Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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M Kinder fi-n-b von nur gegangen und sind dahin. Keiner ist, der mein Zelt anspannt und meine Umhänge befestigt", und auch die mächtigen Geister «des Alls greifen mit lauter Stimme in die Klage ein, und die Engel des Friedens weinen bitterlich?). Nim entsendet Gott seine Propheten, daß sie Israel trösten und in seinem Schmerz wieder aufrichten. Einer nach dem anderen erscheinen sie, und sie alle sind erfüllt vom Geiste des Herrn, das so schwer geprüfte und gekränkte Israel zu versöhnen, mit huldvollen Worten der Liebe für neues Glück zu stärken pnd auf neue herrliche Zeiten vorzubereiten. Allein Israel ruft den Propheten zu: Wie mögt ihr mich trösten mit Dunst? An euren Antworten bleibt übrig der Trug (Hiob 21, 34). Schon den ersten der mit der Dersöhnungsmission betrauten Propheten, Hosea, der sich Israel mit den Worten nähert: Gott läßt dir sagen: „Ich will sein wie Tau für Israel", weist es mit der Bemerkung zurück: Wie lange ist es her, daß tut mir gleichfalls im Namen Gottes mitteiltest: „Geschlagen ist Ephrajim, feine Wurzel verdorrt, Frucht tragen sie 'nicht; auch wenn sie gebären sollten, so töte ich die Lieblinge ihres Leibes" (Hosea 9, 16). Sag' an, Mann Gottes, welche Botschaft ist die richtige, auf welche soll ich hören? Und ebenso ablehnend verhält sich Israel dem letzten Propheten, Maleachi, gegenüber. Auf seine Ankündigung: Es werden et:ch glücklich preisen alle Völker, denn ihr werdet sein ein Land der Lust (Maleachi 3, 12), erwiderte ihm Israel mit beißendem Spott: Und erst gestern sagtest du im Namen. Gottes „Keinen Gefallen habe ich an euch". — Nein, ich kann euch nicht mehr glauben, euer Trost kann meine Wunden nicht heilen, meine Schmerzen nicht lindern. Gott hat mich gezüchtigt „und zur Trauerklage ist meine Zither geworden und meine Flöte für Jammertöne" (Hiob 30, 31). Und seinen Dränen freien Lauf lassend, klagte Israel für sich hin: „Wie umwölkt in seinem Zorne der Herr die Tochter Zions! Vom Himmel zur Erde herab warf er Israels Pracht. Am Tage des Grimms gedacht' er nicht des Lrts, wo seine Füße ruhten." „Er spannte den Bogen wie ein Feind, er nahm seine Stellung und stürmte; Mit der Rechten würgt' er selbst unsrer Augen liebliche Lust. lieber das Zelt der Tochter Zion wie Feuer strömte sein Grimm." Ta ließ sich eine Stimme vom Himmel vernehmen: „Wie soll ich dich trösten, Jerusalem? Was dir vergleichen? Wer hat gelitten wie du, Jungfrau, Tochter Zions? Deine Wunde ist weit wie der Ozean - Wer hat gelitten wie du, Doch halte zurück deine Stimme vom Weinen und deine Augen von Tränen, denn ich, dein Gott, bin es, der dich tröstet und wieder aufrichtet. In meiner Thora steht geschrieben: Entschädigen muß, wer einen Brand angestiftet (Exodus 22, 5). Nun, du weißt, daß ich es war, der ein Feuer in Zion entfachte, daß es seine Grundpfeiler fraß (Klagelieder 4, 11). So wisse, daß ich es bin "), der dir kündet: Ich werde dir sein eine Mauer von Feuer ringsum, und zur Glorie werde ich sein darinnen (Zecharja 2, 9). Hoffe auf die Zukunftl '"') Jalkut Schimoni Echa, K. 1: Jeremia IO, 22: Jesaja 33, 7. ") Baba Kaw-ma 60b. Sir Woche. Berlin, 28. Juli 1919. ie Warschauer' „Gazeta Polska" veröffentlicht eine längere Korrespondenz ihres Pariser Vertreters, der wir folgende bezeichnende Ausführungen entnehmen: „Bärte hatten bisher in der We'ltpolitik keine Bedeutung. Hätte ein Politiker jemals eine entgegengesetzte Behauptung gewagt, so würde man ihn wohl für verrückt halten. Kann die Entlvicklung irgendeines Staates von diesem oder jenem Bart abhängig sein? Doch! Es finden in Polen Judenexzesse staitt, die häufig mit Bartabschnei-den enden. („Wir glauben, es beginnt mit Bartabschneidereien und endet mit etwelchen jüdischen Leben," bemerkt dazu das „Jüdische Volk".) Nachrichten über diese Ausschreitungen sind in alle Welt gedrungen, namentlich Berichte über die Taten der Haller-Leute. Die Schuld wird jenen zugeschrieben, die den Judenhaß systematisch in die Köpfe der Hallerschen Soldaten gepflanzt haben. Allein in Paris wird diese Tatsache als politisches Atout gegen uns ausgespielt. Den uns feindlich gesinnten Faktoren ist es leicht, darin eine politische Tendenz zu entdecken. Und dieser politische Trumpf, der angebliche polnische Antisemitismus, der von Europa als Mangel an politischer Reife aufgesastt wird, wird .fortwährend gegen uns ausgespielt. Es ist daher begreiflich, daß das ganze polnische Volk, das mit den judenseindlichen Orgien nichts gemein hat, für die Bestrebungen der „Nationaldemokratie" des Herrn Dmowski verantwortlich gemacht wirb: einer Partei, in ton Programm un'd ganzer politischer Wirksamkeit feit langer Zeit antisemitische Parolen obenan stehen, Parolen einer erbarmungslosen Bekämpfung der Juden. Mit diesen Parolen, die im Auslande wohlbekannt sind, wollte sich diese Partei bei den finsteren Massen populär tnachen und die Aufmerksamkeit von deil sozialen Fragen ablenken. Für Dmowflis Ueberzeugung und Wirken in Polen und tm Ausland muß nunmehr das ganze polnische Volk büßen. Hellte will sich Dmowski nicht mehr zum Antisemitismus bekennen (?), allein dieser neue Kurs ist ganz neuen Datums. Kann es noch wundernehmen, daß nicht allein die linksstehende Presse, die sortwährend Polen ... in der Person des Herrn Dmowski angreist, sondern auch die rechtsstehende und letztens sogar du katholische Presse in Paris voller Empörung über die Pogrome ist? Die Frage der judenfeindlichen Ausschreitungen in Polen hat nichts Kleinliches und Lächerliches an sich; sie ist für lins von größter politischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Wir haben es erlebt, daß die bedeutendsten Vertreter des Handels und der Industrie in den verbündeten Ländern mit Unwillen von Handelstransaktionen mit Polen sprechen, das aas der Friedenskonferenz von dem reaktionären und antisemitischen Dmowski repräsentiert wird. Und was noch ltüchtiger ist: In den Friedensvertrag hat. der Viererrat eine Klausel über die nationalen Minderheiten hinemgebrächt - für Polen ein Zeugnis >des Mangels pvMscher Reise und Selbständigkeit. Dieser Punkt des Vertrages ist für uns, für -ein Volt, das immerhin hervorragende Mertnml-e emropüisckpr Kultur ausweist, eiil Schandmal. Für die politische Vergangenheit Dmowskis, für feinen kulturlosen Chauvinismus und seine Demagogie wird heute das polnische Vvlk verantwortlich gemaelst, das Volk, das die Unterdrückung durch Eroberer erlitten hat und besser als andere weist, »wie schändlich es ist, einen Glauben oder eine Nationalität Mi unterdrücken, weit es nur eigenen Leibe erfahren hat, was Unterdrückung und Knechtschaft bedeuten. Das französische Volk ist darüber empört, das; ein Teil der Haller-Soldaten auch auf die in Polen befindlichen französischen Soldaten demoralisierend wirkt. Einer bex französischen Offiziere in Warschau ließ seiner Vorgesetzten Behörde die Meldung zugehew daß französische Soldaten dank der Temorätisi-erung durch polnisches Militär und Bevölkerung an den judenseindlichen Exzessen teilgenommen haben. Die „$uinaniie" verösfentl'ickste einen Brief eines französischen Soldaten aus Polen, der sich seiner Mutter gegenüber damit brüstet, gemeinsam mit polnischen Soldaten Anteil an den Pogromen genommen zu haben." Seinen offenherzigen Bericht schließt der Korrespondent mit den Worten: „Ich glaube nicht, daß es uns mit Hilfe von