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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-01 · Heft 31 (1.8.1919) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 31 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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-—- 339 Zeitungsartikeln, Versammlungen Unddes Sejms gelingen wird, uns von dem Stigma der Reaktion und des Antisemitismus zu*befreien.. Uns tun nicht bloß Taten,. sondern kluge, reife Taten not. Herr Dmowski muß ein für allemal als polnischer Repräsentant im Auslande erledigt werden." * Das „Neue Wiener Journal" berichtet über eine Unterredung mit, dem Wiener Oberrabbiner Dr. Chajes über das Judenprob'lem im östlichen Europa, wobei dieser über das genannte Thema sich folgendermaßen äußerte: Die Lage der jüdischen Bevölkerung in den osteuropäischen Ländern ist eine überaus traurige und erfordert rasche Hilfe. Diese Hilfe kann freilich nur vom Völkerbund kommen. Gewiß hat es auch unter den Juden illoyale Bereicherungen gegeben, aber es-mutz immer und immer wieder hervorgehobeu werden, daß die einzige Klasse, denen, von Schleichhändlern abgesehen, der Krieg dauernde ökonomische Besserung gebracht hat, der Bauernstand war, während die Juden im ganzen vom Kriege weit schwerer getroffen wurden als die christliche Bevölkerung. Speziell in den kleinen Landstädtchen sterben sie zu Tausenden buchstäblich.an Hunger und es fehlen selbst die Mittel zu einer anständigen Beerdigung. Einzelne christliche Würdenträger verhalten sich korrekt, der Erzbischof von Krakau sogar wohlwollend; aber der größte Teil des Klerus hetzt in wütender Weise. Die Tatsache, daß die Deutschen sie nicht mehr bedrückten als sonst Bevölkerungen in okkupierten Provinzen, genügte zur Beschuldigung, sie seien Agenten des Deutfchtruns. In Ostgalizien speziell dienen sie als Spielball -im Streite der Polen und Ruthenen, wobei keine der beiden Völkerschaften ihnen die natürliche und berechtigte neutrale Stellung einräumen will. Die Pogrome werden wohl nicht von der Regierung, wohl aber von recht einflußreichen Kreisen organisiert. Sie "haben in letzter Zeit infolge opportunistischer Abratungen der polnischen Korrespondenten in Paris abgenommen. Nicht so die wirtjchaftliche Entrechtung. Die Auflösung der Landesausschüsse und die Zentralisierung des Ein- und Verkaufs gegenüber dem Auslande vi-eten Gelegenheit, den Juden alle erworbenen und ,a.u8geübten Monopole zu entziehen und sie bei Neuorganisierungen systematisch auszuschalten. So z. B. wurde der Salzhandel ihnen ganz entzogen: Dagegen wurzelt der Judenhaß in Rumänien keineswegs im Volke selbst. Ebenso wie mit den Russen könnten sich die Juden mit dem rumänischen Volte sehr wohl vertragen, und die Anhänglichkeit der ausgewanderten Juden an die russische Erde ist ja bekannt. Doch in Rumänien werden sie von volksausbeutenden Bojaren, die fast den ganzen Boden besitzen und nichts von ihrer Uebermacht opfern wollen, als Spielball und Sündenböcke gegenüber der ausgebeuteten Menge benutzt. Die ruthenische Regierung nur hat den guten Willen, die Juden menschlich zu behandeln. Die einzige-Rettung ist also die Kontrolle der im Völkerbund vereinigten Großmächte und die nationale Autonomie. Was die letztere betrifft, sind manche Forderungen von der Pariser Konferenz zll rück gewusen worden. Was noch verbleibt, stellt ein unumgänglich nötiges Min'imum dar und es kann dabei von einer Beschränkung der polnischen staatlichen Souveränität nicht die Rede sein. Es handelt sich im wesentlichen um das Recht, ein eigenes religiöses Leben zu führen, eigene Schulen und eigene Wohlfahrtspflege zu besitzen, eigene sozial wirkende Vereine. Die englische Regierung hat in London Juden, die am Samstag ihre Geschäfte schließen, das Recht eingeränint, am Sonntag an andere Juden zu verkaufen, und es ist uicht einzusehen, warum nicht auch in Polen das gleiche geschehen soll. Die jüdische Heimstätte in Palästina ist gesichert. Es handelt sich nur mehr darum,, die Rechte der .Araber und Juden gegenseitig abzugrenzen, wobei nicht verschwiegen werden soll, -daß die Lösung schwierig ist, weil infolge gewisser Einflüsse und gewisser politischer Konstellationen die Araber in ihren Ansprüchen immer übertriebener werden. Amerika hat gegenwärtig den Oberrichter Brandeis in dieser Angelegenheit nach Palästina geschickt und hat sich überhaupt durch seine überaus werktätige, menschenfreundliche Bemühung großen Anspruch auf Dank erworben. * Die rückständigen Wiener. Was für rückständige Menschen die Wiener sind, erfahren wir ans der antisemitischen „Deutschem- Zeitung". Da haben zwei jüdisch-polnische Grosischresber Millionen wahrend des Krieges verdient und sind dann plötzlich nach Polen übergeftedelt, um sich der Vermögensabgabe zu entziehen. Niemand wird es der „Deutschen Zeitung" verübeln, wenn sie sich darüber entrüstet. Aber das saubere Blatt kommt aus ganz etwas anderes heraus, indem es schreibt: Es ist charakteristisch ft'ir die Wiener Gemütsstimmung, daß man sich über die beiden Halunken köstlich amüsiert,, daß man in den Heuri'gen-s'chänken Bänke llic-der auf sie singt und ganz Wien vergnügt den Kehrreim mitjobeit. In Paris würde man solche Volksverräter an die Laterne hängen, und drüben in Dollarita würde man sie :eeren und federn. Im gemütlichen Wien aber ist man an derlei Hebräerscherze schon gewöhnt und begnügt sich damit, herzlich zu lachen, ja im stillen die Schlauheit dieser angenehmen Zeitgenossen noch zu bewundern. Die Hebräer haben ihre Wiener gut gezogen. Wann wird der Retter kommen diesem Lande? Ja, fragt der „Vorwärts", dem wir diese Notiz entnehmen, wann wird den Wienern der wahre Pogromheld entstehen mit Teeren, Federn, An-die-Laterne-'Hängen. und ähnlichen glorreichen Kulturtaten? Vielleicht läßt sich der famose „Ausschuß für Volksaufklärung", Köthener Straße 45, erweichen, in Wien eine Filiale zu errichten, um auch dort die Bevölkerung mit seinen Flugblättern zu überschwemmen, in denen zu Mord und Totschlag aufgesordert wird. Aber vielleicht würde man in Wien etwas weniger duldsam gegen dies Gewächs sein, als man es in Berlin ist. * Die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien. Die New Iorker jüdische Zeitung „Tag-Wahrheit" erhielt von ihrem Washingtoner Korrespondenten den Text des otm rumänischen Gesandten in Amerika von seiner Regierung zugegangenen Dekrets betreffend die Neutralisierung der Juden in Rumänien. Das vom 22. Mai l. I. datierte, vom König Ferdinand mvb dem Ministerrat gezeichnete Dokument hat folgenden Inhalt: Alle jüdischen Einwohner, die in Rumänien geboren wurden oder deren Eltern jetzt in Rumänien wohnen (wenn auch die Kinder sich außerhalb Rumäniens aufhalten), erlangen kraft des Gesetzes in dem Momente das Bürgerrecht, wo sie die einfache Erklärung abgeben, daß sie dieses anstreben. Allen Juden ohne Ausnahme, die in der rumänischen Armee gedient haben, sowie ihren Kindern wird die rumänische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Diejenigen Juden, die auf Grund des Dekrets vom Dezember 1918 die ^emngung oer Staatsbürgerschaft angestrebt haben, jedoch wegen Mangel an Beweisen, daß sie in Rumänien geboren wurden, abgewiesen worden sind, werden nunmehr ohne jegliche Formalität rumänische Staatsbürger. Das Gesetz vom Dezember 1918 wird daher außer Kraft gesetzt. Alle Juden erlangen ohne weiteres die Staatsbürgerschaft. Es wird von ihnen weder eine Erklärung in bezug aus ihre Religion, noch irgendwelche Erklärung bezüglich ihres Judentums, noch irgendwelche Gebühr oder sonstige Leistung in der Form einer Steuer gefordert werden. Diese Verfügung gilt für alle Inden in ganz Rumänien, die Moldait und Walachei inbegriffen. * Wiederum Anfragen im englischen Parlament. Das Kopenhagener zionistische Bureau berichtet: Am 15. Juli richtete Kapitänleutna'U.t Kemvorthy im englischen Unterhaus an den Unterstaatssekretär Harmsworth die Anfrage, ob er jetzt, vom britischen Gesandten in Warschau einen Bericht über die antijüdischen Pogrome in Wilna ll-nd Pinsk erhalten habe; ob der Bericht des britischen Gefall dien aus seinen eigenen persönlichen Untersuchungen in .diesen Städten oder aus persönlichen Untersuchungen anderer britischer Beamter beruhe; ob jüdischen Vertretern in beiden Städten gestattet worden sei, Erklärungen über die Ausschreitungen srei abzugeben, oder ob derartige Erklärungen nur von polnischen Vertretern empfangen worben seien; endlich, ob Sr. Majestät Regierung den vollständigen Text des aus Warschau emgetrosfeneii Berichtes veröffentlichen werbe.

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