Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 31 Allgemeine Berlin, 1. Huguft 1919 eitung desAudentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und Vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32%. Begründet von Rabbiner Dv. Ludwig Philipp fon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-^9, zu richten. Verlag v* *n Rrrdolf Mosse Berlin. TlnhaH* Echa. Von A l b e r t K a tz. — D i e Woche. — FriedensillUjuU. aufg-aben des Judentums. Von Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l (Lissa i. P.). — Moritz Dorn. Von I. T u r o f s. — Judentum und Christentum. Von Stadtradbiner Dr. Behrens (Göttingen). — Die Juden und der Aberglaube. Von U. Tartar u g a. — Feuilleton: Benjamins Liebeslied. Roman von Samuel M e i s e l s. — Tischo Beaw. Von S. Aschner. — Der neunte Ab. Von Marek Scherlag. — Hantel. Von Marek Scherlag. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage der „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Breslau, Hamburg, Hannover, Stuttgart. Göppingen, Warschau. Von Nah und Fern. Lcha. Bon Alb«x t K atz. rei Propheten, Moses, Jesaja und Jeremia, bedienten sich in ihren der Nachwelt erhaltenen Reden des Wortes Echa'), das sprachlich Staunen, Schmerz, Trauer und Klage bedeutet. Echa! Ach, wie soll ich allein eure Mühe, Last und Hader tragen! (Deut. 1, 12) sprach Moses zu dem von ihm aus jahrhundertelanger Knechtschaft befreiten Israel, als es am Ziele seiner Sehnsucht, an der Grenze des gelobten! Landes sich befand. Echa! Ach, wie bist du, Burg der Treue, zu einer Buhlerin geworden!! (Jesaja 1, 22) lautete der Schmerzensruf des redegewaltigen Jesaja, dessen Unmut über die Ausartung des Volkes ihm anklagende Worte in den Mund legte, die uns noch gegenwärtig, nach Jahrtausenden, wie Donnergetöse entgegenhallen, uns erschüttern und — beschämen. Echa! Ach, wie möget ihr sprechen, „wir sind weise und die Lehre des Herrn haben wir inne", apostrophierte der unheilkündende Jeremia die Großen und Vornehmen in Israel, deren Abfall und Treulosigkeit er mit den markanten Worten geißelte: Der Storch am Himmel kennt seine Zeit, die Schwalbe und der Kranich merken sich die Stunde ihrer Heimkunft, nur mein' Volk kennt nicht das Recht seines Gottes (Jeremia 8, 7—8). . Und mit Echa! leitete er später seine ergreifenden Klagelieder ein, die „ein Vorbild aller poetischen Klagen der Zukunft", das über Israel gekommene Elend, sein tiefes Weh, seine Schmach und seine Not mit folgenden Worten zum Ausdruck bringen: „Sie weint in der Nacht, ihre Tränen sind ans ihren Wangen, nienrand tröstet sie von all ihren Freunden. Durch Elend und Trübsal von der Heimat vertrieben, würde sie gern unter den Völkern wohnen, kann aber keinen Ruheort finden" (Klagelieder 1, 2—3). Weder die Zurechtweisungen seines weitblickenden Lehrers Mose, noch die Strafreden des zürnenden Jesajas und die von bitteren Vorwürfen begleiteten Ermahnungen Jeremias vermochten Israel vor dem, wie es scheint, ihm bestimmten Geschick, unstät und flüchtig in der Welt umherzuirren, zu bewahren. „Er (Gott) sättigte mich" — klagt darum Israel — „mit bitterem Kraute, füllte mich mit Wermut" (Klagelieder 3, 15). Er sättigte mich mit Mtterkraut — bemerken hierzu unsere Weisen — in der Passahnacht, füllte mich mit Wermut in der Nacht zum neunten Ab, und fahren dann erläuternd fort: bt' plPSin DD DV ''b'b rra-r pipa nvt nr bvi dkd rwn 'b'b rrin pids Die Nacht zum ersten Tage des Passahfesties hatte die Unglücksnwcht des neunten Ab zur Folge (der neunte Ab fällt immer auf den Tag der Woche, an dem der erste Tag des Passahfestes begangen wird), und aus diesem Grunde stimmte Jeremia sein herzzerreißendes Echa an: „Weh, meine Mutter, daß du mich gebarst! Ein Stein des Anstoßes bin ich für alle Welt, selbst meine Treusten verlassen mich!" Man versucht die Bitternis, die Israel auf seinem langen Leidensweg durch die Geschichte erfahren hat, dadurch zu versüßen, daß man sie mehr als Gnade denn als Strafe des Herrn betrachtet. Ein Talmudlehrer verstieg sich, sogar, als hätte er einen Einblick in den Weltenplan Gottes erlangt, zu der Behauptung: Gott hat Israel nur deswegen unter die Völker zerstreut, damit diese die Erhabenheit seiner Lehre anerkennen und sich zu ihm bekehren sollen'). Allein dieser und ähnliche Aussprüche und Hypothesen, mit denen man im Laufe der Jahrhunderte bis auf unsere Zeit Israel mit seinem traurigen Geschick zu versöhnen suchte, waren nicht beweiskräftig genug, daß es sich über die nackte, so grausige Wirklichkeit resigniert hinwegsetzte, vermochten ihm für seinen großen anhaltenden Schmerz so wenig Trost zu bieten, wie das bekannte Wort: „Wen Gott liebt, den züchtigt er" dem Schwerleidenden irgendwelche wirksame Beruhigung zu gewähren vermag. Ach, das aus so vielen Wunden blutende Israel, das zum Prügelknaben, ja — wie wir es nach, dem fürchterlichen Krieg jetzt miterleben — zum Sündenbock der Menschheit herabgewürdigt worden ist, befindet sich in der Lage jenes von schweren Leiden heimgesuchten Rabbi, der auf die Frage seiner ihn bemitleidenden Jünger, ob die über ihn verhängten Leiden ihm angenehm seien, die uns wohlverständliche Antwort gab: „Ich will weder die Schmerzen, noch den dem Dulder in Aussicht gestellten Lohn"'). Nein, das zur Verzweiflung getriebene Israel hat für sogenannte schöne Worte keinen Sinn, für die ihm entgegentönenden Verheißungen künftiger Ruhe und künftigen Glückes nicht das richtige Verständnis. Es ist des Duldens müde. Es fühlt sich, wie einst Hiob, unschuldig leidend und scheut sich darum nicht, wegen des ihn: zugefügten herben Geschicks Gott selbst anzuklagen, indem es ihn, als müßte er den über Israel verhängten grausamen Beschluß bereuen, ein ergreifendes Klagelied, das vvn ihm schon nach dem Sündenfall des ersten Menschenpaares gedichtete „Echa", anstimmen läßt: „Mein Zelt ist zerstört und alle meine Seile sind abgerissen; meine h ibiäsm. *) P'sachim 87 b. 4) B'rachot 5 a. ') Midrasch Echa K. 1.