauptete, er habe seine Berichte an die amerikanische Regierung mitunterschrieben, sehr gespannt. Alan hält es in jüdischen Kreisen für unglaubhaft, daß Dr. Bogen die Pogrome in Polen in Abrede gestellt habe. * Erklärung der Omsker Regierung über die Judenfrage. Anläßlich der Eröffnung der Nationalversammlung in Omsk erklärte der Premierminister Wologatzky in einem Interview den Vertretern der Presse, daß sowohl er wie auch seine Ministerkollegen jedem Antisemitismus fernstünden, lieberhaupt sei in Sibirien jeder Judenhaß unbekannt. Wenn auch \m Jahre 1905 in gewissen sibirischen Städten antijüdische Unruhen vorgekommen seien, so waren dies jedoch keine Pogrome, die dem Haß der eingeborenen Bevölkerung gegen die Juden entsprungen wären, sondern von eingewanderten Elementen künstlich hervorgerusen. Für die sibirische Regierung kommt bei Besetzung von Regierungsstellen und Vertrauensämtern Nationalität und Religion nicht in Betracht. Viele Inden bekleiden wichtige administrative Stellen. Auch unter den Richtern gibt es zahlreiche Juden. Die Omsker Regierung betrachte den Antisemitismus als gegen die Interessen des Staates und die Rechte des Volkes gerichtet und wird jeden Versuch, ihn im Lande zu verbreiten, bekämpfen. * Dem Londoner Vertreter der „Jüdischen Morgenpost" wird aus New Port telegraphiert, daß führende jüdische Kreise eine große Kolonisierungsaktion im Westen Amerikas vonbereiten, die sich damit zu beschäftigen hat, den gewaltigen jüdischen Emigrationsstrvm aus Rußland und Polen zu regeln. Die Verhandlungen mit der amerikanischen Regierung wegen. Abgabe entsprechenden Bodens für diesen Zweck und wegen Erteilung vollster Autonomie für diese jüdischen Kolonisten sind bereits in vollem Gange und man erwartet gute Resultate. * Zum Schluß folgende dankenswerte Zuschrift von Herrn Dr. I. Stanjek: Gottfried Keller und die Judenemanzipatiou. Der große Schweizer Dichter Gottfried Keller, dessen 100. Geburtstag kürzlich im gesamten deutschen Sprachgebiet mit herzlichster Anteilnahme begangen wurde, war ein Feind aller Unduldsamkeit ans Politischem, wirtschaftlichem und religiösem Gebiet, und er brachte diese seine liberale und tolerante Gesinnung in seinen Schriften mehr als einmal deutlich genug zum Ausdruck. Im Jahre 1861 wurde er bekanntlich zum ersten Staatsschreiber des Kantons^ Zürich erwählt. In dieser Stellung lag ihm auch die Abfassung der „Mandate" ob. die nach altem Brauch im Aufträge des Großen Rates von Zürich vor den Dank-, Buß- und Bettaaen in den dortigen Kirchen verlesen wurden. Mehrere dieser Mandate haben als Politische Glaubens--, bekenntnisse des Dichters einen bleibenden Wert: das gilt besonders von der ersten Kundgebung dieser Art, dem „Mandat für den auf Sonntag. 21. Herbstmonat 1802 festgesetzten Dank-, Bußnnd Bettag", das in den „Nachgelassenen Schriften" Gottfried Kellers veröffentlicht worden ist. Das Mandät handelt von der in Zürich inr Jahre 1862 endlich durchgesührten Glei ch b e r e ch t i a n n g d e r I n d e n mit der übrigen Bevölkerung, nnd es -heißt darin: „Der von Euch erwählte Große Rat, liebe Mitbürger, hat mit einigen wenigen Paragraphen das seit Jahrtausenden geächtete Volk der Juden für unseren Kanton seiner alten Schranken entbunden, und wir haben keine Stimmen vernommen, die sich aus Eurer Mitte dagegen erhoben hätten. Ihr habt Euch dadurch selbst geehrt, und Ihr dürft mit diesem Gesetze, das ebenso sehr von der Menschenliebe wie aus Gründen der äußeren Politik endlich geboten war, mit kommenden Bettage getrost vor -den Gott der Liebe uni der Versöhnung treten. An Euch wird es sodann sein, das geschriebene Gesetz zu einer fruchtbringenden, lebendigen Wahrheit zu inachen, indem Ihr den Entfremdeten und Verfolgten auch im gesellschaftlichen Verkehre freundlich entgegengeht und ihrem guten Willen, wo sie solchen bezeigen, behilflich seid, ein neues bürgerliches Leben zu beginnen. Was der verjährten Verfolgung und Verachtung nicht gelang, wird der Liebe gelingen; die Starrheit dieses Volkes in Sitten und Anschauungen wird fich^lösen, seine Schwächen werden sich in nützliche Fähigkeiten, seine mannigfaltigen Begabungen in Tugenden verwandeln, und Ihr werdet eines Tages das Land bereichert haben, anstatt es zu schädigen, wie blinder Bersolgungsgeist es wähnt." *